Geburtstag Verliebt in Mona Lisa

Rom · Vor 500 Jahren starb Leonardo da Vinci, der italienische Maler, Bildhauer, Architekt, Anatom, Mechaniker, Ingenieur und Naturphilosoph. Trotz intensiver Erforschung geben Leben und Werk noch immer Rätsel auf.

 Leonardo da Vinci im Porträt eines unbekannten Malers aus der Mary Evans Library.

Leonardo da Vinci im Porträt eines unbekannten Malers aus der Mary Evans Library.

Foto: DPA Picture Alliance

Leonardo da Vinci ist jedem bekannt. Dabei weiß man noch nicht einmal, wie er ausgesehen hat. Denn ob das „Porträt eines Mannes“, eine um 1512 datierte Rötelzeichnung eines verlebten Kopfes mit langem, wehendem Bart, tatsächlich ein Selbstporträt ist, darüber streitet die Forschung nach wie vor. Eine bloße Vermutung ist ebenso, dass in Leonardos Gemälde „Die Anbetung der Könige aus dem Morgenland“ der junge Mann am rechten unteren Bildrand er selbst sei. Möglich auch, das Leonardo seinem Lehrer Andrea del Verrocchio für dessen „Statue des David“ Modell stand. Wenn Herausgeber von Büchern und Katalogen wieder einmal ein Konterfei von Leonardo da Vinci benötigen, greifen sie schlechten Gewissens meist auf die Zeichnung zurück.

Nicht nur Leonardos Lebenslauf gibt Rätsel auf, auch sein berühmtestes Gemälde, die „Mona Lisa“, auf Italienisch „La Gioconda“, die Heitere, Prunkstück des Louvre hinter Panzerglas. Es misst - Besucher des Pariser Großmuseums sind oft verblüfft – nur 77 mal 53 Zentimeter und entstand wohl zwischen 1503 und 1506, vielleicht aber auch von 1502 bis 1503. Vermutlich zeigt es Lisa del Giocondo, die dritte Gemahlin eines Florentiner Kaufmanns und Seidenhändlers, doch das ist nur eine unter sechs Theorien.

Eine bietet Biografen und Dichtern besonders dankbaren Stoff: die Salai-Theorie. Mona Lisa könnte in Wirklichkeit ein Mann sein, nämlich Gian Giacomo de Caprotti alias Andrea Salaino Florentine. Leonardo hatte ihn adoptiert und 20 Jahre bis zu seinem Tod mit ihm zusammengelebt. Wegen Caprottis Neigung zum Lügen und Stehlen änderte Leonardo dessen Spitznamen von Salaino in „il Salaí“, Ausgeburt des Teufels. Und steckt in „Mona Lisa“ nicht der Begriff „Mon Salaí“?

Der Louvre hat derlei Spekulationen 2011 entschieden zurückgewiesen. Doch zeugen solche Anekdoten davon, wie dürr unser Wissen über Leonardo ist und wie stark zugleich der Drang, aus den wenigen gesicherten Erkenntnissen sein Leben und Werk zu erklären.

Von diesem Lebenswerk sind zwar zahlreiche Skizzen und Zeichnungen überliefert, aber nur 15 durchweg unsignierte Gemälde, die ihm ganz oder auch nur teilweise zugeschrieben werden. Denn wie Leonardo einst an Bildern seines Lehrers mitwirkte, ließ er später in seiner eigenen Werkstatt Gesellen nach seinen Anweisungen Gemälde ausführen – ein damals europaweit übliches Verfahren.

Im Falle der „Mona Lisa“ wird Leonardo alles selbst gemalt haben. Generell war er darauf bedacht, die Kontraste von Licht und Schatten abzuschwächen und die Lichtquelle des Ateliers mit weißer Leinwand zu verhängen. Dieses von ihm entwickelte Verfahren, Sfumato (verraucht, verschwommen) genannt, bestimmt auch das Erscheinungsbild der Mona Lisa. Die Weichheit vor allem des Gesichts und die geschlossene Bewegung des Körpers erwecken den Eindruck einer in sich ruhenden Persönlichkeit. Beide Merkmale stehen in Kontrast zur bizarren, angedeuteten Landschaft im Hintergrund und vor allem zum kühlen, distanzierten Lächeln der Dame – Ausdruck wohl auch von Leonardos Beziehung zu Frauen.

Als Leonardo sein Mona-Lisa-Bild malte, hatte er seine frühe Florentiner Phase nach der Ausbildung schon hinter sich. Darin hatte er bereits die Merkmale seiner Kunst ausgeprägt, die ihn unverwechselbar machten: das Sfumato, die Wahl der Frontansicht bei Porträts, weil sich die Darstellungen dadurch besser psychologisieren ließen, und die atmosphärisch überhöhende Wiedergabe von Natur.

Damals arbeitete Leonardo am Hof der Mailänder Sforza-Dynastie. Ludovico Sforza erteilte ihm den Auftrag, für den Speisesaal des Klosters von Santa Maria delle Grazie in Mailand ein Bild zu malen – ein Großauftrag, denn das Wandgemälde hatte eine Fläche von 8,80 mal 4,6 Meter zu bedecken. Leonardo entschied sich dafür, in seinem „Abendmahl“ jenen Moment zu verbildlichen, in dem Jesus seinen Jüngern mitteilt, dass ihn einer von ihnen in wenigen Stunden verraten werde.

Die Wahl des dramatischen Moments ermöglichte es dem Maler, Bewegung ins Bild zu tragen. In Tempera brachte Leonardo da Vinci auf eine getrocknete Gipswand zwölf sichtlich erschütterte Apostel in unterschiedlichen Körperhaltungen auf, in deren Mitte lediglich Christus in sich zu ruhen scheint. Nicht nur durch die Komposition, auch durch einen Bruch mit vorherigen Darstellungen des Abendmahls hat Leonardo einen neuen Impuls gesetzt. Die übliche Bloßstellung des Judas spiegelt sich bei Leonardo allein in der Reaktion der Apostel. Auf die Geste Christi, mit der er Judas das Brot reicht, verzichtet der Maler.

Als fast 300 Jahre später Goethe auf seiner Rückreise aus Rom das Wandgemälde betrachtete, notierte er bewundernd: „Wodurch Leonardo dieses Bild hauptsächlich belebte: Es ist die Bewegung der Hände; dies konnte aber auch nur ein Italiener finden. Bei seiner Nation ist der ganze Körper geistreich, alle Glieder nehmen teil an jedem Ausdruck des Gefühls, der Leidenschaft, ja des Gedankens.“

Zwei weitere bedeutende Malereien stammen aus Leonardos Mailänder Zeit: die „Felsgrottenmadonna“ aus dem Louvre und die „Dame mit dem Hermelin“ aus dem Nationalmuseum Krakau. Die „Felsgrottenmadonna“, wie die meisten Gemälde Leonardos in Öl auf Holz gemalt, stellt die Figuren milde erleuchtet vor das Dunkel der Grotte. Durch Gesten verweisen sie aufeinander. Maria im blauen Gewand legt ihre rechte Hand auf die Schulter des knienden heiligen Johannes, die linke hält sie schützend über das Haupt des Christuskinds, womit sie eine Verbindung zwischen Jesus und seinem Vorläufer Johannes dem Täufer herstellt. Auch der Engel am rechten Bildrand verbindet Christus, den er stützt, mit Johannes, auf den er zeigt. Johannes verkörpert wahrscheinlich die gleichfalls des Schutzes bedürftende Menschheit.

Wer vor zehn Jahren im Berliner Bode-Museum die „Gesichter der Renaissance“ erlebte, dem wird die einprägsame „Dame mit dem Hermelin“ noch vor Augen stehen, eines von vier Frauenporträts, die Leonardo malte. Das scheinbar züchtige Bildnis einer etwa 17-Jährigen, die einen Hermelin auf dem Arm trägt, zeigt in Wirklichkeit die Mätresse von Ludovico Sforza, dem Herzog von Mailand und Auftraggeber des Porträts. Das Tier verweist auf ihn, denn er trug den Spitznamen „weißer Hermelin“. Zugleich spielt der Maler mit dem Hermelin auf den Namen der Porträtierten an, der das Tier ebenfalls in sich trägt. Die Komposition – seitlich nach vorn gerichteter Blick auf schwarzem Grund – wurde Vorbild für zahlreiche nachfolgende künstlerische Darstellungen von Persönlichkeiten der Zeit.

Von 1499 an arbeitete Leonardo wieder in Florenz, bald im Dienste Cesare Borgias, des Herzogs von Valentino. Als 1504 Leonardos Vater starb und es zu Erbstreitigkeiten kam, nahm Leonardo ein Angebot des französischen Hofes an und wurde Hofmaler und leitender Ingenieur in Mailand. 1513 berief ihn der jüngere Bruder von Papst Leo X. aus dem Geschlecht der Medici in den Vatikan. Dort malte Leonardo sein wohl letztes Ölgemälde, zugleich eines der seinerzeit umstrittensten. Es zeigt Johannes den Täufer in androgyner Gestalt lächelnd mit in den Himmel weisendem Finger. So sinnlich hatte sich zuvor noch niemand an die Darstellung von Jesu Vorläufer gewagt. Noch mehr als die „Mona Lisa“ hat dieses Werk die Vorstellung von Leonardos Homosexualität hervorgerufen.

Nicht nur, aber auch deswegen duldete ihn der Papst allenfalls halbherzig. Längst hatten neue Stars die Kunstszene betreten: Raffael, der Leonardo bewunderte, und Michelangelo, der lediglich mit ihm konkurrierte. Schon zuvor hatte Leonardo seine Haupttätigkeit von der Malerei auf Wissenschaft und Technik verlegt. Seine letzten beiden Jahre verbrachte er im Schloss Clos Lucé in Amboise, auf Einladung des neuen französischen Königs Franz I. Als er am 2. Mai 1519 im Alter von 67 Jahren an den Spätfolgen eines Schlaganfalls starb, nahm er unter den zahlreichen Geheimnissen seines Lebens auch dieses mit ins Grab: Bis heute weiß man nicht, welche Haltung Leonardo, der Maler christlicher Motive, zu Kirche und Religion hatte. Die Kirche jedenfalls verdächtigte ihn oft, er betreibe magische Künste. Außerdem bezichtigte sie ihn der Leichenfledderei.

Dabei wollte er nur genau wissen, wie der menschliche Körper funktioniert, wie Nervenstränge verlaufen und wie man Körperhaltungen naturgetreu auf der Staffelei verewigt. Sein „Vitruvianischer Mensch“ ist vermutlich noch häufiger reproduziert worden als die „Mona Lisa“: eine Darstellung des Menschen nach den vom antiken Architekten und Ingenieur Vitruv formulierten Proportionen. Die Skizze zeigt einen Mann mit ausgestreckten Armen und Beinen in jeweils zwei einander überlagernden Positionen. Mit Fingerspitzen und Sohlen berührt die Figur ein sie umgebendes Quadrat und einen Kreis.

 Die „Mona Lisa“ von Leonardo da Vinci im Pariser Louvre.

Die „Mona Lisa“ von Leonardo da Vinci im Pariser Louvre.

Foto: dpa/EPA

Nicht nur durch den Vitruvianischen Menschen wirkt Leonardo in die Gegenwart fort, etwa in Dan Browns Bestseller-Roman „Sakrileg“, der im Original den Titel „The Da Vinci Code“ trägt. Ganze Generationen von Künstlern haben Leonardo zitiert. Und als zuletzt in New York „Salvator Mundi“ für 450 Millionen Dollar versteigert wurde, ein verblasstes, in schlechtem Zustand befindliches Jesus-Porträt, soll ein fachfremder saudischer Prinz der Käufer gewesen sein. Leonardo da Vinci – schon der Name hat seinen Wert.

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