Theater Duisburg: "Tense In Sense" für blinde Menschen

Duisburg: Theater auch für blinde Menschen

Eine litauische Theatergruppe spielt in Duisburg am Augenschein vorbei.

Wer zusieht und später schildern sollte, worum es in "Tense In Sense" eigentlich geht, müsste sagen: Dieses Stück handelt von Menschen, die Wasserflaschen schütteln. Genau dies tun sie nämlich ausdauernd im Duisburger Lokal Harmonie, in dem die litauische Theatermacherin Karolina Zernyté dieser Tage ihre Probebühne eingerichtet hat. Entwickelt wird dort ein Theaterstück, das morgen im Lehmbruck-Museum aufgeführt wird. Stühle knarren, Türen knallen, Menschen werden mit Notizzetteln beklebt. Auch davon handelt "Tense In Sense". Nur sieht das niemand.

Denn dieses Stück soll alle Sinne ansprechen, außer den Sehsinn. Entwickelt wird es von und für blinde und sehende Menschen, als Teil des Duisburger Kulturfestivals Platzhirsch, das dieses Wochenende über die Bühnen geht. Unter den Konzerten, Lesungen und Kabarett ist Zernytés Theater der Sinne die außergewöhnlichste Produktion.

Das Publikum wird dieses Stück in absoluter Dunkelheit erleben, im Lehmbruck-Museum werden die Gäste mit Augenmasken ausgestattet, denen ähnlich, die Menschen auf Langstreckenflügen tragen. Aus Zuschauern sollen Erlebende werden, die zuhören, fühlen oder zupacken. Sie wollte dem Publikum keinen Schauspieler in den Guckkasten stellen, der ihnen etwas vormacht, erklärt Karolina Zernyté die Idee hinter ihrem experimentellen Theater. In "Tense In Sense" müssten sich die Darsteller des Publikums tatsächlich annehmen, um Reize auszulösen.

Vorab hatte die litauische Theaterkompanie die Duisburger aufgerufen, das Stück mitzuentwickeln. Sechs Menschen werden morgen mit der Kompanie spielen. In den Proben sind sie den Theatermachern zudem ein Testpublikum. Sie ziehen dann die Augenmasken über, lassen sich in Decken einhüllen und hören ungekochte Spaghetti vor ihren Ohren brechen. Sie wissen nie, was kommt. Die Reize potenzieren sich in diesen Momenten. Beim Geräusch der Wasserflasche denkt die eine ans Meer und der andere an seine Kindheit, erzählen sie. "Es ist eine ganz neue Theatererfahrung", sagt die blinde Teilnehmerin Cassandra Spittmann. Eine solche Geräuschkulisse bekomme sie für gewöhnlich nicht geboten. "Für blinde Menschen müssen wir uns besonders anstrengen, um das Stück interessant zu gestalten", sagt Karolina Zernyté. Man wolle Traumwelten erzeugen. Das Spiel ohne Schau soll Kopfkino werden.

Info Freitag, 14. August, 18 Uhr, Lehmbruck-Museum, Duisburg

(RP)
Mehr von RP ONLINE