Düsseldorf: Theater sucht nach dem Sinn des Seins

Düsseldorf : Theater sucht nach dem Sinn des Seins

Stéphane Braunschweig inszeniert in Düsseldorf Becketts "Glückliche Tage" und findet die Absurdität unserer Zeit in der digitalen Welt. Claudia Hübbecker überzeugt in der Hauptrolle, doch das Theater kämpft weiter mit der Auslastung.

Winnie steckt fest. Bis zur Hüfte ist die gebildete Dame in einem giftblauen Erdhügel versunken, kann nur plappern, ab und an in ihre Tasche greifen, Zähne putzen, Lippen schminken — und sich einreden, sie erlebe dennoch "glückliche Tage". Die gefangene Frau erkennt die Ausweglosigkeit ihrer Lage, doch sie flieht vor dem Wissen um die Trostlosigkeit ihrer Existenz in die Trümmer eines Alltags, der nur noch absurd ist. Irgendwo hinter ihr kriecht noch ihr Mann Willie durch sein Leben. Manchmal, sehr selten, reagiert er auf die Fragen seiner Frau. Seine Antworten sind nicht mehr als Reflexe, doch Winnie machen diese Momente glücklich. Sie hat dann das Gefühl, wahrgenommen zu werden, in der existenziellen Gelähmtheit ihres Lebens nicht allein zu sein, Mensch zu bleiben.

1960 legte Samuel Beckett sein Zweipersonen-Stück "Glückliche Tage" vor, und wie seine Werke "Warten auf Godot" oder "Endspiel" handelt es von der unerträglichen Nichtigkeit des Seins und der stillen Verzweiflung des Menschen, der gegen die Sinnlosigkeit anlebt. Apokalyptisch werden Becketts Stücke oft genannt, weil seine Figuren in Endzeit-Situationen geraten, dem Tod entgegenzutrudeln scheinen. Auch Winnie muss etwas Schreckliches geschehen sein, wenn der Zuschauer auch nicht erfährt, warum sie feststeckt im Erdreich, in ihrem eigenen Grabhügel.

Doch Becketts Werke sind nicht bedrückend, weil sie vom Leiden nach der Katastrophe erzählen, es geht nicht um das, was geschah, sondern um das, was ist, was wir Leben nennen. Becketts Werke bringen den Leerlauf des Seins auf die Bühne. Sie sind beklemmend, weil sie dem aus allen religiösen Bindungen gestoßenen modernen Menschen die eigene Bedeutungslosigkeit vor Augen führen.

Seine Winnie lässt Beckett noch gegen die Vergeblichkeit anreden, er stellte die Sprache gegen das Nichts. Und die Rudimente von Begegnungen zwischen zwei Menschen, die Überreste einer Liebe. Doch inzwischen hat die Welt die digitale Revolution erlebt, flüchten immer mehr Menschen vor der Frage nach dem Sinn des Seins in die animierten Grafikwelten von Computerspielen. Und so macht der französische Regisseur Stéphane Braunschweig im Großen Haus des Düsseldorfer Schauspielhauses aus der monologisierenden Frau im Erdhügel eine Winnie 2.0 und stellt sie in eine digitale Rasterlandschaft. Bei ihm sind die Erdhügel Rohrgerüste wie am Computer entworfen, eiserne Reifröcke, in denen der Mensch unbeweglich wird. Das Hügelskelett, in dem Winnie feststeckt, ist mit blauem Plastik übergossen, mit Blue-Screen-Masse, auf die sich alles projizieren ließe. Das Ringen der Existenzialisten mit dem Sein ist auch nur eine Oberfläche. Und die ist in Auflösung begriffen. Unter dem Erdhügel schaut das Konstrukt hervor. Genauso ließe sich etwas anderes auf das Raster programmieren. Game over. Die Generation Pixel muss über das Leben nicht mehr grübeln, sie entwirft sich neue Welten.

Hauptdarstellerin Claudia Hübbecker brilliert im gewaltigen Monolog der Winnie. Sie gibt dem hadernden Selbstgespräch einer verlorenen Frau viele Nuancen — und ihrer Figur eine Würde, die sie erst zur tragischen Figur macht. Dabei hatte Beckett das Theater an die Grenzen des Möglichen geführt, als er seine Hauptdarstellerin an einem Punkt der Bühne fixierte und die Handlung durch einen Plapperstrom ersetzte. Hübbecker aber gelingt es aus dieser verzweifelten Position heraus, die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu halten. Obwohl sie so furchtbar allein ist auf der weiten Bühne im Großen Saal des Schauspielhauses, geht sie nicht unter. Selbst als ihr das Erdhügelskelett im zweiten Akt bis an den Hals reicht, nur ihre Miene noch beweglich bleibt, folgt man ihren Selbstbeschwichtigungesversuchen. Und Rainer Galke ist ihr als schweigsamer Gatte ein sicherer Halt.

Hübecker ist den gesamten Abend über zweimal zu sehen, real und als Webcam-Projektion auf dem Prospekt der Bühne. Es ist eine sinnlose Verdoppelung, sie erzählt nichts Neues. Doch der Zuschauer wird verführt, statt der realen Schauspielerin ihrem digitalen Ebenbild zu folgen, der Sog ins Virtuelle funktioniert auch auf der Bühne. Das ist nicht raffiniert inszeniert, aber konsequent.

Das absurde Theater hat eine große Tradition am Düsseldorfer Schauspielhaus. Karl Heinz Stroux, von 1955 bis 1972 Generalintendant des Hauses, erkannte früh das Genie des anderen großen Dramatikers des Absurden, Eugène Ionesco, und brachte dessen bedeutendste Stücke teils zur Uraufführung. An diese Ära mag der nun bereits wieder abgetretene Interimsintendant Manfred Weber gedacht haben, als er Beckett in den Spielplan hob. Und nun werden auf der Bühne glückliche Tage behauptet in Zeiten, die für das Schauspielhaus existenziell geworden sind. Selbst die Premiere am Wochenende war nicht ausverkauft, nach drei Intendantenwechseln in kurzer Zeit scheint das Publikum mit seinem Stadttheater abgeschlossen zu haben. Dabei sind Krisen oft die wahrhaftigsten Zeiten in der Kunst. Und dem Beckett-Abend mit zwei langjährigen Mitgliedern des Ensembles war der Druck anzumerken, der derzeit auf dem Haus lastet. Im Sport erweisen sich die wahren Fans in solchen Zeiten.

Stadttheater müssen für die Bürger ihrer Stadt da sein. Und manchmal die Bürger für ihr Theater. Damit es weiter fragen kann nach dem Sinn des Seins.

(RP)