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Theater in NRW: Das Programm für die neue Saison auf den Bühnen

Start der neuen Spielzeiten : Auf den Bühnen der Region

In wenigen Tagen beginnen in den Theatern des Landes die neuen Spielzeiten – trotz der Corona-Einschränkungen. Die Spielpläne zeugen von ungehemmter Spiellust und stellen Fragen zur Gegenwart.

Vage hat das Theater Oberhausen für Februar 2021 ein neues Theaterprojekt angekündigt: Der Arbeitstitel des geheimnisvollen Vorhabens lautet „Wir nehmen uns die Freiheit, noch nicht zu wissen, was das ist, weil wir derzeit eine Menge denken, aber wenig wissen können.“ Die ironische Ankündigung beschreibt exakt, vor welchen Herausforderungen die Theater am Beginn der neuen Spielzeit stehen. Niemand weiß, welches Theater die Pandemie zulassen wird und ob die Spielzeit ohne Unterbrechungen zu Ende gespielt werden kann. Aber alle Schauspielhäuser haben eine Planung vorgelegt – manche nur für die ersten paar Monate, manche mit großen Projekten für das ganze Jahr, aber alle mit Abstands- und Hygieneregeln. Hier eine Auswahl der Premieren der nächsten drei Monate:

Dortmund Am Schauspiel Dortmund sind zehn rauschhafte Jahre unter Kay Voges zu Ende gegangen, während derer sich das Haus als avantgardistischer Vorreiter einer Verschmelzung von Bühnenschauspiel, Video und Bildender Kunst etablierte. Von der neuen Intendantin Julia Wissert ist eine andere Schwerpunktsetzung zu erwarten. Ihr erster Spielplan ist vielfältig: Wissert selbst startet mit einem Stadtraumprojekt, das aus dem Jahr 2170 einen Blick zurück ins Heute wirft. Besonders spannend wird der Blick der jungen Hausregisseurin Mizgin Bilmen auf Goethes „Faust“ sein: auf einen alten weißen Mann, dessen Bedingungslosigkeit und Wahn die Leben aller Menschen seines Umfelds zerstört.

www.theaterdo.de/schauspiel

Düsseldorf Das Düsseldorfer Schauspielhaus riskiert zum Spielzeitauftakt ein genreübergreifendes Projekt auf der Grenze zwischen Choreografischem Theater und Schauspiel. Erstmals inszeniert die renommierte Choreografin Constanza Macras am Haus: Ihre „dystopische Science-Fiction-Komödie“ mischt unter dem Titel „Hyperreal“ ihr Tanz-Ensemble mit dem Ensemble des Schauspielhauses und stellt die Frage nach dem Sinn von Unterhaltung und Repräsentation. Herrschsucht, Dekadenz und schmerzhafte Leidenschaften untersucht David Böschs Fassbinder-Inszenierung „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“, während Sebastian Baumgarten Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“ als „säkulares Passionsspiel“ in Szene setzen will.

www.dhaus.de

Köln Er mache kein Theater, um zu provozieren, behauptete der als Provokateur bekannte bosnisch-kroatische Regisseur Oliver Frljic im Interview mit dem Online-Medium Nachtkritik.de. Aber er lege stets den Finger in die Wunde der (gesellschaftlichen) Probleme des Landes. In Köln inszeniert er Kleists durch missbräuchliche Interpretation im Nationalsozialismus lange kontaminierte „Hermannsschlacht“. Er will das Stück auf die überzeitlichen Mechanismen von Machtgier und Rücksichtslosigkeit sowie die Notwendigkeit von Gewalt bei politischen Umstürzen befragen. Noch im September stehen in Köln zwei Jelinek-Premieren auf dem Programm: Ersan Mondtag, der Spezialist für Dystopien und gigantische Bühnenbilder, inszeniert Jelineks „Wut“, und Hausherr Stefan Bachmann bringt die von dem berüchtigten Strache-Ibiza-Video beeinflusste Textfläche „Schwarzwasser“ auf die Bühne. Die Wiener Uraufführung von „Schwarzwasser“ besorgte übrigens der eigenwillige, intellektuell und ästhetisch interessante Regisseur Robert Borgmann, der in Köln Ibsens „Nora“ einrichten wird.

www.schauspiel.koeln

Bochum Am Schauspielhaus Bochum mutet sich Intendant Johan Simons trotz Abstandsregeln einen wuchtigen Viel-Personen-Klassiker zu und inszeniert Shakespeares „König Lear“: Shakespeare habe sein Stück schließlich ebenfalls unter Quarantäne-Bedingungen geschrieben, als im Lande die Pest herrschte, stellt Simons fest. Besonders interessiere ihn die Art und Weise, mit dem Tod umzugehen, kündigt der Regisseur an. Dušan David Parízek versucht, dem wahren Ich von Ibsens Weltenbummler auf Selbstfindungs-Trip „Peer Gynt“ auf die Spur zu kommen: Dessen Reise sei „ein großer Budenzauber, ein verzweifeltes Erlebnis-Zapping, eine Ansammlung von hybriden Ich-Entwürfen und Gesten des Menschenverschleißes, die um ein schwarzes Loch kreisen“.

www.schauspielhausbochum.de

Oberhausen Wer schimpft eigentlich darüber, dass das Theater zu viele Romanadaptionen auf die Bühne bringe? Die haben uns schon große Höhepunkte auf den Bühnen unseres Landes beschert. Gespannt erwartet man die Uraufführung von Sascha Stanisics „Herkunft“, die Sascha Hawemann im Oktober am Theater Oberhausen besorgen wird. Stanisics autobiografischer Roman über seine Kindheit im bosnischen Jugoslawien und seine allmähliche Integration als Kriegsflüchtling in Deutschland wurde mit dem Deutschen Buchpreis 2019 ausgezeichnet.

www.theater-oberhausen.de

Mülheim Auf ein herausragendes (Rumpf-)Jahr blickt das Theater an der Ruhr Mülheim zurück: Was immer das Haus in der vergangenen Spielzeit auch anfasste, gelang auf ungewöhnliche Art und Weise. Hausherr Roberto Ciulli zieht sich im Alter von 86 Jahren zwar langsam zurück, sorgt aber für einen gleitenden Übergang. Im kommenden Jahr wird das Theater mit „Germania“ die Zusammenarbeit mit der italienischen Gruppe Anagoor fortsetzen, deren Inszenierung von „Sokrates der Überlebende“ in der abgelaufenen Spielzeit vielleicht das beeindruckendste Theaterereignis in ganz Nordrhein-Westfalen war. Zu Beginn der Spielzeit überschreibt Simone Thoma Thomas Köcks Sophokles-Überschreibung „Antigone – Ein Requiem“ ein zweites Mal. Bei Köck geht es nicht mehr um die Rechtmäßigkeit der Beerdigung ihres Bruders Polyneikes durch Antigone, sondern um die ertrunkenen Flüchtlinge, die den gefahrvollen Weg übers Mittelmeer nach Europa nicht überlebt haben. Realpolitiker Kreon wendet sich ab: „Das sind nicht unsere Toten.“ Thoma ergänzt die Geschichte um Motive von den menschenverachtenden Bedingungen der Silberförderung in einem bolivianischen Bergwerk. Sartres Politdrama „Die schmutzigen Hände“ gibt es als „konspirativen Audio-Walk“.

www.theater-an-der-ruhr.de