Tegernsee — das stille Idyll des Uli Hoeneß

Tegernsee — das stille Idyll des Uli Hoeneß

Die Affäre um Uli Hoeneß hat den Blick auch auf seinen Wohnort am Tegernsee gelenkt. Dort ist alles herzallerliebst. Michail Gorbatschow hat das Terrain einst mit Helmut Kohl erkundet und später dort ein Anwesen erworben.

Vom Münchner Hauptbahnhof fährt ein netter Bummelzug zum Tegernsee. Die Bayerische Oberlandbahn, kurz "Bob", betreibt ihn. Uli Hoeneß, der einstweilen schwer entzauberte Fußball-Moralist der Nation, hat ihn vermutlich noch nie benutzt. Dabei könnte er in einer Stunde von der bayerischen Landeshauptstadt bis zu seinem Wohnort am See gelangen — beinahe bis zu seinem Wohnort jedenfalls. Zuvor müsste er aus seinem Büro beim FC Bayern München, das er als Vorsitzender des Aufsichtsrats bewohnen darf, lediglich zum Bahnhof gelangen. Wie er dahin kommt, das wiederum könnte ihm Edmund Stoiber, Mitglied des Aufsichtsrats und bekannter Wegbeschreiber, sicher erklären.

Von München aus dieselt die Bahn an schmucklosen Industriegebieten und den Siemenswerken vorbei, die Landschaft ist eben wie Ostfriesland, ein Busch auf einer Wiese ist schon ein Ereignis. So bleibt das ungefähr bis Holzkirchen. Plötzlich ist die Welt nicht mehr Stadt, die Häuser gehen in die Breite statt in die Höhe, sie haben Balkone. Und vor allem: Sie sind zum großen Teil aus Holz. Hoeneß würde das gefallen. Auch sein Arbeitszimmer in der Fußballfirma Bayern München hat nichts von den nüchternen Glas- und Metallcontainern der modernen Geldmaschinen. In Rattanmöbeln und bayerisch-gemütlich gemusterten Sitzpolstern fühlt er sich wohl.

Ab Holzkirchen würde er die Beine in der Bayerischen Oberlandbahn ausstrecken, wozu die Passagiersituation vor allem um die Mittagszeit einlädt, und sein Auge würde mit Wohlgefallen durchs Fenster auf die Reise gehen. Denn nun wird es auch waldig, die Bahn tutet fein, wenn sie sich sanft durch die Kurven schaukelt. Auf den Bergen liegt noch Schnee, der See blinkt schon aus der Ferne durch die Nadelhölzer, Blumenkästen stehen auf den Balkonen und Veranden. Gut gestapelt liegt Brennholz vor den Häusern. Und natürlich haben die Kirchen Zwiebeltürme und die Gasthöfe Lüftlmalerei am Giebel. Es ist nun eine Reise durch einen Dschungel von Ansichtskarten. Hierher kommt der Fremde, wenn er die deutsche Seele sucht — ein bisschen Schweinsbraten mit Sauerkraut als architektonischer Gesamtentwurf.

Am Tegernsee ist endgültig alles herzallerliebst. Uli Hoeneß müsste in Gmund am Ufer umsteigen in den Bus nach Bad Wiessee. Dort steht sein Haus, natürlich aus Holz, mit großen Balkonen, deren Blumenkästen im Sommer gut gefüllt sind, mit einem Swimmingpool, der neugierigen Blicken verborgen bleibt, und einem Allerwelts-Jägerzaun davor.

Der Bus fährt nicht bis hier oben. Hoeneß müsste den Weg in den Hang emporwandern, vielleicht käme auch seine Frau Susi mit Hund Kuno, um ihn abzuholen von der Bushaltestelle. Zusammen würden sie zum Haus gehen, das Bild einer zufriedenen bayerischen Familie. Und es war bestimmt auch oft bis zur vergangenen Woche so.

Bis die Steueraffäre um Hoeneß das Land Bayern, den Fußballklub mit dem gleichen Namen und den Rest der Republik in Aufruhr versetzt hat. Da stiegen wildgewordene Medienleute auf den Berg über dem See, sie kletterten sogar über den Jägerzaun, was zwar nicht schwierig, aber verboten ist. Der Präsident rief die Polizei zu Hilfe, die zu aufdringliche Zaungäste verscheuchte.

Jetzt, in den Tagen der großen Champions-League-Spiele gegen den FC Barcelona, ist alles ruhig. Keine Spur von Paparazzi, kein Teleobjektiv sucht den Berg ab, die Fotografen haben Zeit. Sie werden den berühmtesten Steuersünder Deutschlands im Stadion schon ins Visier bekommen.

An der Endstation Tegernsee wünscht "die Bayerische Oberlandbahn noch einen schönen Tag", und dann ist man allein. Allein mit dem See, der still ruht wie im Volkslied, allein mit dem Blick auf die Berge, einem Kiosk hinter (natürlich) hölzerner Fassade, dem Ludwig-Thoma-Saal und einem Plakat, das für einen Abend im Feuchtner Hof von Gmund wirbt. "D'Liab, d'Hoamat und d'Leid" ist das Thema, es wird "Gedichte und G'schichten von damals und heid" geben. Die vom Uli, dem guten Menschen vom Tegernsee, der so tief fiel, ist bestimmt noch nicht dabei. Vielleicht später mal.

Die Gegenwart ist ein bayerisches Bilderbuch, dem ein wenig die Menschen fehlen, in für Städter geradezu empfindlicher Ruhe. Möglicherweise liegt es daran, dass die Schulkinder gerade noch auf dem Heimweg sind und die prominenten Anwohner keine Lust auf Öffentlichkeit haben. Prominenz soll es ja geben. Nicht nur der Hoeneß findet es hier schön. Auch auf reiche Zeitgenossen aus Russland und der Ukraine übt die Gegend am Tegernsee rund um die berühmte Klinik St. Hubertus eine magische Anziehungskraft aus. Mittlerweile sollen ein Dutzend schwerreiche Menschen aus Osteuropa hier Eigentum besitzen — die Illustrierte "Bunte" hat das vor ein paar Wochen bei einem Besuch in Erfahrung gebracht. Unter Umständen wohnen auch viele von ihnen das ganze Jahr hier. Aber das weiß man nicht, und es ist auch niemand zu sehen.

Begonnen hat die kleine Einwanderungswelle vor knapp 15 Jahren. Damals erholten sich Ex-Kanzler Helmut Kohl und sein inzwischen alter Freund Michail Gorbatschow in der Klinik von Bad Wiessee. "Gorbi" fand die Gegend ganz toll, und Kohl gehörte seit Jahren zu den begeisterten Besuchern des Tegernsees. Also kaufte Gorbatschow ein Haus, inzwischen residiert der ehemalige russische Präsident in einem Schloss. Der "Bunten" erzählt die frühere Besitzerin Tamara Comolli, Inhaberin der "Fine Jewelry Collection" am See: "Man musste es kernsanieren, das war nämlich ein uraltes Ding."

Ein Freund des heutigen russischen Präsidenten Wladimir Putin hat für insgesamt 20 Millionen Euro, inklusive Umbau, eine riesige Villa am Seeufer erworben. Für Alischer Usmanow spielt Geld keine Rolle. Der Generaldirektor einer Gazprom-Tochter gilt mit einem geschätzten Vermögen von 17,7 Milliarden Dollar ("Forbes"-Liste) als reichster Russe.

Hoeneß ist ihm schon begegnet, bei einer Tasse Kaffee in der gemeinsamen Wahlheimat und beim Champions-League-Achtelfinale. Usmanow gehört gut ein Viertel der Anteile von Arsenal London. Im Halbfinale des wichtigsten kontinentalen Fußball-Wettbewerbs aber stehen die Bayern. Der Oligarch wird's verkraften. Die Menschen am Tegernsee schildern ihn als netten Kerl, der auf großspurige Gesten verzichtet.

Das scheint er mit jenen Landsleuten gemein zu haben, die sich in Oberbayern mit Blick auf die Berge ansiedeln. Sie fallen nicht gern auf, die Damen stöckeln nicht wie in Kitzbühel in Tanzschühchen durch den Schnee. Und die Männer finden die örtliche, bodenständige Gastronomie ganz prima. Von langwierigen Verhandlungen um Häuserpreise sollen sie wenig halten. Ein Makler hat der "Bunten" gesteckt, dass die Russen Quadratmeterpreise von 1000 Euro zahlen, ohne mit der Wimper zu zucken.

Die Postkarten-Idylle lassen sie — zumindest nach außen — unberührt. Allenfalls die dicken schmiedeeisernen Gitter vor Fenstern und Türen könnten den Eindruck vermitteln, dass sich jemand in Sicherheit bringt. Vielleicht, so könnte man denken, steht gerade ein Superreicher hinter der Gardine und schaut einem beim unauffälligen Herumschauen zu. Aber es lässt sich niemand blicken. Der Herr Usmanow nicht und auch nicht der Herr Hoeneß — und der Hund vom Herrn Hoeneß schon gar nicht.

Irgendwann schreit das stille Idyll dann doch zu laut. Sogar der Handy-Empfang ist miserabel. Zurück geht also die Fahrt mit der "Bob", am Holz vorbei und durch den Wald, zu den Siemenswerken bis zum Münchner Hauptbahnhof. Die Bayerische Oberlandbahn wünscht noch einen schönen Tag. Vor dem Bahnhof sitzt eine Bettlerin. Das stille Idyll der Reichen ist ganz weit weg.

(RP)