Nach den Vorwürfen gegen Til Schweiger Welche Maßnahmen Claudia Roth jetzt in der Kulturbranche fordert

Berlin · In einem „Spiegel“-Artikel sprachen Mitarbeiter anonym über Gewalt und Trunkenheit am Filmset von Til Schweiger. Der Schauspieler bestreitet alle Vorwürfe. Was Claudia Roth jetzt in der Kulturbranche verändern möchte.

Claudia Roth (Grüne), Kulturstaatsministerin, spricht auf der Leipziger Buchmesse (Archivfoto).

Claudia Roth (Grüne), Kulturstaatsministerin, spricht auf der Leipziger Buchmesse (Archivfoto).

Foto: dpa/Hendrik Schmidt

Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) hat von der Kultur- und Medienbranche mehr Maßnahmen zum Schutz vor sexueller Diskriminierung und Gewalt eingefordert. Mit Blick auf die aktuelle Berichterstattung über Vorwürfe am Film-Set des Schauspieles und Regisseurs Til Schweiger sagte Roth am Dienstag in Berlin, auch künstlerische Genies – oder angeblich künstlerische Genies – stünden nicht über Recht und Gesetz.

Sie äußerte sich anlässlich des fünfjährigen Bestehens der Vertrauensstelle gegen Sexuelle Belästigung und Gewalt in der Kultur- und Medienbranche mit dem Namen Themis. Roth betonte, die Kultur- und Medienbranche sei aufgrund ihrer Struktur offenkundig anfällig für Machtmissbrauch, für sexualisierte Übergriffe und auch für den Verstoß gegen Arbeitsschutzregeln. Die Zeiten patriarchalischer Macker, die ihre Machtposition in übelster Form ausnutzen, sollten wirklich vorbei sein.

Zahlreiche Filmschaffende hatten dem Magazin „Spiegel“ von einem Klima der Angst berichtet, das an mindestens einem Filmset Schweigers geherrscht haben soll. Sie schilderten auch Beleidigungen. Schweiger selbst widerspricht den Vorwürfen. Auch die Produktionsfirma Constantin Film weist alle Vorwürfe zurück.

Nach Angaben Roths soll sich die Kulturbranche unter Federführung des Deutschen Kulturrats nun einen Verhaltenskodex geben. In einem ersten Schritt gehe es um eine verbindliche Selbstverpflichtung der Branche, so die Kulturstaatsministerin. Wenn das nicht ausreiche, wolle der Bund den nächsten Schritt gehen und bestimmte Richtlinien für eine Förderung verbindlich machen. Roth forderte von der Produktionsfirma Constantin Film Aufklärung. Es gehe um eine staatliche Förderung von rund 2,1 Millionen Euro, sagte sie.

Auch die Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes, Ferda Ataman, pochte auf mehr Maßnahmen zum Schutz vor sexueller Belästigung in der Kulturbranche. „Allzu lange fand sexuelle Belästigung im Kultur- und Medienbereich abseits des Scheinwerferlichts statt“, sagte Ataman. Die aktuelle Berichterstattung über Vorwürfe am Film-Set Schweigers zeigten, dass es offenbar ein extrem großes Machtgefälle gebe.

Ataman verwies erneut auf eine Reform des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG). So gelte etwa für freiberuflich Arbeitende das Diskriminierungsverbot im AGG nicht. Dieser rechtsfreie Raum gehöre abgeschafft. Sie forderte Selbstverpflichtungen, die klare, verbindliche Regeln und Sanktionen enthielten. So dürfe kein öffentliches Geld mehr an Personen gehen, die sich nicht an Regeln hielten. Auftraggebende sollten außerdem künftig Antidiskriminierungsklauseln in allen Honorarverträgen verankern.

Unter dem Schlagwort #MeToo wird seit Jahren über sexualisierte Übergriffe, Machtmissbrauch und toxische Arbeitsatmosphäre diskutiert. In Deutschland wurde als Folge 2018 die Vertrauensstelle Themis gegründet, benannt nach der griechischen Göttin für Gerechtigkeit. Finanziell unterstützt wird der Verein von der Kulturstaatsministerin sowie von Sendeanstalten und Branchenverbänden. Der Verein bietet psychologische und juristische Beratung für mutmaßliche Opfer. Laut Vorstand wurden seit Gründung vor fünf Jahren rund 850 Erstberatungen und insgesamt etwa 2.000 Beratungsgespräche geführt.

(mzu/kna)