1. Kultur

Waldbrände am Amazonas: "Traurige Tropen" von Claude Lévi-Strauss

Aktueller Klassiker aus dem Jahr 1955 : „Traurige Tropen“ ist das Buch der Stunde

Claude Lévi-Strauss reiste einst durch den Amazonas-Regenwald. Nun steht das Gebiet in Flammen.

Man muss viel an Claude Lévi-Strauss denken in diesen Tagen. Der Regenwald im Amazonasgebiet brennt, und was da in Flammen aufgeht, ist jener Ort, den der französische Wissenschaftler, Schriftsteller, Melancholiker und Ästhet in den späten 1930er Jahren besucht hat. Er war damals Gastprofessor für Soziologie in Sao Paulo, und von dort brach er mit seiner Frau Dina Dreyfus zu mehreren ethnografischen Forschungsreisen zu indigenen Völkern in den brasilianischen Regenwald auf. Einige Jahre später veröffentlichte er ein Buch mit seinen Erlebnissen und Erkenntnissen: „Traurige Tropen“ erschien 1955 und ist, das fand nicht nur Susan Sontag, eines der „Meisterwerke des 20. Jahrhunderts“.

Man kann die Fernsehbilder vom Flammenmeer nur schwer ertragen, 82.000 Brände wurden registriert, und die Wiederbegegnung mit den „Traurigen Tropen“ macht es noch schlimmer. 300 zum Teil sehr kleine Völker vermutet man im Dschungel, mindestens 148 davon sind nun in ihrer Existenz bedroht – entweder, weil die Flammen sie körperlich versehren oder weil sie die Grundlage ihres künftigen Lebens zerstören. Diese Völker nannte Lévi-Strauss das „Reservoir der Menschheit“.

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Sein Buch durchweht große Traurigkeit, die sich ja auch im Titel wiederfindet, und sie wird ausgelöst von einer Erkenntnis: Wir Europäer, schreibt Levi-Strauss, trügen Mitschuld am Niedergang der indigenen Völker. Wir seien Eroberer und Ausbeuter. Den Fortschritt begriff er deshalb als Entzauberung. Als Ergebnis der Globalisierung prophezeite er einen unersetzlichen Verlust an kulturellem Reichtum: Es drohe die „Algebraisierung der Zivilisation“.

Der 2009 hundertjährig gestorbene Lévi-Strauss war ein Vordenker des Strukturalismus und eine der prägenden Figuren humanwissenschaftlicher Forschung. Er erkannte das Gemeinsame im Denken eines Indianers und eines französischen Intellektuellen. In der Begegnung stelle sich automatisch die Frage nach dem Menschen. Genauer: nach dem, was er sei. Diese Frage betrachtete Lévi-Strauss als das größte Gemeinschaftserlebnis des Humanismus.

„Traurige Tropen“ ist das Buch der Stunde. Es ist Tagebuch, Reisebericht, Dokumentation, Bekenntnis und poetische Reflexion. Wer es liest, wird selbstkritischer. „Der amazonische Urwald“, schreibt Lévi-Strauss, wirke zunächst wie „eine Anhäufung erstarrter Blasen, ein Turm grüner Schwellungen“. Doch sobald man ins Innere vordringe, verändere sich alles: „Von hier aus gesehen erscheint diese wirre Masse als ein monumentales Universum. Der Wald ist keine irdische Unordnung mehr; eher könnte man ihn für die neue Welt irgendeines Planeten halten, ebenso reich wie die unsrige, die an ihre Stelle getreten wäre.“

Paradise Lost. Das Feuer in Brasilien ist eine Katastrophe für die Welt.

Info „Traurige Tropen“ liegt als Suhrkamp-Taschenbuch vor. 412 Seiten kosten 22 Euro.