Geschichten aus Taizé (5) Wo Waisenkind Ivan nach dem Krieg Heimat fand

Während des Zweiten Weltkriegs strandet der Junge Ivan mit vier Brüdern in einem Heim nahe Taizé. In dem Dorf hat der Theologe Roger Schutz gerade eine christliche Gemeinschaft gegründet. Die Brüder helfen Menschen in Not – Waisenkindern zum Beispiel.

Waisenkind Ivan fand nach dem Krieg eine Heimat in Taizé
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Während des Zweiten Weltkriegs strandet der Junge Ivan mit vier Brüdern in einem Heim nahe Taizé. In dem Dorf hat der Theologe Roger Schutz gerade eine christliche Gemeinschaft gegründet. Die Brüder helfen Menschen in Not — Waisenkindern zum Beispiel.

Ivan Tzikunib wollte den gedrungenen Turm noch einmal sehen. In ihm hat seine Jugend eine glückliche Wende genommen, obwohl es danach nicht ausgesehen hatte. Darum ist der alte Mann mit einer Reisegruppe von der Ardèche in Südfrankreich in das unscheinbare Dorf Taizé in Burgund gekommen. Obwohl er doch schon 81 ist und das alles lange her.

Nun öffnet er beherzt das Tor an dem alten Gutshaus, geht voran in den struppigen Garten. Von dort hat man den besten Blick zum Turm in der Mauer des Anwesens. "Da oben war mein Zimmer", sagt Tzikunib und erzählt, wie er als Jugendlicher einmal krank war, Frère Roger gerade einen Geiger zu Gast hatte, der Musiker zu ihm hinaufstieg und ihm etwas vorspielte. "Die Brüder hatten immer so interessante Besucher", sagt der alte Mann, "und Frère Roger wollte, dass wir etwas von ihnen lernen. Er war ein guter Mensch — der beste; er hat mich geliebt, wie es mein Vater getan hätte."

Ivan Tzikunib ist eines von 20 Waisenkindern, die Roger Schutz, der Gründer der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé, 1945 in seine Obhut nahm. Ivan war Monate zuvor mit vier jüngeren Brüdern in einem Rotkreuz-Lager für Kriegswaisen gestrandet. Die Mutter hatte die Familie schon während des Krieges verlassen, der Vater, ein Russe, war im letzten Kriegsjahr auf der Flucht gestorben. "Ich war verantwortlich für meine Brüder, aber selbst erst 13", sagt Tzikunib und schüttelt sacht den Kopf, "schrecklich, eine schreckliche Zeit." Doch eines Tages holte der Leiter des Waisenheims Ivan zu sich und sagte: "Ihr kommt jetzt in ein Haus, in dem ihr immer glücklich sein werdet." Tränen rinnen über die Wangen des alten Mannes, als er das erzählt. Er wischt sie nicht fort. "Das Haus, das war Taizé", sagt er.

Als kleine Gemeinschaft entschiedener Christen hat der größte ökumenische Jugendtreff Europas begonnen. Der Gründer, Roger Schutz, ein junger evangelischer Theologe aus der Schweiz, wollte ein schlichtes Leben unter den Menschen führen, Freude, Einfachheit und Barmherzigkeit üben, so wie Jesus es in der Bergpredigt fordert. Schon während des Krieges geht er nach Frankreich, arbeitet im Untergrund, hilft Juden und Oppositionellen bei der Flucht. Doch jemand verrät Frère Roger, der rettet sich zurück in die Schweiz. 1944 wagt er sich erneut nach Frankreich. Mit drei Gefährten geht er in das Dorf Taizé, lässt sich in einem verlassenen Gehöft gleich neben der Kirche nieder. "Es lag uns daran, mit einer zu individualistischen Tradition zu brechen, um durch Zusammenarbeit, ja sogar Zusammenleben einen Reichtum voll zu nutzen, der anders nicht zu heben ist", schreibt er damals.

Die Brüder beten in der Dorfkirche, betreiben Landwirtschaft, gründen nach dem Krieg mit ihren Nachbarn eine Kooperative, nehmen die Kriegswaisen bei sich auf. Roger Schutz hat eine alleinstehende Schwester, Geneviève. Die kümmert sich um die Kinder, zieht mit ihnen gegenüber der Bruderschaft in das Haus mit dem Turm. Jeden Abend schaut Frère Roger zum Gutenachtsagen vorbei, unterhält sich mit den Jungen, gibt ihnen das Gefühl, in einer neuen Familie angekommen — und geliebt zu sein.

Wenn Ivan Tzikunib von dieser Zeit erzählt, werden seine Gesten lebendig. Er zeigt auf den großen Platz hinter dem Glockenturm, wo heute die jugendlichen Pilger vor der Essensausgabe in der Schlange stehen. Früher haben die Brüder dort Äcker bestellt, Wein angebaut, Kühe gezüchtet. Als Ivan nach Taizé kam, durfte er die Schule besuchen, er hat in der kleinen Bibliothek der Bruderschaft die Bücher verwaltet, hat sich Zeit stibitzt, um selbst zu lesen. "Das waren gute Jahre", sagt er, "Frère Roger war unsere Bildung wichtig, auch die musische, seine Schwester spielte wunderbar Klavier."

Wenn Tzikunib von den Menschen erzählt, die seinem Leben plötzlich Halt gegeben haben, ihm die Verantwortung für seine Brüder abnahmen, ihm noch ein paar Jahre Jugend schenkten, dann lassen seine wässrig blauen Augen die Wirklichkeit manchmal los. Dann sieht man, wie in ihm die Erinnerungen aufsteigen, das Heute überlagern. Doch schnell kehrt er wieder zurück in die Gegenwart, schaut auf eine Gruppe von Jugendlichen, die sich unter dem hölzernen Glockenturm von Taizé sammlen, auf den Bänken herumturnen, kreischen. "Es ist so gut, dass die Jugendlichen weiter kommen", sagt Ivan Tzikunib, "hier Gemeinschaft zu erleben, ist ein Schatz fürs Leben."

Im Winter, wenn es ungemütlich wird in den Baracken und Zelten, ist die Gemeinschaft von Taizé überschaubar. Dann kommen nur einige Hundert Jugendliche zu den Brüdern auf den Hügel. An Festtagen wie Ostern oder in den Ferien sind es auch schon mal 5000. Dreimal am Tag beten sie gemeinsam in der Betonkirche auf dem Gelände, die Freiwillige in den 60er Jahren gebaut haben. Sie treffen sich zu Bibelstunden, kochen, spülen, putzen gemeinsam, erleben, wie die Besinnung auf Jesus aus Fremden eine Gemeinschaft formt. Und wie Glaube einen Alltag durchdringen kann.

Aus der Ferne könnte man Taizé für ein gewaltiges Pfadfinderlager halten oder ein Festivalcamp, Woodstock für Christen — "Godstock", sagen Spötter.

Sie haben nicht erlebt, wie Tausende Jugendliche bei Nieselregen an der Essensausgabe stehen. Niemand drängelt. Und als die Helfer den lattendünnen Jungs vorne rechts wieder nicht genug Eintopf in ihre Plastikschalen schaufeln, weil es für viele reichen muss, geben zwei Kumpel aus der Nachbarschlange ihr Stück Brot herüber. "Ey Man, kein Problem." Wer Taizé begreifen will, muss auch erlebt haben, wie 70 Teenager am Vormittag in der Kirche auf dem Boden sitzen und anhören, was Bruder Ulrich über die Dreifaltigkeit zu sagen hat. Er findet einfache Worte, spricht ganz ohne Eitelkeit. Gott sei eben vielgestaltig. Darum müssten auch die Menschen, seine Ebenbilder, nicht alle dasselbe Topmodel-Maß besitzen, sagt Bruder Ulrich. Die Jugendlichen verstehen diese Sprache, sie hören dem Bruder zu.

Gemeinschaft lässt sich in Taizé auch in der Spülküche besichtigen. Da stehen nach dem Essen acht Jugendliche an den Metallbecken, Berge an Plastikschalen vor sich. Sie singen beim Abwasch aus Leibeskräften. Und immer, wenn eine Wanne geschafft ist, zählen sie in ihren Muttersprachen und applaudieren und lachen sich schlapp.

In Taizé fehlt die schlummernde Aggression, die Menschen bei Fußballspielen, Konzerten, auf gefüllten Bahnsteigen verströmen, diese heimliche Lust, etwas Böses geschehen zu lassen. Taizé ist ein heiterer Ort, durchdrungen von einem Geist des Wohlwollens, der Wachheit, der Aufmerksamkeit füreinander. Menschen begegnen Menschen und urteilen nicht, weil sie plötzlich ahnen, dass das mit Barmherzigkeit gemeint sein könnte.

Es gibt Momente in Taizé, da verdichtet sich dieses Zutrauen: Das Abendgebet ist zu Ende, viele Jugendliche bleiben in der Kirche, singen weiter die Lieder vom Wachen und Beten und Dasein vor Gott. Die Brüder ziehen sich zurück aus dem Mittelgang, in dem sie die Gebetszeiten verbringen. Ein paar aber schwärmen in die Kirche aus, stehen in ihren weißen Kutten aufrecht in dem weiten Kirchenraum, bereit zum Zuhören. Wenn dann Jugendliche zu ihnen treten, ganz dicht, und leise von dem sprechen, was sie beseelt oder bedrängt, und die Brüder so selbstverständlich dastehen, so nahbar und zugewandt, dann ist Vertrauen sichtbar. Dann versteht man plötzlich, was dieser Gemeinschaft Nahrung gibt.

In Taizé erfahren Menschen, dass sie wertvoll sind — egal, was sie leisten, egal aus welcher sozialen Schicht sie stammen. Das haben schon Ivan Tzikunib und die anderen Waisenkinder in Taizé erfahren. Es gibt noch Fotos aus der Zeit, da stehen ein paar der Jungen vor ihrem neuen Zuhause. Sie tragen Strickpullis, kurze Hosen, die dicken Strümpfe an ihren Beinen sind heruntergerutscht, einer hält ein Fahrrad. Sie schauen mit Lümmelgesichtern in die Kamera, Kinder des Krieges, die wieder lernen, unbeschwert zu sein.

Als Ivan Tzikunib 19 Jahre alt wurde, schickten die Brüder ihn auf eine Wirtschaftsschule in den Süden. Dort lernte er seine Frau kennen, das Paar heiratete, bekam fünf Kinder. "Die waren auch schon hier in Taizé", sagt Ivan Tzikunib, "sie sollten die Gemeinschaft kennen lernen, die mich gerettet hat, und es hat ihnen hier gefallen." Auf der Straße rufen Leute seinen Namen. Die Gruppe setzt die Reise fort. Ivan Tzikunib geht zurück durch den verwilderten Garten, mit federnden Schritten, gar nicht wie ein alter Mann. Er tritt durch das Tor neben dem Turm. Dann zieht er die Tür ins Schloss.

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