Vier gebürtige Düsseldorfer gehören den Berliner Philharmonikern an

Spitzenorchester : Die Düsseldorfer unter den Berlinern

Die Berliner Philharmoniker kommen am 26. Juni in die Tonhalle. Vier Musiker des Orchesters wurden in Düsseldorf geboren.

Spaß macht es, im Internet die Personallisten großer Orchester zu bestaunen: Schau an, der Solo-Hornist des Pariser Orchesters kommt aus Jakutsk. Die Harfenistin des Orchesters von der US-amerikanischen Ostküste wurde in Paraguay geboren. Der Konzertmeister des italienischen Eliteklangkörpers ist Sudanese. Warum auch nicht!

Bei den Berliner Philharmonikern sind ungewöhnlich viele Schweizer beschäftigt (etwa der Flötist Emmanuel Pahud). Dass aber nicht weniger als vier Düsseldorfer in einem der besten Orchester der Welt spielen, erstaunt fast noch mehr. Am Mittwoch, 26. Juni, gastiert es in der Tonhalle – und natürlich reisen alle vier mit. Wir haben sie vor einem Konzert in der Berliner Philharmonie getroffen.

Dieses rheinische Berlin-Quartett ist gleichmäßig über die Gruppen verteilt. Die Bläser sind oft solistisch zu hören, der eine (Walter Seyfarth) an der Es-Klarinette, der andere (Alexander von Puttkamer) an der Tuba. Der Cellist Christoph Igelbrink gehört den weltberühmten zwölf Cellisten der Berliner Philharmoniker an. Die Geigerin Anna Mehlin ist das Küken im Berliner Haus: 25 Jahre alt und erst seit Januar 2017 dabei.

Anna Mehlins Karriere konnten die hiesigen Musikfreunde mitverfolgen: 2012 eröffnete sie beispielsweise das „Düsseldorf Festival“ in der Andreaskirche, damals spielte sie Beethovens D-Dur-Konzert unter Ulrich Brall und wurde bejubelt. Sie stammt aus einer Musikerfamilie (Mutter Elke spielt Geige bei den Düsseldorfer Symphonikern), schon als Kind wurde sie oft vom Klang der Violine in den Schlaf gewiegt. 2008 nahm Michael Geiser sie als Jungstudentin an der Robert-Schumann-Hochschule auf. 2015 wurde sie Stipendiatin bei den Berlinern, 2016 gewann sie das Probespiel.

Das Spielen in diesem Spitzen­orchester empfindet sie als schieres Glück, von Anfang an: „In meinem ersten Konzert gab es Beethovens Neunte mit Sir Simon Rattle. Es gab nur eine Wiederaufnahmeprobe und dann gleich das Konzert.“ Stress für sie? „Ja, anfangs war ich total angespannt, doch dann erfasste mich eine pure Energie, die mich durch das monumentale Stück trug. Ich habe mich selten so frei gefühlt.“

Anna Mehlin, die das Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasium besucht hat, wurde im Benrather Krankenhaus geboren. Der dortige Kreißsaal war auch Empfangsstation für Christoph Igelbrink. Der Cellist ist allerdings schon seit 30 Jahren Mitglied des Orchesters, „und fast hätte ich noch Karajan am Pult erlebt“, erzählt er. Der aber hatte die Berliner wenige Wochen zuvor verlassen.

Dabei lief es bei dem Musiker, der in Düsseldorf auf der Kirchfeldstraße, dann in Dormagen aufwuchs, zunächst aufs Klavier hinaus. Erst mit elf Jahren kam er zum Violoncello, „ich sollte das fami­liäre Streichquartett vervollständigen“. Mit 16 Jahren wurde er Jungstudent von Wolfgang Mehlhorn an der Robert-Schumann-Hochschule, später studierte er in Hamburg und besuchte Meisterkurse bei Paul Tortelier. Kontakt zu Düsseldorf hielt er lange, auch zu Ulrich Brall und zum Chor des Görres-Gymnasiums. „Und mein Vater Günter war Leiter der Bezirksverwaltungsstelle Altstadt.“

In Igelbrink, dem Fußballkenner und Hobbygärtner, erkennt man in Gesinnung und Artikulation deutlich den lebensbejahenden Rheinländer. Dennoch formuliert er im Gespräch sehr grundsätzlich, warum Berlin für ihn das Ideal ist: „Hier kann man zum Wesenskern der Musik vordringen, ohne dass sich Routine wie ein tödlicher Schatten über das Spiel legt.“ Solche Sätze trägt man wie einen Schatz vom Gespräch in der Philharmonie fort.

Igelbrink fand mit elf Jahren zum Cello. Bei Walter Seyfarth, der auf der Inselstraße „mit direktem Blick auf den Hofgarten“ aufwuchs, kam das zündende Erlebnis sogar erst mit zwölf – und zwar am Gymnasium.  Sein Musiklehrer stellte alle Instrumente vor, auch die Klarinette. Seyfarth erlebte die Faszination des Augenblicks. Seine Eltern hatten keine Wahl, sie mussten ihn zum Klarinetten-Unterricht anmelden. Mit 16 Jahren gewann er den Ersten Preis des Tonkünstlerverbandes. Später studierte er in Freiburg, dann in Berlin bei Karl Leister – als einer der ersten Stipendiaten der Berliner Philharmoniker.

Seyfarth gründete auch das Philharmonische Bläserquintett, mit dem er oft unterwegs war und CDs veröffentlicht hat. Von 2003 bis 2011 betreute er die Holzbläser beim Jugendorchester Simón Bolívar in Caracas. An Land und Leuten dort hängt er sehr: „Was gerade in Venezuela passiert, nimmt mich wirklich mit!“

Alexander von Puttkamer, 1973 in Düsseldorf geboren, ist wie Seyfarth in Bläserkreisen eine Koryphäe. Eigentlich wollte er Trompete lernen. Doch weil die Musikschule keinen freien Platz hatte, drückte ihm ein Freund der Familie, selbst angehender Tubist, eine kleine Tuba in die Hand. Wieder ein Erweckungs­erlebnis! Erste Erfahrungen sammelte er im Bundesjugendorchester. Spätere Stationen waren Hamburg, München und Bayreuth, bis er 2008 Solo-Tubist der Berliner Philharmoniker wurde.

Jeder der vier Musiker berichtet von den erhebenden Momenten, die ihnen das Musizieren in diesem Orchester bereite. „Für mich ist es noch heute etwas Besonderes, hier zu spielen“, sagt Alexander von Puttkamer. Dabei sei die Atmosphäre überaus kollegial. „Neulinge werden geradezu warmherzig aufgenommen“, erzählt Anna Mehlin. „Uns alle vereint der Wunsch, Höchstleistungen zu vollbringen“, sagt Walter Seyfarth. „Mich macht es glücklich, wie oft das gelingt“, gesteht Christoph Igelbrink.

Sprach es und nahm sein Cello, um gleich das Konzert zu bestreiten. Als man die Musiker dann spielen sah, überkam einen fast ein wenig Stolz auf Düsseldorfs ständige Vertretung in der Hauptstadt.

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