Tom Cruise wäre gern ein Rockstar

Tom Cruise wäre gern ein Rockstar

In der Musical-Verfilmung "Rock Of Ages" spielt der 49-Jährige einen Hardrock-Sänger im Karrieretief. Der Film bemüht sich, sämtliche Klischees über die 80er Jahre zusammenzukehren. Im Mittelpunkt steht die Musik von Bands wie Guns N' Roses, Twisted Sister und Bon Jovi.

Mit Musicals im Kino ist das so eine Sache. Entweder es geht gut, und die Umsetzung des Bühnenstoffes für die Leinwand wird ein gewaltiger Erfolg wie "Mamma Mia!" (2008) mit Meryl Streep. Oder der Film misslingt trotz Staraufgebots, und der Zuschauer muss 90 Minuten lang unsägliche Qualen erleiden wie zuletzt in "Nine" (2009) mit Nicole Kidman und Penelope Cruz. "Rock Of Ages" ist nun wieder ein Musical. Es gehört eindeutig in die zweite Kategorie.

Die Story geht so: Das Jahr 1987, ein Mädchen aus der Provinz fährt nach Los Angeles. Sie will in der glitzernden Stadt ihr Glück suchen, und weil sie Hardrock mag, arbeitet sie als Kellnerin in einer der einschlägigen Kneipen am Sunset Strip. Das war damals das Zentrum jener Szene, der man wegen der ausladenden Frisuren ihrer Musiker den Namen "Hair-Metal" gab. Mötley Crüe gehörte dazu, Def Leppard und Guns N' Roses, die im betreffenden Jahr ihr Debüt "Appetite For Destruction" veröffentlichten, außerdem Skid Row, Twisted Sister und die frühen Bon Jovi.

Durch die Kulisse springen allerhand junge Leute in schwarzen T-Shirts und Jeansjacken, deren Ärmel sie abgeschnitten haben. Sie sehen aus wie Jugendliche von heute, und man weiß nicht, ob das daran liegt, dass die 80er Jahre wieder so populär sind, oder ob die Produzenten sich schlichtweg keine Mühe mit der Recherche gemacht haben. Dieser Gedanke kommt dem Zuschauer spätestens beim Auftritt von Alec Baldwin als Besitzer des Rock-Schuppens. Er ist genauso glaubwürdig gekleidet wie der einstige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, der sich gelegentlich ein AC/DC-Shirt über das Business-Hemd zog, um wild zu wirken.

Hinzu kommt das Grundproblem des Musicals: Wenn es besonders romantisch wird oder ernst, hören die Figuren auf zu sprechen und beginnen zu singen. Hier stimmen sie "I Love Rock 'n' Roll" an oder "Paradise City". An Musical-Verfilmungen wird häufig gelobt, dass die Schauspieler tatsächlich singen können – was aber genau genommen Voraussetzung sein sollte, damit jemand eine Rolle im Singspiel überhaupt bekommt. In diesem Film hingegen gibt es Darsteller, die nicht singen können, ausgerechnet die Hauptdarstellerin gehört dazu, man warte nur mal ihre Interpretation der Ballade "More Than Words" von Extreme ab. Hinzu kommt das Drehbuch, das nicht wenig Arbeit gemacht haben dürfte, viel Text gibt es zwischen den Songs nicht. Der Platz reicht indes, um solche Sätze hineinzuschreiben: "Steuern sind sowas von nicht Rock 'n' Roll". Oder den Dialog zweier Liebender, die Klage führen über das nach dem letzten Treffen Erlittene. Sie: "Ich muss dir was sagen, ich bin Stripperin." Er: "Ich bin Mitglied in einer Boyband." Sie: "Okay, du hast gewonnen."

Völlig unfassbar wird der Film, wenn endlich Tom Cruise die Bühne betritt. Man sah ihn in seinem Kostüm bereits in vielen Klatschmagazinen, und in den Interviews, die die hochglänzenden Bilder illustrierten, betonte er, dass ihm die Dreharbeiten großen Spaß gemacht haben. Cruise sah sich zur Vorbereitung offensichtlich mehrmals Johnny Depp in "Piraten der Karibik" an, und wie Tom Cruise, der an Captain Jack Sparrow denkt, während er einen Rocker spielt, sieht seine Vorstellung dann auch aus. Cruise heißt im Film Stacee Jaxx, dessen Karriere ist in der Krise, und natürlich trinkt der Rocksänger zu viel. Cruise trägt in den meisten Einstellungen nicht mehr als eine enge Lederhose, deren Bund knapp über dem Schambein endet. Er windet sich darin wie ein Reptil, und erst, als er auf diese Weise eine Redakteurin des Musikmagazins "Rolling Stone" verführt, begreift man, dass die Bewegungen erotisch gemeint sind.

"Rock Of Ages" spürt man den Willen an, überdreht zu sein – gemäß der Musik, mit der sich die am Broadway erfolgreiche Bühnenvorlage schmückt. Der Film müht sich, eine Zeit zu persiflieren, eine Kultur, aber er ist zu plump. Am Thema der Geschichte ist keiner der Mitwirkenden interessiert, weder am Kolorit der Zeit noch an Nostalgie. Das Augenzwinkern wird Selbstzweck, die Geste, mit der man klarstellt, dass die anderen bloß nichts ernst nehmen sollen. Diese Haltung ist auf Dauer ebenso anstrengend für die Zwinkernden wie für die Angezwinkerten.

Wer in den 80ern aufwuchs, wer Interesse hat an dem Jahrzehnt und über die Arglosigkeit, das Überzogene schmunzeln möchte, der sehe sich noch einmal "Das Geheimnis meines Erfolges" mit Michael J. Fox aus dem Jahr 1987 an. Die Geschichte ist so dünn wie bei "Rock Of Ages", aber sie hat Charme. Die Darsteller sind angezogen und nicht kostümiert, die Musik ist ernst gemeint und nicht ironisch. Man nennt das authentisch. l

(RP)