Legendäre Komposition von Astor Piazzolla Die dunkle Aura des Tango

Düsseldorf · Vor 50 Jahren komponierte der argentinische Bandoneonist Astor Piazzolla seinen berühmten „Libertango“. Zahlreiche Coverversionen etwa von Grace Jones mehrten seinen Ruhm.

Wolfram Goertz
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 Astor Piazzolla im Jahr 1985 beim North Sea Jazz Festival.

Astor Piazzolla im Jahr 1985 beim North Sea Jazz Festival.

Foto: DPA

Alle wollten ihn hören, diesen vor Energie strotzenden Erfinder, aber an diesem 18. Mai 1977 im Fernsehstudio von Genf ließ sich Astor Piazzolla Zeit, viel Zeit.

Knapp sechs Minuten nur dauerte sein neuer Hit, der „Libertango“, der manchen ungehörig, vielen wie eine Revolution vorkam, wie eine Kampfansage gegen einen als lendenlahm empfundenen Tanz, gegen seine schmusigen Melodien und windelweichen Rhythmen. Erst in der dritten Minute stieg Piazzolla mit seinem Bandoneon ein. Alles zuvor war Vorspiel und Initiation, war Präsentation und Entzündung eines metrischen Modells: 1-2-3-1-2-3-1-2, die Zeitstruktur des Tangos. Piazzolla wartete, bis alles brodelte, die E-Gitarren, das Schlagzeug, die Bässe, die Flöte – und dann ließ er die Melodie dieses ungeheuren Stücks auf seinem eigenen Instrument zucken, dem Bandoneon: kraftvoll, nervös, unbändig.

„Libertango“, in dem die Freiheit namensgebend mitmischt, war viel mehr als jener Tango, wie Argentinien und die Welt ihn kannten. Das neue Opus stieg heraus aus den Bars und Kaschemmen, es war nicht mehr der Sound der Liebenden, sondern eine Anschauung, die die Luft der Welt inhalierte. Sie roch zwar immer noch nach Buenos Aires, doch mehr nach New York, Paris und Mailand. Dieser emanzipierte neue Tango ging in die Musikgeschichte als Tango Nuevo ein – und der „Libertango“ war seine Hymne.

Für Piazzolla kam der Erfolg seiner Komposition, die er 1974 – also vor 50 Jahren – vorstellte, ziemlich überraschend, doch kam er einer Erlösung gleich. Der Vagabund besaß endlich ein akustisches Markenzeichen, eine Erkennungsmelodie. Fast 20 Jahre hatte er mit dem Tango Nuevo bereits experimentiert, hatte mehrere Ensembles geformt und zahllose Kompositionen aus eigener Feder interpretiert. Doch mit dem „Libertango“ schien es, als erlebe eine lange Reise ihr Finale.

Piazzolla, 1921 in Mar del Plata geboren, war Sohn italienischer Einwanderer in Argentinien, die es wegen der dortigen Wirtschaftskrise 1925 nach New York trieb, wo sie indes nie glücklich, sondern immerzu von Heimweh übermannt wurden. Befeuert wurde die Sehnsucht nach heimischen Klängen von Tangomusik, die fortwährend im Radio dudelte. Der junge Astor geriet in Kontakt mit der Tango-Ikone Carlos Gardel, und als er einen weiteren Granden des Fachs erlebte, nämlich Elvino Vardaro, war sein Weg klar: Diese Musik wollte er auch machen, allerdings angereichert mit neuen Elementen. Schon der junge Piazzolla war ein Verehrer Johann Sebastian Bachs und des Jazz gewesen, immer wieder zogen sich Spuren der beiden durch seine eigenen Kompositionen.

Es waren vier Begegnungen, die Piazzolla in seinem musikalischen Lebenswillen bestärkten. Zum einen ein Treffen mit dem Pianisten Artur Rubinstein, der ihm die Notwendigkeit einimpfte, dass er sich fortbilden müsse. Rubinstein: „Verlassen Sie Ihr Milieu!“ Piazzolla nahm Kompositionsunterricht bei Alberto Ginastera, der die Fusion von Folklore und moderner Kunstmusik predigte. Dann ging er nach Paris, wo die Komponistin Nadia Boulanger ihm soufflierte, dass die Welt keinen weiteren Jünger Strawinskys, Ravels oder Bartóks benötigte, wohl aber einen Musiker, der aus seinem Herzen erzählte. Als er ihr erstmals einen Tango auf dem Klavier vorspielte, soll sie gesagt haben: „Du Idiot! Merkst Du nicht, dass dies der echte Piazzolla ist, nicht jener andere? Du kannst die gesamte andere Musik fortschmeißen!“

Nun gab es kein Zurück mehr. Piazzolla musste selbst ran, er musste komponieren und als Bandleader wirken, er nahm Dirigierkurse bei dem superstrengen Hermann Scherchen, der ihn zur Kompromisslosigkeit erzog. Erst gründete er ein Oktett, dann ein Quintett. Und dann kam irgendwann der „Libertango“.

Was ist das Markenzeichen dieses Stücks? Es ist zum einen das rhythmische Gegeneinander, die querständige Turbulenz der Synkopen und Akzente. Über einen unerbittlichen Bass in der Tiefe legt Piazzolla einen insistierenden Kontrapunkt, der jedoch eigenen Betonungen folgt. Zum anderen ist die eigentliche Melodie ab Takt 17 eine frei sich aussingende Sehnsuchtslinie, die keinerlei fordernden Rhythmus zu besitzen scheint – sie sucht die Befreiung aus dem Diktat der Monotonie. Wie diese drei Ebenen miteinander kommunizieren, wie sie ein Konzert dreier Temperamente aufführen, das zeichnet das Einzigartige dieses Kunstwerks aus. Zugleich vernimmt man die Elemente der Moderne, die den Tango Nuevo prägen: Dissonanzen, neuartige Spieltechniken, schroffe Charakterwechsel.

Schaut man sich auf Youtube jenen Genfer Fernsehauftritt bei Radio Télévision Suisse an, erlebt man eine wunderbare Spielerei. Der Pianist montiert den Beginn von Bachs legendärer d-Moll-Toccata hinein, pflanzt ein paar Jazzakkorde wie lustige Fremdkörper hinein, alle Musiker geben nacheinander ihre Visitenkarten ab, bis spät, sehr spät der Scheinwerfer auf Meister Piazzolla, ebenfalls in schwarzem Hemd und schwarzer Hose, strahlt. Die dunkle Aura des Tango Nuevo.

Piazzolla starb im Jahr 1992 in Buenos Aires – der Stadt, dessen Musik er zu sich selbst befreit hatte. Als er zu Nadia Boulanger gekommen war, musste er ihr ein Geständnis machen, wie er mal berichtete: „Ich schämte mich, ihr zu sagen, dass ich Tangomusiker war, dass ich in Bordellen und Kabaretts von Buenos Aires gearbeitet hatte. Tangomusiker war ein schmutziges Wort im Argentinien meiner Jugend. Es war die Unterwelt.“ Aus dieser Unterwelt stieg sein „Libertango“ auf wie ein Phönix.