1. Kultur

Unbekanntes Album von John Coltrane entdeckt

Großartiges Album aus dem Nachlass : Flaschenpost von John Coltrane

Im Nachlass des 1967 gestorbenen Saxophonisten wurde ein bislang unbekanntes Album gefunden. „Both Directions At Once“ ist eine großartige Ergänzung von Coltranes Werk.

Es gab ein paar Glückliche, die das Album schon lange vor der Veröffentlichung hören durften, und die griffen ganz schön in die Harfe, als sie um ihre Urteile gebeten wurden: Die Platte sei eine Sensation, hieß es unisono. Und als Vergleich wurde alles bis aufs Bernsteinzimmer herbeizitiert: als sei ein verschollenes Beatles-Album aufgetaucht, eine zehnte Beethoven-Symphonie oder ein unbekanntes Schlüsselwerk Picassos. Der Saxophonist Sonny Rollins frohlockte gar, ihm komme es vor, als „hätte man eine neue Kammer in der großen Pyramide gefunden“. Jeder schien buchstäblich weggeblasen, und bei so viel Ankündigungslyrik spürt man direkt so ein Euphorie-Gebot und hat eigentlich keine Lust mehr, das Album überhaupt zu hören. Was indes schade wäre.

„Both Directions at Once: The Lost Album“ heißt die Platte, die aus dem Nachlass des Jazz-Giganten John Coltrane geborgen und nun endlich veröffentlicht wurde. Sieben Stücke sind darauf zu finden, die am 6. März 1963 im Studio von Rudy Van Gelder in Englewood Cliffs, New Jersey eingespielt wurden. Und zwar mit jenem Quartett, das in der Jazzgeschichtsschreibung als das klassische gilt: McCoy Tyner am Piano, Jimmy Garrison am Bass und Elvin Jones am Schlagzeug. Manche Stücke, wie „Impressions“, kennt der Fan bereits in anderen Versionen, aber es sind auch neue, bislang ungehörte Kompositionen darunter. Das Juwel trägt den sperrigen Titel „Untitled 11386“. Der Bass schnippt mit den Fingern, die Drums stehen auf einem fliegenden Teppich, und kurz vor Schluss tun sie sich zusammen und bauen ein filigranes, aber standfestes Rhythmusgerüst, und dann kommt Coltrane mit seinem Sopransaxofon aus dem Dunkel und windet so intarsien-liebevoll seine lichtsatten Melodiegirlanden in das Konstrukt, dass man denkt: Schon toll, dass es diese Platte gibt!

  • Miles Davis und John Coltrane in Europa
  • Düsseldorf : Miles Davis im Quartett
  • Bischof Georg Bätzing, Vorsitzender der Deutschen
    Deutsche Bischöfe beraten in Fulda : „Rolle der Frau ist die entscheidende Zukunftsfrage“

Coltrane war ja damals schon ein King, so groß wie Miles Davis und Sonny Rollins. Der Weg dahin indes war dornig gewesen. Coltrane hatte bei Thelonius Monk und Miles Davis gespielt, aber er bekam seine Heroinsucht nicht in den Griff. Als Miles Davis ihn schließlich aus seiner Band warf, unternahm Coltrane einen kalten Entzug daheim in seinem Haus in Philadelphia, und als er zurückkehrte, clean und rein, war er ein anderer. Ein Gottsucher, ein spiritueller Freigeist, und seine erste Großtat war die Mitwirkung an „Kind Of Blue“ von Miles Davis, dem größten Jazz-Album aller Zeiten. Er bildete den verhalten wütenden Kontrast zu Davis’ kontrolliertem Spiel. 1961 hatte Coltrane dann für Jazz-Verhältnisse einen eigenen Mega-Hit: „My Favourite Things“. Kurz danach wechselte er zu Impulse-Records, und die Bosse baten ihn: Produzier doch ruhig wieder so einen Kracher, etwas Wehmütiges, Traditionelles, was die Leute gerne hören – komm schon.

Coltrane war allerdings mit dem Kopf ganz woanders. Er nahm 1963 ein zweiwöchiges Engagement in dem Club „Birdland“ an, und auf der Bühne führte er dort sein Projekt fort: den Himmel aufreißen, das Neue suchen, Gott im Lärm finden. 1960 hatte er das auf einer gemeinsamen Tour mit Miles Davis begonnen, in manchen Städten hatte ihn das Publikum von der Bühne gebuht, so unerhört war sein Sound, der 1964 in „A Love Supreme“, den zweitgrößten Jazz-Album aller Zeiten, seine schönste Form fand. „Er atmet und betet durch sein Saxophon“, schrieb Karl Lippegaus über Coltrane. Der sah sich als Werkzeug Gottes und versuchte, aus ihm heraus und durch ihn zu sprechen. Kurz vor seinem frühen Krebstod 1967 nahm Coltrane das Album „Ascension“ auf, was nichts anderes ist, als eine verzweifelte, 40 Minuten lange und bis zur körperlichen Erschöpfung geblasene Hymne an den Höchsten.

Auf „Both Directions At Once“ ist Coltrane längst nicht so weit. Er steht noch auf der Grenze zwischen Tradition und Neuland. „Vilia“ variiert ein Thema aus Franz Lehars „Lustiger Witwe“, und „Nature Boy“ ist ein Standard, den schon Frank Sinatra und Nat King Cole in die Top 10 brachten. Coltrane spielt mit festem, hartem Ton, zwischendurch ist er ganz weich und schmeichlerisch, und nur ausnahmsweise – in dem faszinierenden und mehr als zehn Minuten langen „Slow Blues etwa – bläst er sich in Rage. Dann zieht er das Tempo enorm an und schickt Kaskaden von roten Blitzen in das Zusammenspiel. Coltrane öffnet kurz den Strudel der Möglichkeiten, er taucht zwar noch nicht ein und unter, aber man kann schon in den weiten Raum blicken, in dem sich seine Kollegen heute bewegen.

Die Plattenfirma war denn auch wohl nicht ganz so überzeugt von dem Material, man hatte sich Anderes erhofft. Und weil der Workaholic Coltrane in jenem Jahr ohnehin schon zwei Alben veröffentlichte, unter anderem das wehmütige, aber auch sehr schöne mit dem Schnulzensänger Johnny Hartman, gerieten die Aufnahmen in Vergessenheit. Bei dem Impulse-Umzug von New York nach Los Angeles sollen die Originalbänder verlorengegangen sein. Aber zum Glück hatte Coltrane eine Referenzkopie mit nach Hause genommen. Die Familie seiner ersten Frau Naima fand sie und brachte sie zu Impulse. Coltranes Sohn Ravi aus der zweiten Ehe mit der Harfenistin und Pianistin Alice McLeod richtete die Stücke nun für die Veröffentlichung ein.

Der Titel der Platte nimmt eine Empfehlung Coltranes an Wayne Shorter auf: Beginn dein Spiel stets in der Mitte und gehe von dort gleichzeitig zum Anfang und zum Ende. Shorter dürfte zunächst doof geguckt und sich gefragt haben, was er denn nun damit anfangen soll. Aber er wird dann Coltrane beim Spiel zugehört und allmählich begriffen haben. Das sehr schöne und froh machende Album „Both Directions“ jedenfalls ist nun bei aller Liebe sicher keine neue Kammer in der großen Pyramide. Aber es ist eine neue, leichter zu erreichende Tür, die sich in die alten, mit gold ausgekleideten und immer noch unheimlich faszinierenden Kammer dieser Pyramide öffnet.

„Both Directions“ macht Lust auf den ganzen Coltrane. Auf Jazz. Aufs Hören.