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Vorschau auf die Berlinale

Vorschau auf die Berlinale : Einsame Bären

Berlin. Der Wettbewerb wurde auf 15 Beiträge gekürzt, und zum ersten Mal in der Geschichte der Berlinale ist dort kein englischsprachiger Film vertreten.

Seltsam menschenleer liegt der Marlene-Dietrich-Platz in der Berliner Vorfrühlingssonne. Nur einige verirrte Angestellte, die nicht im Home-Office arbeiten, sind zu sehen. Ein paar Tauben flattern ungestört herum. Die Türen des Musical-Theaters, das sich um diese Jahreszeit normalerweise in den Berlinale-Palast verwandeln würde, sind verschlossen. Keine Absperrgitter. Kein roter Teppich. Keine Stars. Keine Aerosole von Filmbegeisterten aus aller Welt, die sich ungehindert mit der Berliner Luft vermischen.

Kaum vorstellbar, welch buntes Treiben hier vor nur einem Jahr herrschte. Da stiegen die Fallzahlen gerade in Norditalien und das Hygiene-Konzept des Filmfestivals in Form von eilig herbei geschafften Handdesinfektiosmitteln wirkt aus heutiger Sicht irgendwie niedlich.

Aber nun hat die Pandemie auch die Berlinale fest im Griff. Lange hatte man an der Hoffnung festgehalten, das Festival im Februar physisch austragen zu können. Aber Ende letzten Jahres wurde auch den größten Optimisten klar, dass es keine konventionelle Berlinale geben kann. Die Leitung von Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek entschied sich für eine Doppelstrategie. Den zahlreichen Filmproduktionen in der Warteschleife wollte man in der ersten Märzwoche mit einem digitalen Branchen- und Presse-Event eine Chance zur Präsentation geben. Ein „Summer Special“ mit Filmen vor Publikum ist für den 9. bis 20.Juni geplant, soweit es die Inzidenzen, Mutationen und Impferfolge zulassen.

Und so beginnt am Montag eine Berlinale, wie es sie noch nie gab: Ein Streaming-Festival, das seine digitalen Pforten für ganz normale Kinofans fest verschlossen hält. Allein das Programm der Nachwuchssektion „Berlinale Talents“ ist für die Öffentlichkeit zugänglich.

Das ist umso schmerzlicher, weil die Berlinale sich über Jahrzehnte zu einem der wichtigsten Publikumsfestivals der Welt hochgearbeitet hat. Anders als etwa in Cannes regiert in Berlin nicht der filmindustrielle Standesdünkel. Die Berlinale war stets ein Fest für alle Cineasten, auf dem Filmschaffende in direkten Kontakt zu ihrem Publikum treten konnten. Kurz: das größtmögliche filmkulturelle Gegenteil von sozialer Distanz.

Aber was erwartet die Journalisten und Branchenvertreter des Europäischen Filmmarktes zu Hause an ihren Flachbildschirmen? Der Wettbewerb wurde auf 15 Beiträge gekürzt, und zum ersten Mal in der Geschichte der Berlinale ist dort kein englischsprachiger Film vertreten. Die US-Verleihe fahren in der Pandemie ihre eigenen Strategien, verlagern geplante Kinostarts auf Streaming-Plattformen und halten Filme zurück für bessere Zeiten. Da passt ein Online-Festival mit dem dazugehörigen Piraterie-Risiko nicht ins Konzept.

Aber aus der Ignoranz Hollywoods wusste die Berlinale schon oft eine Tugend zu machen. Spannend klingt das Programm vor allem hinsichtlich der deutschen Beiträge. Gleich vier Filme aus dem Gastgeberland sind im Wettbewerb vertreten. Maria Schrader hat sich neben ihrer Schauspielkarriere zu einer der interessantesten Regisseurinnen des deutschen Films hochgearbeitet. Ihr wunderbarer Stefan-Zweig-Film „Vor der Morgenröte“ (2016) und zuletzt die Netflix-Serie „Unorthodox“, die mit dem Emmy ausgezeichnet und für die Golden Globes nominiert wurde, haben ihr auch internationale Anerkennung verschafft. Ihr neuer Film „Ich bin dein Mensch“ vermischt Genre-Zutaten aus romantischer Komödie und Science Fiction und entführt in eine nahe Zukunft, in der durch künstliche Intelligenz der ideale Lebenspartner erschaffen werden kann.

Zurück ins Berlin der späten Weimarer Republik reist Dominik Graf mit „Fabian – oder der Gang vor die Hunde“ und untersucht Erich Kästners autobiografische Romanvorlage auf ihre Reflektionsmöglichkeiten für die gesellschaftliche Gegenwart. Mit „Nebenan“ legt Daniel Brühl sein Regiedebüt vor, in dem eine Kneipe in Prenzlauer Berg zum erzählerischen Epizentrum wird.

Und schließlich kommt der einzige Dokumentarfilm im Wettbewerb auch aus Deutschland: Maria Speth begleitet in „Herr Bachmann und seine Klasse“ einen Lehrer, der seinen Bildungsauftrag gegenüber einer Multi-Kulti-Schülerschaft mit Geduld und Leidenschaft umsetzt.

Zu den europäischen Favoriten des Wettbewerbs gehören auch die beiden französischen Beiträge: „Petite Maman“ von Céline Sciamma, die zuletzt mit „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ beeindruckte, und „Albatros“ von Xavier Beauvois, dessen „Von Menschen und Göttern“ in Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde. Preisverdächtig ist in Berlin auch immer wieder das iranische Kino, das in diesem Jahr durch „Ballad of a White Cow“ von Behtash Sanaeeha und Maryam Moghaddam vertreten sein wird, in dem es um das Leben einer Frau geht, deren Ehemann vom Regime zu Unrecht hingerichtet wurde.

Zur sechsköpfigen Jury, die ausschließlich aus früheren Berlinale-Gewinnern besteht, gehört auch der letztjährige Sieger Mohammad Rasoulof, der aus seinem Hausarrest in Teheran digital zugeschaltet wird. Mehr als 150 Filme aus den verschiedenen Sektionen wie „Encounters“, „Panorama“, „Forum“ bis hin zur „Retrospektive“ werden ab Montag Tag für Tag auf die neu eingerichtete Berlinale-Plattform hochgeladen. Darunter findet sich in der Reihe „Special“ mit dem Guantánamo-Drama „The Mauritanian“ mit Jodie Foster doch noch ein Hollywood-Film sowie die Dokumentation „Tina“ über Tina Turner. Beide haben ihr Kommen für das Berlinale-Event im Sommer angekündigt. Da soll der rote Teppich wieder ausgerollt und – wenn alles gut läuft – die Wiederauferstehung des Kinos gefeiert werden.