Unterhaltsamer Abgesang

Unterhaltsamer Abgesang

Monika Maron lässt in "Munin oder Chaos im Kopf" ihre Heldin mit einer Krähe über das verrückte Leben räsonnieren und an einer singenden Nachbarin verzweifeln.

Brütende Hitze lastet wie ein mahnendes Menetekel kommender Katastrophen auf Berlin. Das Alltagsleben schleppt sich in Zeitlupe dahin, die Nerven der Menschen sind brüchig wie altes Papier. Dabei hat es die (freie) Journalistin Mina Wolf ohnehin schon schwer genug. Um ihre Miete zahlen zu können, schreibt sie im Auftrag einer westfälischen Kleinstadt einen Aufsatz über den Dreißigjährigen Krieg.

Während sie nun mit dem Thema ringt und noch keine rechte Erklärung findet, warum dieses von religiösen und politischen Eiferern betriebene Massaker ganz Europa jahrzehntelang in Angst und Schrecken halten konnte, wird sie vor ihrer eigenen Haustür mit dem Wahnsinn der Welt konfrontiert: Auf dem Balkon gegenüber singt eine Nachbarin von morgens bis abends laute Lieder und bringt alle Anwohner allmählich um den Verstand.

Keine Polizei und kein Gericht kann die singende Nervensäge stoppen. Auch die eilends einberufene Mieterversammlung führt nur dazu, dass sich die Betroffenen in die Haare kriegen und handgreiflich werden. Aus der privaten Ruhestörung wird schnell ein Fall sozialer Kritik und gesellschaftlicher Ohnmacht: Alle, die sich vom Staat verlassen und sich abgehängt fühlen, die ihren Frust immer schon mal ungezügelt austoben wollten, projizieren ihren Hass auf die kranke Sängerin und ihre politisch korrekten Unterstützer.

Man ahnt es früh: Das kann und wird kein gutes Ende nehmen. Da hilft es auch nicht, dass Mina Wolf einsame Gespräche führt mit einer einbeinigen alten Krähe, die sich von der Journalistin gerne füttern lässt und ihr zum Dank ein paar unangenehme Wahrheiten über Gott und die Welt ins verwirrte Hirn träufelt. Denn die Krähe, die Mina auf den Namen Munin tauft, ist so alt wie das Universum, sie hat alles erlebt und gesehen und weiß, dass Kriege und Konflikte erst enden, wenn alle Beteiligten tot oder vollkommen erschöpft sind: Nicht die Vernunft oder der Wille zum Frieden regiert die Welt, sondern Gier, Neid und Hass.

In ihrem neuen Roman "Munin oder Chaos im Kopf" blickt Monika Maron mit satirischem Furor auf den anschwellenden Bocksgesang der ungezügelten Aggressionen und existenziellen Verunsicherungen, die unsere Gesellschaft zermürben und den sozialen Zusammenhalt untergraben. Mit bissigem Humor und gesellschaftskritischem Messer zwischen den Zähnen zeichnet sie ein ebenso perfektes wie perfides Stimmungsbild des Zeitgeistes.

In der Rolle der Mina Wolf führt sie uns vor Augen, wie dünn das Eis zivilisatorischer Errungenschaften ist, wie schnell wir in den Sumpf unserer archaischen Triebe versinken und zum blutdurstigen Monster mutieren können. Krähe Munin, benannt nach einer altnordischen Sage, muss nicht wirklich sprechen können, um für Mina ein intellektueller Widerpart sein und sie emotional verunsichern zu können. Munin darf all das sagen, was Mina selbst nicht zu denken wagt. Munin kann Mina durch das Minenfeld privater Konflikte und zivilisatorischer Katastrophen führen und ihr helfen, sich mit der Sinn- und Ausweglosigkeit des Seins anzufreunden.

Erschütterung, Erkenntnis und Reinigung: die griechischen Klassiker grüßen von Ferne. Und Monika Maron spielt virtuos auf der Klaviatur der zeitlos aktuellen Literatur. Mit Lakonie und Ironie führt sie uns vor, wie dumpf es im bürgerlichen Biotop zugeht, wie in jedem Spießer ein Nazi schlummert.

Manches, was Mina über den Umgang mit Randgruppen und Flüchtlingen ausspricht, wird der Autorin sicherlich als politisch unkorrekt ausgelegt werden und vor die Füße fallen. Das dürfte ihr ziemlich schnuppe sein. Denn wer es schafft, den Aufruhr in einer kleinen Berliner Straße zur großen Metapher für den Wahnsinn dieser Welt zu machen, kann so falsch nicht liegen.

Dass der Roman Mensch und Mythos vereint und er nicht nur provokant ist, sondern auch ungemein unterhaltsam, kann ja auch nicht schaden. Oder?

(RP)