1. Kultur

Textilkünstler stellen im KAI 10 in Düsseldorf aus

Aktuelle Textilkunst im KAI 10 : Der Stoff, aus dem die Albträume sind

Acht internationale Künstler haben Stickbilder, Banner, Videos, Gouachen und Fellapplikationen geliefert – zu sehen in der Ausstellung „Active Threads“im KAI 10.

Textilkunst von heute – das mag ein wenig zum Gähnen klingen. Wer den Ort der Ausstellung kennt, ahnt, dass es nicht langweilig sein kann. KAI 10 hat Fanschals, Fellapplikationen, Stickbilder, Gouachen, Flaggen, Videos und Protestbanner zu einer Ausstellung versammelt. Es sind mehrheitlich textile Arbeiten, in denen ein teils hinterlistig-verdecktes oder einfach unaussprechbares Gedankenspiel steckt. Es ist der Stoff, aus dem die Albträume sind.

Texere steckt im Wort Textil. Das lateinische Verb bedeutet nicht nur Stoff herstellen, sondern auch Worte verknüpfen, so dass eine Erzählung draus wird. Von dieser Doppeldeutigkeit lebt die gegenwärtige Textilkunst, da sie auf gesellschaftliche Zusammenhänge hinweist, auf Löcher, Risse, Bruchstellen im System und dann wieder auf Möglichkeiten der Heilung in Form von Transformation.

Am Beispiel des Vorgehens der Künstlerin Hana Miletic wird dies anschaulich. Die Kroatin, die ursprünglich als Dokumentarfotografin unterwegs war, zeigt nun kleine Wandobjekte, die sie gewebt hat. Früher dokumentierte sie Spuren des Verfalls mit der Kamera, jetzt greift sie die Schadstelle auf, formt sie nach und verdichtet sie zu einer bleibenden ästhetischen Form. Riesengroße Formate beherrscht sie auch, rot-weiß-blau ist die augenfällige Plane, an der sie zehn Monate lang gewebt hat. Es ist die Nachbildung einer Abdeckplane, die bei all ihrer Farbpracht einst ein mieses politisches Versteckspiel ermöglichte.

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„Active Threads“ („Agile Fäden“) heißt die Ausstellung, die in gewohnter Qualität von Julia Höner gedankenschwer und dabei anschaulich aufgebaut wurde. Man kann die Räume durchschreiten, ohne allzuviel über die Hintergründe zu erfahren, einfach gelungene Kunstwerke angucken.

Wer sich aber mit den Konzepten befasst, wird globale politische Botschaften aufspüren. Stoffe und Muster speichern von alters her Erinnerungen, Verbindlichkeiten. Traditioneller Dekor kann in radikale Symbolik umkippen. Das Nähen an sich ist in der globalisierten Welt ein Arbeitsvorgang, der wenig geschätzt und ungerecht verhandelt wird. Kinder und Frauen in fernen Ländern sind meist die Leidtragenden, wenn Discounter Kleidung anbieten, die billiger als Rindfleisch ist.

Zwei Menschen haben alleine mehr als 2000 Stunden an einem gestickten Seidenbild der Süd-Koreanerin Kyungah Ham gesessen. Das Werk gibt sein Geheimnis nicht preis, der prächtig schillernde Kronleuchter auf schwarzem Grund könnte auch nur als Reminiszenz an Macht und Größe gemeint sein. Aus der Nähe erfasst das Auge die allerfeinste Stickarbeit. Erst in der Werkangabe erfolgen die Hinweise auf den politischen Sprengstoff: „Mittelsmann, Angst, Zensur, Ideologie.“ Die Kommunikationswege zwischen Nord- und Südkorea sind weitgehend abgeschnitten, und Künstler versuchen Botschaften zu verhüllen, die von Süd nach Nord geschmuggelt werden können, ohne dass es auffällt. So geht mutmaßlich dieses zusammenrollbare Kronleuchterbild über die Grenze und wieder zurück. Textur statt Text. Vielfunkelnd verborgen.

Jeder der acht Beiträge eröffnet ein Feld –bedeutungsvoll liefert die Künstlerschaft mit Juan Perez Agirregoikoa, Kader Attia, Cian Dayrit, Edith Dekyndt, Kyungah Ham, Magdalena Kita, Ellen Lesperance und Hana Miletic Einblicke in internationale Lebenszusammenhänge.

Am 26. Juni ist im KAI 10, Kaistraße 10, langer Samstag von 12 bis 20 Uhr. Um 14 Uhr wird ein Kuratorinnen-Rundgang angeboten. Die Ausstellung läuft bis 5. September.