Versteigerung: Weltweiter Umsatz ist 2014 um 26 Prozent gestiegen

New York/Peking : Der Boom der Kunstauktionen

Der weltweite Umsatz der Versteigerungen ist im vorigen Jahr um 26 Prozent gestiegen. Vor allem der chinesische Markt ist stark.

Der weltweite Kunstauktionsmarkt hat im vorigen Jahr dem Kunstinformationsdienst Artprice zufolge einen neuen Rekord erzielt. Der Umsatz der Versteigerungen habe bei 15,2 Milliarden Dollar (13,7 Milliarden Euro) gelegen - eine Steigerung um 26 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Als Grund gibt das Unternehmen eine "überschäumende Mischung aus Investmentlogik, Spekulation, Sammelleidenschaft und unersättlicher Nachfrage nach den gefragtesten Künstlern der neuen Museumsindustrie" an. Das dritthöchste Auktionsergebnis wurde laut Artprice für Andy Warhols "Triple Elvis" erzielt, jenen Siebdruck, den der NRW-eigene Casinobetreiber Westspiel verkauft hatte.

Ursachen des Booms In Zeiten niedriger Zinsen wird Kunst als Währung immer begehrter. Neben dem Betongold, der Geldanlage in Immobilien, scheint das gemalte Gold fast noch attraktiver zu sein, da es dem Besitzer gesellschaftliche Wertsteigerung verschafft. Einen Immobilienlöwen vermutet man eher an Fußballplätzen, während der Kunstsammler auf dem Parkett von Museen und Galerien abgelichtet wird. Reiche müssen heute Strafzinsen für ihr Vermögen zahlen, wenn sie es auf den Konten liegen lassen. Ein Anstieg der Zinsen ist nicht in Sicht. Und doch bleibt Kunstanlage - auch gegenüber Aktien - ein spekulatives Geschäft: Es gibt keine Zinsen, keine klare Wertermittlung und keine festschreibbare, erwartbare Rendite. Die Dividende besteht allein darin, dass ein Kunstwerk Tag für Tag Freude bereitet.

Sicherheit Vermögende Zeitgenossen schätzen Kunst aber auch als Sicherheit. Dahinter steckt Experten zufolge diese Überlegung: Sollte es eines Tages einen Währungsschnitt geben und das Bargeld - sagen wir - nur noch die Hälfte wert sein, würde zwar gewiss auch Kunst an materiellem Wert verlieren, jedoch vermutlich nicht so stark wie Bargeld. Kunst hätte dann vielleicht immerhin noch dreiviertel des Wertes vor dem Währungsschnitt - und erwiese sich im Nachhinein als den Umständen entsprechend glänzende Geldanlage.

Bilbao-Effekt Der Artprice-Report weist darauf hin, dass der Aufschwung auf dem Auktionskunstmarkt auch auf die blühende "Museumsindustrie" zurückzuführen sei. Pro Jahr entstünden weltweit 700 neue Museen. Zwischen den Jahren 2000 und 2014 wurden dem Report zufolge mehr Museen eröffnet als im gesamten 19. und 20. Jahrhundert zusammen. Tatsächlich sei "die Nachfrage nach Kunstwerken in Museumsqualität einer der Schlüsselfaktoren für das bemerkenswerte Wachstum des Kunstmarkts". Allein in China wird jeden Tag ein Museum eröffnet. Es kommt hinzu, dass jedes neue Museum neues Interesse an der Kunst weckt. Das 1997 fertiggestellte Guggenheim-Museum im Bilbao lockt jährlich eine Million Besucher an, darunter zahlreiche Touristen,

Kunstmarkt als Industriezweig Der Kunstmarkt ist heute ein eigener "Industriezweig" mit vielen strategisch unterschiedlich vorgehenden Unternehmern. Ein Beispiel ist der Fall Achenbach. Während des laufenden Prozesses gegen den Düsseldorfer Kunsthändler und Kunstvermittler Helge Achenbach kam vor dem Essener Gericht folgender Handel zur Sprache: Um für seinen hochvermögenden Kunden ein Bild des Pop-Art-Künstlers Roy Lichtenstein erwerben zu können, brauchte der wegen Betrugs angeklagte Kunstberater offenbar die Vermittlung des angesehenen Museumsdirektors Kasper König aus Köln. Dafür, dass König den Kontakt zwischen Achenbach und dem amerikanischen Verwalter von Lichtensteins Nachlass herstellte, soll als "Belohnung" eine Spende von 150 000 Euro herausgesprungen sein. Bis heute hat sich Kasper König nicht zu diesem Vorfall geäußert. Dass Kunstsammler, Kunstberater und Galeristen versuchen, ihre Werke in prominenten Sammlungen und in Museen des In- und Auslands unterzubringen, ist bekannt. Hängt ein Bild, steht eine Plastik erst einmal im New Yorker Museum of Modern Art oder hat ein Künstler eine Einzelausstellung in der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW, dann ist das oft ein Grund für eine Wertsteigerung.

Freihäfen Der Artprice-Report weist auch auf die Beliebtheit von Freihäfen in aller Welt für die Aufbewahrung von Kunst hin. Dazu heißt es: "Es handelt sich um Gebiete, in denen Waren unter Aufsicht der Zollbehörden geladen, entladen und umgeschlagen werden, aber von zahlreichen Steuern befreit sind. Während des Transits durch ein solches Gebiet kann ein Werk mehrmals den Besitzer wechseln. Steuern muss jedoch nur der endgültige Käufer im Bestimmungsland zahlen." Der größte Freihafen der Kunstwelt ist Genf. 40 Prozent der Gesamtfläche beherbergen Kunstwerke, insgesamt lagern dort mehr als eine Million Gemälde und andere Kunstgegenstände. Auch Luxemburg unterhält einen Freihafen, und die neuen Freihäfen in Peking, Singapur, Hongkong und Shanghai markieren den Kontinent, auf dem ohnehin längst die Musik spielt im internationalen Kunstmarkt. Marktführer war 2014 China mit einem Gesamt-Auktionserlös von 5,6 Milliarden Dollar.

Freihäfen mögen gut für Besitzer von Kunst sein - in der Kunstwelt insgesamt sind sie höchst umstritten. Denn Gemälde, die in Freihäfen lagern, sind oft auf Jahrzehnte nicht nur dem Markt, sondern auch dem Ausstellungsbetrieb entzogen. Ein bedeutender Rembrandt, der sich im Freihafen Shanghai befindet, wird also nirgends als Schlüsselwerk einer Rembrandt-Retrospektive dienen können.

Jenseits der Auktionen Die beeindruckenden Summen, die zum Kunstauktionsmarkt genannt werden, bilden nur einen Teil des weltweiten Kunstmarkts ab. Die teuersten Geschäfte, so heißt es, werden privat gemacht und finden nicht Eingang in Statistiken. So enthält auch die aktuelle Liste der teuersten Gemälde eine Abteilung "Ungesicherte Verkäufe", deren Preise in zwei Fällen über dem Spitzenreiter der von Francis Bacon angeführten offiziellen Liste liegen: Gauguins Gemälde "Nafea" (über 300 Millionen Dollar) und Cézannes Bild "Die Kartenspieler" (250-275 Millionen Dollar). Der Kunstmarkt ist auch ein Markt der Geheimnisse.

(RP)