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Venedig: Film über Scientology

Venedig: Film über Scientology

Bei den Filmfestspielen sorgte die Produktion "The Master" von Paul Thomas Anderson ("Magnolia") für Begeisterung: Sie erzählt von einem Mann, dessen Biografie an die des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard erinnert. Außerdem am Lido: Spike Lee mit einem Film über Michael Jackson.

Joaquin Phoenix ist zurück. Nach vier Jahren Leinwand-Abstinenz, einer Absage an die Schauspielerei und einer Pseudo-Dokumentation, die beweisen sollte, dass es ihn noch gibt, tritt der zweifache Oscar-Gewinner nun in Venedig auf — mit einer neuerlich preis-würdigen Leistung. In Paul Thomas Andersons "The Master" spielt er den psychisch labilen Anhänger eines charismatischen Sektenführers (Philip Seymour Hoffman). Phoenix ist ein Star und darf sich offenbar auch als solcher benehmen: Bei der Pressekonferenz zum Film raucht er (ist verboten!), beantwortet keine Fragen und ist zwischendurch einfach mal verschwunden.

Mit "The Master" hat das Filmfestival indes einen Höhepunkt erreicht. Denn Anderson, der mit "Magnolia" und "There Will Be Blood" berühmt wurde, erzählt eine Geschichte voller Zündstoff, angelehnt an das Leben L. Ron Hubbards, Gründer der Scientology-Sekte. Der 42-Jährige Regisseur versammelt mit Hoffman und Phoenix zudem zwei der besten Schauspieler Hollywoods. Phoenix stürzt sich mit selbstzerstörerischer Kraft in die Rolle des alkoholkranken Freddy. Mit schiefem Gesicht schafft er einen eindrücklichen Gegenpart zum ambivalenten Verführer Hoffmans. "Eine Liebesgeschichte", nennt der Regisseur diese Konstellation, angesiedelt irgendwo zwischen Herr und Knecht, Vater und Sohn. Freddy liefert sich dem Master aus, der als "Autor, Doktor, Philosoph und Therapeut" Menschen angeblich durch Zeitreisen heilen kann. Während der Master, der durchaus dem Scientology-Gründer ähnlich sieht, immer weiter aufsteigt, scheint Freddys Abstieg unaufhaltsam. Definitiv ein Kandidat für den Löwen.

Um fehlgeleiteten Glauben geht es auch in "Paradies: Glaube" von Ulrich Seidl. Der Österreicher erzählt von einer fanatischen Katholikin, die mit einer Muttergottes-Figur von Haus zu Haus geht und andere zu bekehren versucht. Sie kasteit sich selbst und rutscht auf Knien betend durch ihre triste Wohnung. Ihre Mission wird erst gestört, als ihr Mann, ein Moslem, der nach einem Unfall im Rollstuhl sitzt, heimkehrt. Die italienischen Zeitungen schrieben von einem Skandal: Während der Vorführung kam es jedoch eher zu Gelächter, so ironisch entlarvt der österreichische Regisseur seine verbohrte Hauptfigur, die Jesus sogar nachts mit ins Bett nimmt. Quälend wird der Film vor allem dadurch, dass er keine Entwicklung zulässt.

Terence Malick, der mit "Tree Of Life" vor zwei Jahren die Goldene Palme in Cannes gewann, widmet sich in seinem neuen Film "To The Wonder" der Liebe. Die junge Beziehung zwischen einem Amerikaner und einer Französin (Ben Affleck und Olga Kurylenko) wird auf die Probe gestellt, als sie zu ihm nach Kansas zieht. Malick erzählt von der Flüchtigkeit der Liebe in der ihm eigenen Art: mit Blicken und Gesten statt mit Worten. Die Frauen (es gibt noch eine Episode mit Rachel McAdams) reflektieren ihre Liebe in inneren Monologen. Dazwischen rauscht das Wasser und raschelt das Gras in für Malick typischen betörenden Bildern. Letztlich ist die Geschichte jedoch zu banal für den metaphysisch überhöhten Ton. Einzig Jarvier Bardem als Priester, der versucht, den Armen zu helfen, jedoch an seiner eigenen Suche nach Gott scheitert, gelingt jene existenzielle Dringlichkeit, der die Erzählweise angemessen erscheint.

Fast wie einen Heiligen zelebriert Spike Lee Popstar Michael Jackson in seinem Dokumentarfilm "Bad 25". Mit unzähligen Gesprächspartnern lässt er die Zeit der Entstehung des "Bad"-Albums 1987 Revue passieren. Neben einigen interessanten Details vermittelt sich allerdings nur, wie talentiert Jackson war. Martin Scorsese erinnert sich, wie das Video zu "Bad" entstand, andere Künstler wie Kanye West geben zu Protokoll, dass die Musik sie beeinflusst hat. Jacksons Musik erklingt leider nur in Ausschnitten. Der Film macht Lust, Hits wie "Liberian Girl" oder "The Way You Make Me Feel" noch einmal zu hören. Und genau das soll er auch: Er erscheint im Vorfeld einer Neuveröffentlichung von "Bad" zum 25. Geburtstag des Albums im September und wirkt wie ein Marketinginstrument der Plattenfirma.

(RP)