Unentschlossenes Porträt des Kommunistenjägers McCarthy

Unentschlossenes Porträt des Kommunistenjägers McCarthy

Dokumentation "The Real American" von Lutz Hachmeister

Der meist gefürchtete und meist gehasste US-Politiker aller Zeiten, Symbolfigur für eine beispiellose Hetzjagd, war in Wirklichkeit ein armseliger Verlierer. Diese Erkenntnis vermittelt der Dokumentarfilm, den Lutz Hachmeister ("Das Goebbels Experiment") über den Senator Joe McCarthy produziert hat. Er verwendet darin viel Archivmaterial, stellt Szenen aus McCarthys Privatleben nach und lässt Zeitzeugen zu Wort kommen. Das Ergebnis enttäuscht. "The Real American" ist zu konventionell oder nicht konventionell genug – für einen Weg hätte sich Hachmeister schon entscheiden müssen.

McCarthy hat einer Ära einen Namen gegeben. Man spricht von der McCarthy-Ära, wenn es um die 1947 einsetzende Verfolgung tatsächlicher und vermeintlicher Kommunisten geht. Besondere Aufmerksamkeit erlangte diese Epoche, weil Hollywood von der Hexenjagd betroffen war und weil ein paar mutige, liberale Stars wie Gene Kelly, Humphrey Bogart und Lauren Bacall Zivilcourage zeigten und für Meinungsfreiheit demonstrierten.

McCarthy hat dieses unrühmliche Kapitel der US-Geschichte weder initiiert noch dominiert. Erst 1950 wurde er landesweit bekannt, und bereits 1954 stellte sich der Senat geschlossen gegen ihn, was ein politisches Todesurteil bedeutete. Paradoxerweise waren es Antikommunisten, die ihn stürzten – weil sein fanatischer, primitiver, offensichtlich alkoholisierter Antikommunismus ihrer Sache schadete. Vor allem das Fernsehen brachte ihn zu Fall, seine würdelosen Auftritte hielten keiner Großaufnahme stand. Und er war so dumm, sich mit dem Militär anzulegen, das er ebenfalls als kommunistisch unterwandert betrachtete. 1957 starb er im Alter von 48 Jahren. An einem Leberleiden, wie man es höflich formulierte.

Eine zutiefst unangenehme Persönlichkeit, zweifellos, aber definitiv kein Einzeltäter. Ein unrühmliches Kapitel der US-Geschichte ist die so genannte McCarthy-Ära, weil Millionen Amerikaner mitgemacht, Freunde verstoßen, Angestellte entlassen oder aus Angst zu allem geschwiegen haben.

Lutz Hachmeister liefert zu wenig politischen Kontext, und der Privatmann McCarthy kommt einem in den hölzernen Spielszenen auch nicht näher. Schade um die fleißige Recherche. "The Real American" ist hoffentlich nicht der letzte Film über diesen unerfreulichen, aber dennoch faszinierenden Politiker.

lll

(RP)
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