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Terezia Mora bekommt den Georg-Büchner-Preis 2018

Georg-Büchner-Preis 2018 : Die Richtige

Die 47-jährige Terezia Mora wird mit Deutschlands höchster literarischer Auszeichnung geehrt: dem Büchner-Preis.

Das sagt sich dann ja immer so leicht, wenn der Preis vergeben ist. Dass die Autorin den Nerv der Zeit getroffen habe und ihre Wahl darum die richtige zur richtigen Zeit sei. Bei Terezia Mora und dem ihr zuerkannten Georg-Büchner-Preis mag das nun wirklich stimmen. Doch bleibt auch zu bedenken, dass ihr bisheriges Hauptwerk, „Das Ungeheuer“, schon vor fünf Jahren erschienen ist und die 47-Jährige selbst zu den meistgekürten Schriftstellern hierzulande zählt: Ihre fünf Prosawerke sind mit 20 Preisen dekoriert worden, darunter der Bremer Literaturpreis, der Ingeborg-Bachmann-Preis sowie 2013 der Deutsche Buchpreis.

Komischerweise ist ihre Wahl dennoch eine Überraschung. Kaum jemand hatte sie auf der Rechnung, vielleicht auch deshalb, weil Mora eben nicht zu den lautesten Trommlerinnen ihrer Zunft gehört und sie außerdem auf vielen literarischen Feldern ihr Wesen treibt: als Essayistin und Drehbuchautorin, vor allem aber als Übersetzerin. „Vor allem“ deshalb, weil sich im Übersetzen bei ihr Leben und Schreiben und Denken überschneiden.

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Die im ungarischen Sopron geborene Autorin ist zweisprachig aufgewachsen, wechselte also permanent vom Ungarischen ins Deutsche und führte so gesehen von Geburt an ein Doppelleben. Das Übersetzen hat sie darum eine Grundlage ihres Lebens genannt; und: Es sei eine Art Friedensarbeit. Denn es bedeute, „das Fremde ähnlich zu machen“. Erst dann würde echte Kommunikation möglich. Wie wahr zu jeder Zeit und wie geboten gerade in diesen Tagen!

Wem die Überwindung von Sprachbarrieren so sehr zur Existenz gehört, der wird davon auch in seinen Büchern nicht davon lassen können. Und so gibt es kaum ein Prosawerk, in dem nicht ein Übersetzer eine größere oder kleinere Rolle spielt. Immer geht es bei der Sprache auch um Identität und um die Frage nach der sogenannten Muttersprache. Die Antwort ist bei Terezia Mora vielleicht ein wenig klarer geworden, nachdem sie als 19-Jährige das sprachgemischte Grenzland verließ, nach Berlin ging und dort Theaterwissenschaften und Hungarologie zu studieren begann. Doch verschwunden ist ihre Grenzerfahrung nie.

„Das Ungeheuer“ dokumentiert das sogar auf den ersten Blick. Denn jede der fast 700 Seiten ist typographisch zweigeteilt: Oben wird die Geschichte des einsamen IT-Experten Darius Kopp erzählt, unter dem Strich wird das Tagebuch seiner geliebten Frau – die Selbstmord begann – abgedruckt. Allerdings in deutscher Übersetzung; Flora hatte die Eintragungen auf Ungarisch geschrieben. Ihre Muttersprache wurde so zum Geheimhaltungscode. Für Darius ist das mindestens ein Vertrauensbruch, ein Fremdgehen in der Sprache. Was ihm dann nach der Übersetzung im Tagebuch entgegen tritt, ist eine Flora, deren Lebensverzweiflung größer und größer wurde, bis ihr das Leben seltsam und die Welt fremd wurden; und bis ihre Einsamkeit nicht mehr zu retten war.

Ungeheuerlich ist dieses Buch, in dem der überlebende Liebende mit der Asche seiner Frau nach Ungarn aufbricht und ihre Geschichte dort zu erkunden sucht. Aber wie zum Teufel soll man dieses Buch eigentlich lesen? Erst alles oben, dann alles unten? Oder auf jeder Seite oben und gleich danach unten? Die ungewöhnliche und nicht ganz risikolose „Splitscreen-Technik“ führt vor Augen, was es heißt, wenn Lebensgeschichten miteinander verwoben sind und das eine Leben neben dem anderen gelebt wird.

Eine Gebrauchsanweisung gibt es nicht, weder für die Romanlektüre noch für das Leben. Und vielleicht muss man sich auch gar nicht entscheiden, sondern sich nur auf Moras Geschichte einlassen – auf unterschiedliche Wahrheiten des Lebens, unterschiedliche Versionen von Wirklichkeit. Einfach macht es Terezia Mora dem Leser zwar nicht, das aber ist noch nie das vorrangigste Ziel von Literatur gewesen.

Ungeheuerlich ist dieses nicht zu vergleichende Sprachkunstwerk auch in der Beziehung von Figur und Autorin. So teilt die gestorbene Romanheldin nicht nur ihre ungarische Herkunft mit der Autorin, sondern auch ihren Beruf und sogar das Geburtsjahr. Und wer genau hinschaut, findet auch in den Initialen eine Übereinstimmung. Flora Meier hieß eigentlich Teodora.

Der Selbstmord ist nicht das Ende der Geschichte, er ist der Anfang von etwas Neuem. Ausgerechnet Darius, der sich eine Existenz ausschließlich in den eigenen vier Wände ganz gut vorstellen kann, setzt sich nach Floras Tod in Bewegung. Mit der Pappurne macht er sich auf den Weg, begibt sich auf die Suche, setzt sich der Welt aus. Für viele ist das ein Abenteuer; für einen wie Darius ist es eine Lebensrevolution, der bis dahin immer nur Pizza bestellte, „immer von demselben Lieferanten und immer stur die Speisekarte herunter“.

„Das Ungeheuer“ ist bislang das zentrale Werk von Terezia Mora, das in eine Trilogie eingebettet ist. Dem Buch war 2009 „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ vorausgegangen. Zuletzt erschien ein Band mit Erzählungen, dessen Titel bereits das Fremdsein zum Leitmotiv erhebt: „Die Liebe unter Aliens“. Es ist in diesem Band viel von kleinen und großen Utopien, kleinen und größeren Enttäuschungen die Rede. Miniaturen bloß, die aber allesamt das Leben und seine Entwürfe umkreisen. Vielleicht ist Terezia Mora darum zu jeder Zeit die richtige Preisträgerin – und besonders in Georg Büchners großem Namen.