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Düsseldorf: Umberto Eco im Erzähl-Labyrinth

Düsseldorf : Umberto Eco im Erzähl-Labyrinth

"Der Friedhof in Prag" heißt der neue historische Roman des italienischen Bestsellerautors Umberto Eco (79). Das Buch erzählt von einem Spion aus dem 19. Jahrhundert, der mit einem gefälschtem Manuskript eine jüdische Weltverschwörung zu belegen sucht.

Wer schon immer mal die Eingangspforte zur Literatur betreten wollte, folge an dieser Stelle bitte unauffällig: An der Pariser Rue d'Amboise geht es zwischen einem als Bierlokal getarnten Bordell und einer Taverne rechts in eine Sackgasse. Dort ist ein schäbiger Trödlerladen, doch wer ihn betritt, die knarzende Wendeltreppe erklimmt und den weiträumigen Salon durchschreitet, wird bald an einem Tisch einen älteren Herrn im Morgenrock erblicken – schreibend. Und wer dann noch über die Schulter des Betagten zu schielen wagt, wird Zeile für Zeile und in quasi Echtzeit genau jene Geschichte zu lesen bekommen, die am kommenden Samstag in allen Buchläden hierzulande zu kaufen sein wird – unter dem Namen eines gewissen Umberto Eco und mit dem Titel "Der Friedhof in Prag".

So nett also nimmt uns der italienische Bestsellerautor und Semiotiker Umberto Eco an die Hand, führt uns auf seinen ersten Seiten behutsam durch das Paris der Jahrhundertwende (das so erbärmlich stinkt wie in Patrick Süskinds Roman "Das Parfüm") bis zu seinem Helden: Der heißt Simon Simonini, ist ein flammender Juden-, Freimaurer- und Jesuitenhasser, ein Spion und Fälscher – und obendrein die einzige Figur auf den über 500 Seiten, die dem Reich der Fantasie entstammt. Sein "berühmtestes" Werk ist eine Art Mitschrift einer geheimen Zusammenkunft von Rabbinern auf dem Friedhof von Prag. Die Schrift hat es 1905 unter dem berüchtigten Titel "Die Protokolle der Weisen von Zion" tatsächlich gegeben und sollte als Beweis einer jüdischen Weltverschwörung dienen. Die Fälschung hat furchtbaren Eindruck hinterlassen: Dem Massenmörder Hitler diente sie als Argument seines Wahnsinns.

Das ist natürlich genau der Stoff, an dem alle moralischen Bedenkenträger jetzt ihre Reflexe üben und den Roman mit der Frage traktieren können, ob das denn statthaft ist – einen waschechten Antisemiten als Held, der, in der Tat, sich viele Seiten lang etwa über Vermehrung und geistige Krankheiten von Juden krause Gedanken macht. Als der 79-jährige Eco seinen neuen Roman in diesem Frühjahr auf der Buchmesse in Jerusalem vorstellte, gab er zu bedenken: "Alle identifizieren sich mit den Figuren eines Buches, auch mit den negativen, ohne jedoch ihre Verbrechen und Schandtaten zu begehen." Man nehme bitte Anteil; doch wer, Hand aufs Herz, verwandelt sich sogleich in die Figur?

Das ist so ein kleiner Nebenschauplatz eines imposanten Romans, der längst seinen Siegeszug angetreten hat: In den vergangenen Monaten fand er in Italien, Spanien und Frankreich bereits über eine Million Käufer. Da ist die Startauflage beim Hanser-Verlag mit 200 000 Exemplaren eher zurückhaltend. Ein neuer Eco ist indes immer eine Erregung wert. Und wenn gut 30 Jahre nach "Der Name der Rose" wieder ein historischer Schmöker seine Schreibwerkstatt verlassen hat, dann fragt sich gleich die halbe Welt, ob sie erst das Buch lesen oder doch die Verfilmung mit Sean Connery abwarten soll.

Diesmal aber ist es anders, denn "Der Friedhof in Prag" ist ein ziemlich harter Brocken. Und wenn Umberto Eco einräumt, er versuche, mit jedem Buch komplizierter zu werden, "um die Leser abzuschrecken", so muss man ihm zubilligen, sich diesmal sehr angestrengt zu haben. Denn dieser Simonini ist ja nicht der einzige Erzähler im Buch, auch wenn wir ihm zu Beginn so vertraut über die Schulter schauen durften.

So lebt im Haus offenbar auch noch ein Priester – Abbé Dalla Piccola. Der liest nachts die Tagebuch-Aufzeichnungen von Simonini und kommentiert oder verbessert sie. Auch gibt es genügend Gründe zu glauben, dass beide ein und dieselbe Person sind. Vielleicht sind es Spiegelbilder. Umso mehr irritiert es, wenn der Spion den Priester später ermordet und ihn zu anderen Leichen im Keller, einer alten Kloake, deponiert. Dass aber der vermeintlich Ermordete dann die schändliche Tat an ihm wiederum geißelt, erfordert vom Leser schon eine gewisse geistige Beweglichkeit. Außerdem mischt noch ein weiterer Erzähler mit, der alles halbwegs zu ordnen und zu straffen versucht.

Aber Umberto Eco spielt nicht mit dem Leser; er stellt mit ihm etwas an. Denn wer sich in dieses Labyrinth des Erzählens einmal begibt, bekommt zwangsläufig zu spüren, was Fälschungen und Irrtümer bewirken können. Man kann also schnell den Glauben daran verlieren, was wahr ist oder sein könnte. Mit all diesen Lügengeschichten droht die Welt unlesbar zu werden. Am Ende des Buches wird der Leser in seinen Urteilen bescheidener, nachdenklicher. Zumal keine große Fälschung, so Eco, etwas Neues enthüllt. Sie bestätigt stets nur alte Vorurteile. Das Buch ist ein Krimi ohne Lösung und seine Struktur die einer Bibliothek: "Trittst du ein, weiß du nicht, wie du wieder herauskommst", heißt es im "Namen der Rose".

Bei ihrer Arbeit soll die lettische Übersetzerin von "Der Friedhof in Prag" herausgefunden haben, dass ein beschriebenes Ereignis im Jahre 1864 nicht, wie es im Buch steht, ein Montag, sondern ein Dienstag war. In einem Roman, in dem es vor Fälschungen nur so wimmelt, hat diese ehrgeizige Korrektur natürlich etwas Putziges. Aber ist es auch ein großes Buch? Vermutlich das größte – wird man nach der Lektüre mit ihren vielen Täuschungen sehr gelassen behaupten dürfen.

(RP)