Vor der Klausur ins Museum: Düsseldorfer Kunstpalast zeigt Grafiken

Ausstellung : Ein Raum voller Abi-Wissen

Vor der Klausur ins Museum: Der Düsseldorfer Kunstpalast zeigt Grafiken von Goya bis Richter zum Leistungskurs-Thema „Distanz und Nähe“.

Als ob das Abitur nicht schon schwer genug ist! Besonders kompliziert erscheint merkwürdigerweise das Fach Kunst. Nicht alleine für die, die den Leistungskurs gewählt haben. Auch die Lehrer stöhnen. „Künstlerische Sichtweisen und Haltungen zwischen Distanz und Nähe“ lautet das Thema fürs Zentralabitur. Der Bund Deutscher Kunsterzieher behauptet, diese vom Ministerium gestellten Vorgaben seien schwammig und unverständlich. Mit unklaren Begrifflichkeiten wie Distanz und Nähe, Haltung oder Sichtweise könne man keine Abituraufgaben formulieren. Hilflos, ratlos, wütend äußern sich die Pädagogen und wollen nach althergebrachter Methode vorgehen.

Da leistet der Düsseldorfer Kunstpalast ganz unbürokratisch Erste Hilfe. Dort hat man für alles beste Beispiele an Bord - alleine 90.000 Stück Grafik – so dass man aus dem Vollen schöpfen kann. Und viel Raum gibt es auch. Glücklicherweise existiert die von Dan und Cary Bronner geförderte Graphik-Abteilung im Sammlungsflügel noch eine Weile, bevor sie umgebaut und dem Glasmuseum zugeschlagen wird.

Zwei fantasievolle Kunsthistorikerinnen, Claudia Petersen und Melanie Grimm, haben sich viel Mühe gemacht, das sperrige Thema aufzubohren und künstlerisch hervorragende Umsetzungen von Distanz und Nähe gegenüberzustellen. Drei Themenkreise haben sie dabei ausgelotet: Stierkampf, Krieg, Landschaft/der verlorene Mensch. Einige Namen waren thematisch vorgegeben wie Francisco de Goya, Pablo Picasso oder Gerhard Richter; die Breite der Düsseldorfer Sammlung erlaubt eine Bereicherung durch zahlreiche weitere Künstler bis hin zu aktuellen Beispielen wie dem Eulenbild von Anna Vogel (Jahrgang 1970).

Jedenfalls beschert diese Ausstellung viel Freude und sinnliche Anregung, dabei ist die Didaktik wohltuend in den Hintergrund gedrängt, für den, der will, am ehesten in Führungen zu erkunden. Leider haben offenbar Sparmaßnahmen dazu geführt, dass der Besucher nichts Schriftliches mehr an die Hand bekommt. Ein Infoblatt fehlt, das ihn durch die Jahrhunderte geleitet, ihm die großen Namen näherbringt, die Techniken, das Raffinement und den tieferen Sinn. Denn zu erfahren ist viel.

Geht man die Namensliste durch und sucht die Werke auf, staunt man über die große Vielfalt einzelner Stars der Kunstgeschichte. Da Goya und Picasso gleichermaßen zu ihrer Zeit vom spanischen Stierkampf begeistert waren, hat man die berühmten Papierarbeiten der beiden parallel gehängt. Ein wundervoller Vergleich bietet sich an. Wie weit liegen die Meister technisch auseinander? Welche Mittel und Formate setzen sie ein? Wie klar sind Striche, Flächen und Schraffuren? Und wie unterschiedlich ist ihre Haltung zum Stierkampf ausgeprägt? Wie beurteilt man das aus heutiger Sicht, könnte man noch dazu fragen, denn außerhalb von Spanien erfährt das blutige Treiben zwischen Tier und Matador nicht unbedingt breite Akzeptanz.

Gerhard Richter ist (s)ein eigener Prototyp, der einzige zeitgenössische Künstler, der sein gesamtes Werk, angefangen von Nummer eins bis heute, in seinem „Atlas“ aufführt, darin alle Werkangaben und Details der Entstehung sowie eine Ansicht angibt. Das ist   Wissensstoff pur. Dass Richters Werk nicht nur besonders teuer, sondern auch heterogen ist, dürfte bekannt sein, und doch staunt man über die kleinformatigen kanarischen Ansichten in dieser Ausstellung. Man staunt über gewaltige Wolkenformationen, die das karge farbige Land zu erdrücken scheinen. Und man würde gerne formal ergründen, ob es Fotos oder Aquarelle sind. Es hat von beidem etwas, die Werkangaben weisen auf „Heliogravüren“, auch Sonnendruck genannt – ein fotografisches Edeldruckverfahren und Vorläufer des modernen Tiefdrucks. Man kann auch nach Gerhard Richters Haltung fragen, nach seiner künstlerischen Sichtweise. Und nur vermuten, dass er die Stille der Landschaft schätzt, dem Himmel Bedeutung verleiht, indem er ihn überproportional einfängt in seine Aufnahme. Gerhard Richter ist ein Mann der leisen, aber innerlich vibrierenden Töne.

Vor jedem Bild und jedem Künstler lassen sich neue individuelle Themen finden, der Krieg poltert durch verschiedene Beiträge. Die Gesichter von Käthe Kollwitz kennt fast jeder, die abstrakten schwarz-weißen Papierarbeiten von Jenny Holzer schon weniger. In die Vitrine wurden Skizzenbücher gelegt, Tagebücher aus dem Krieg, feingezeichnet oder intensiv aufschraffiert.

Poetisch fast ist ein über zwei Buchseiten gedruckter Baum, dem der Krieg die eine Hälfte abgebrannt hat. Botschaften des Grauens sind es, die sich ohne Worte verbreiten, heute noch aus einer fern scheinenden Zeit berichten. Anlass im Unterricht für ein Gespräch über Nähe und Ferne von Kriegen in unserer Zeit.

Die Ausstellung ist absolut sehenswert, selbst wenn man nicht lernen, sondern nur schauen will. Animiert beginnt man den Rundgang dank Markus Vaters fröhlich-makabrer Höhlenzeichnung. Und staunt: Menschliches, Supertechnisches, Meisterhaftes, Historisches, Gegenwärtiges. Nicht nur der Abiturient gerät wahrlich ins Schwärmen.

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