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Verleger-Legende Feltrinelli

Verleger-Legende Feltrinelli

Inge Feltrinelli – eine der großen Verlegerpersönlichkeiten Italiens – ist mit der Aachener Karlsmedaille geehrt worden. Die gebürtige Deutsche wurde berühmt mit ihren Fotos von Picasso und Hemingway. Verheiratet war sie mit dem Anarchisten und Multimillionär Giangiacomo Feltrinelli.

Aachen / Vaals Der Espresso ist ja ziemlich scheußlich, sagt sie. Eben ein echter niederländischer Kaffee. Doch weil er der erste an diesem Morgen ist, trinkt sie ihn mit sehenswerter Todesverachtung. Typisch Italienerin, könnte man meinen, in ihrem cremefarbenen Kostüm und der Sonnenbrille in leichtsinniger Übergröße.

Doch Inge Feltrinelli ist eine geborene Inge Schönthal und Deutsche – und nicht einmal eine Diva. Ohnehin nennt sich die 80-Jährige viel lieber Präsidentin oder Ehrenpräsidentin einer der größten literarischen Verlagshäuser Italiens: mit 1700 Mitarbeitern, mit 105 eigenen Buchläden und jährlich 2500 Veranstaltungen über ihre und mit ihren Autoren – darunter 21 Nobelpreisträger. Und der Umsatz? "Ich glaube: 350 Millionen Euro." Und nach kurzer Pause: "Kann das sein?"

Inge Feltrinelli ist keine Kauffrau. Erst recht keine kühle Rechnerin. Ihr Geschäftsmodell beschreibt sie so: "Unsere Taschenbücher sind preiswerter als eine Pizza. Und man hat auch noch mehr davon." Die Hände argumentieren dabei ständig mit. Als einen "Vulkan aus Neugier" hat der israelische Autor Amos Oz sie einmal bezeichnet. Das sei doch hinreißend, sagt sie lachend und ergänzt: wie ein ganz kleiner isländischer Vulkan, nur ohne Asche. "Zumindest jetzt noch nicht."

Ihr Schweigen darauf dauert nicht allzu lang. Weil ihr das Leben noch zu farbenfroh ist, weil ihr all die Bücher und die Autoren so viel bedeuten. Und jetzt sei sie auch noch in den Stiftungsrat von Suhrkamp berufen worden und habe dadurch Gelegenheit, häufiger nach Berlin zu kommen. Eigentlich müsste sie überall sein, meint sie. "Doch ich bin immer zu wenig." Das Alter ist für sie kein Thema, kein düsteres jedenfalls, sondern ein Fest mit schönen Ehrungen. So wird ihr am Nachmittag in Aachen die Karlsmedaille für europäische Medien verliehen; ein neuer Orden zu manch anderen. Bald sei ihre Jacke so geschmückt wie die Uniform eines pensionierten russischen Generals.

Solche Meriten gelten aber nicht allein der Verlegerin. Die Fotoreportagen der Inge Schönthal sind bis heute weltberühmt – über Picasso und vor allem über Hemingway. Ihr gemeinsames Foto mit dem gefangenen Thunfisch ist bis heute ein Zeitdokument geblieben. Und dann muss sie laut lachen, dass ausgerechnet ihr berühmtestes Foto per Selbstauslöser entstand. Und Hemingway? Hochsensibel, ein Kraftpaket, eine komplexe Persönlichkeit. Doch bei aller Bewunderung: Für das wohlerzogene deutsche Mädchen damals konnte der Besuch auf Kuba niemals mit Amouren enden.

Diese erlebte sie später bei einem Empfang im Hause Rowohlt – mit Giangiacomo Feltrinelli, einem Verleger aus Italien, vielfacher Millionär und Anarchist, der nichts so sehr fürchtete wie den Rückfall seines Landes in faschistische Zeiten. Und als er irgendwann nicht mehr an die Kraft der Literatur glaubte und ihm der Ruf anhing, bloß einer dieser Salon-Sozialisten zu sein, schritt er 1972 zur Tat. Doch die Sprengstoffladung, mit der er die Stromzufuhr Mailands abschneiden wollte, tötete ihn selbst. Ein Unfall? Oder ein glänzend getarnter Mord? Bis heute sind die Umstände nicht geklärt. Inge Feltrinelli, seine Witwe, hält vieles für denkbar.

Zur Zeit des terroristischen Widerstandes war der Kontakt zu ihrem Mann schon abgerissen. Der Untergrund hatte ihn verschluckt. Was ihr von damals blieb, ist ein Hang zur Anarchie – als Lebenshaltung, nicht als Politik. Und natürlich ihr Literatur-Imperium, das sie auch "als Gegengewicht zu 15 Jahren Berlusconismus" versteht.

Inge Feltrinelli schätzt das gute Leben, sie liebt die Literatur, mag interessante Menschen. Darum genießt sie heute auch Aachen, die schöne Preisverleihung im Rathaus, die warme Sonne in ihrem Gesicht. Komisch, sagt sie dann, nur ein kleines Stück von hier am holländischen Grenzübergang habe ihre Mutter einen Zöllner beschworen, doch ihren Mann auch ohne Papiere einreisen zu lassen. Er war Jude. Es war 1938. Es war die letzte Überlebenschance. Trudel Schönthal hat es gemeistert.

(RP)