Düsseldorf: Viel Theater um Hitler

Düsseldorf: Viel Theater um Hitler

Hitlerdarsteller streiten über das Hitlerdarstellen - Düsseldorf zeigt eine Komödie von Theresia Walser, in der das Theater sich selbst persifliert.

Sie sitzen im Müll der Geschichte: drei Hitler in Stiefeln und Uniform inmitten leerer Getränkedosen. Dabei hat die Show noch gar nicht begonnen. Gleich werden die Herren im Fernsehen auftreten. In einer Talkshow sollen sie darüber diskutieren, wie es ist, Hitler zu spielen. Wie es ihnen gelingt, sich in einen Rassisten und Massenmörder zu verwandeln, der die Welt in einen barbarischen Krieg stürzte und doch längst eine komische Figur geworden ist - mit diesem Bärtchen, den zackigen Gesten, der überholten Rhetorik. Fanatismus wirkt so lächerlich - aus sicherer Distanz.

In ihrer Theaterfarce "Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm" setzt Theresia Walser drei Nazi-Darsteller unterschiedlichen Erfolgs- und Eitelkeitsniveaus der Langeweile aus. Die Herren warten wie bei Beckett, ihr Godot ist der Fernsehauftritt. Sie sprechen wie bei Bernhard, ihre Frittatensuppe ist ein Glas Wasser, das bestellt ist, aber nicht kommt. So persifliert Walser allerhand große Theaterstoffe - und Theaterdebatten: Denn in Erwartung ihres Auftritts streiten die Hitler-Darsteller über ihre Kunst. Muss ein Schauspieler sich in einen wie Hitler einfühlen? Darf er das überhaupt? Und wird er die Rolle jemals wieder los?

Deklamationstheater, Einfühlungsschauspiel, postmoderne Figurendekonstruktion - die Schauspieler arbeiten sich durch die ästhetischen Moden der Vergangenheit und befeuern einander mit den Argumenten der erbitterten Diskussionen über Werktreue und Regietheater. Eitelkeit, Größenwahn, Naivität werfen sie einander vor; und weil es immer Freude macht, Menschen beim Aufplustern zu erleben, ist dieser Abend komisch. Häme unterhält.

Dazu sind Jonas Gruber, Heisam Abbas und Andreas Helgi Schmid gute Darsteller von Hitler-Darstellern. Sie besitzen die nötige Selbstironie, Lust an der Charge und dosieren ihre Überzeichnungen.

So gibt Gruber den Typus Burgschauspieler, für den Hitler nur eine weitere Glanzrolle ist, die Ruhm verspricht, ebenso wie ein Hamlet. Schmid ist der Nachwuchsdarsteller aus der Provinz, der wenig Talent besitzt, dafür politische Ambitionen. Und Abbas gibt den Kollegen aus der zweiten Reihe, der Achtung vor den Großschauspielern heuchelt, selbst aber lieber auf Brechtsche Distanz zur Rolle setzt. Sicher ist sicher. Ein kontrovers angelegtes Trio also. Und die Fetzen fliegen wie geplant.

Auch die Hitlerdarsteller der Filmgeschichte von Charlie Chaplin bis Bruno Ganz scheinen auf. Vor allem dessen hyperrealistische Darstellung des gebrechlichen Bunker-Hitler in "Der Untergang" ist eine ideale Vorlage für Satire. Und dann lassen die drei auf der Bühne ihr Spiel auch immer mal in eigene Hitler-Imitationen kippen, dann gibt's hasserfüllten Blick, rollendes "R", Führer-Gesten. Und im nächsten Augenblick sind die Männer in der Hitler-Hülle wieder Kollegen, die auf den TV-Auftritt warten, einsame Menschen, liebessüchtig, ruhmhungrig, entblößt ohne eine Rolle.

Das ist alles ganz vergnüglich. Regisseur Marcus Lobbes überlässt den Schauspielern das Feld, hat ihnen drei Talk-Sessel auf die Bühne gestellt, lässt den Boden nur ständig in Schieflage bringen. Dann kommen die Darsteller ins Rutschen, Möbel und Getränkedosen auch. Der Zuschauer hat es bald begriffen: Das hier ist glattes Parkett, da ist schon mancher gestrauchelt.

Allerdings betrachtet man das alles mäßig berührt. Ach ja, das Theater und seine Debatten! Und dann noch die ewige Frage, ob Hitler überhaupt darstellbar ist. In Walsers Stück wie Lobbes' Inszenierung bleibt alles hübsch an der ästhetischen Oberfläche. Als gäbe es keine Flüchtlingskrise, keine neuen Rechten, die durch die Straßen ziehen, Ängste vor dem Fremden schüren. Am Düsseldorfer Schauspielhaus will man ungetrübte Freude haben an einer Komödie, die von der Wirklichkeit nichts wissen will, lieber dem Theater bei der Selbstbespiegelung zusieht. Und harmlos bleibt.

(dok)
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