Waghalsiger Versuch, in der Luft zu kleben: Roman über Jörg Immendorff

Tilman Spengler : "Er war Juckpulver für den Verstand"

"Waghalsiger Versuch, in der Luft zu kleben" heißt der erste Roman über den Düsseldorfer Maler Jörg Immendorff.

Düsseldorf Jörg Immendorff hat ein turbulentes und schonungsloses Künstlerleben geführt. Gut acht Jahre nach seinem Tod - er starb als ALS - erscheint Ende des Monats der erste Roman über ihn. Geschrieben hat ihn der Autor und Immendorff-Freund Tilman Spengler.

Worauf geht Ihre Bekanntschaft mit Jörg Immendorff zurück?

Spengler Wir sind uns erstmals auf einer Demonstration in Bonn über den Weg gelaufen. Aber das haben wir erst später rekonstruiert. Ich konnte damals mit seiner Kunst nicht viel anfangen, und er misstraute mir, weil ich zwar Chinesisch sprach, doch kein Maoist war.

Und wann wurde es enger?

Spengler Das begann erst 2001, als wir gemeinsam mit Kanzler Gerhard Schröder nach China und Indien geflogen sind - als sogenannte Sondergäste Kultur oder SoGaKu 1 und SoGaKu 2, wie es im Protokoll hieß. Im gewaltigen Tross der Delegation wirkten wir da wohl wie zwei Schnapstropfen im Kelch des Exportgeschäfts.

Immendorff hat ja auch in China ausgestellt.

Spengler Das begann schon vor dieser Zeit, wurde dann aber intensiver. Ich habe für ihn Katalogtexte geschrieben und die Aussprüche der chinesischen Kunstfunktionäre gedeutet, die partout kein Bild von Mao aus Immendorffs Hand dulden wollten. Später, da war seine Krankheit schon weit fortgeschritten, habe ich ihn auch bei einem abenteuerlichen Therapie-Versuch in Peking begleitet. Genutzt hat die Therapie leider nicht.

Ihr Roman beginnt auch mit seinem Ende - der Totenfeier . . .

Spengler . . . an der ich ein wenig mitwirken durfte. Ich war überrascht, wie viele Schnipsel von Katalogtexten in den Trauerreden auftauchten. Katalogtexte sind ja selten unsterblich. Jörg hätte das gefallen.

Sie nennen Ihr Buch eine fiktionale Biografie. Was ist an der Lebensbeschreibung von Immendorff fiktional? Insgesamt wird das Leben des Malers doch verlässlich erzählt.

spengler Mir schwebte vor, erzählerisch das zu machen, was er bildlich vorgeführt hat. Eine Reihe von Tableaus zur neueren deutschen Geschichte, wenn Sie so wollen. Denken Sie nur an die Großgemälde mit dem Titel "Café Deutschland". Da geht es ja auch um eine Erzählung, nicht um historische Akkuratesse.

Ihr Buch könnte also auch "Café Immendorff" heißen?

Spengler "Korrekt", um es mit dem Lieblingswort des Meisters zu sagen. Aber mir wäre das doch viel zu anmaßend vorgekommen.

Was haben Ihnen Immendorff und sein Werk bedeutet?

Spengler In der ästhetischen Widerborstigkeit seines Werkes entfaltete sich eine ungeheure Kraft - und dass diese nicht völlig humorfrei war, gefällt mir immer noch. Faszinierend war und ist ja auch die Tradition, in die er sich stellte. Wenn ich es recht sehe, führte sie direkt zu Thomas Müntzer und den Bauernaufständen. Immendorff hob immer das Gemeinsame im Aufbegehren der deutschen Kultur gegen soziale oder politische Übel hervor. Das war ja auch einer der Impulse für seine Freundschaft mit Malern aus der damaligen DDR. Dann war da noch diese genial zeichnende Hand und, nicht zu vergessen, eine Seele, die, wenn sie gut aufgelegt war, wie Juckpulver für den Verstand wirkte.

Dass ausgerechnet er das offizielle Kanzlerbild von Gerhard Schröder malen durfte, hat ihn berührt?

Spengler Ich finde ja einen Staat ganz gut, der dieses Porträt aushält. Es steckt ja voller Ironie, was den meisten Betrachtern leider entgangen ist. Aber, um Ihre Frage konkret zu beantworten, menschlich hat es Immendorff unendlich gut getan, dass Kanzler Schröder in einer Zeit zu ihm hielt, als der Maler schon nicht mehr mit den eigenen Händen arbeiten konnte. Es standen ja auch andere Künstler begierig zum Absprung bereit.

Sie lassen sporadisch auch Stimmen großer Geister zu Wort kommen: Schopenhauer, Max Ernst oder Jean Paul. Das liest sich dann wie eine Art Totentanz.

Spengler Das ist mein Buch auch. Na, recht besehen ist es ein Untotentanz.

Vor acht Jahren ist Immendorff gestorben. Musste so viel Zeit verstreichen, bis das Buch geschrieben werden konnte?

Spengler Für mich ist das noch gar nicht so lange her. Und wie etwas reift, merkt man selber ja kaum. Ich hatte das große Glück, dass mich zu einer großen Retrospektive die Chefkuratorin der Münchner Pinakothek der Moderne um einen Beitrag zu Immendorff bat. Ich hasse nun den Jargon unserer Kunstkritiker mit einer fast schon poetischen Leidenschaft und antwortete, ich könne nur mit einer kleinen persönlichen Erzählung aufwarten. Und beim Schreiben merkte ich, dass diese Geschichte offenbar im Flaschenhals eines Gefäßes mit vielen anderen Geschichten saß. So kam der Geist aus der Flasche.

In Ihrem Immendorff-Buch habe ich den Satz gefunden, dass man sich als Künstler in der Kunst nicht außen vor lassen darf. Gilt das auch für die Literatur? Und wenn ja, wo steckt dann Tilman Spengler in dem Buch?

Spengler Bisweilen hockt er wohl als begleitender Rabe auf Immendorffs Schulter. Bisweilen räsoniert er darüber, warum er selber als Maler ein hoffnungsloser Fall geworden wäre.

(RP)
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