Geschichten aus Taizé (1): Taizé - Pilgerort der Jugend

Geschichten aus Taizé (1): Taizé - Pilgerort der Jugend

100.000 junge Christen pilgern jedes Jahr in das Dorf in Frankreich zur ökumenischen Bruderschaft von Taizé. Sie beten mit den Brüdern, treffen sich zu Bibelkreisen, übernehmen die Arbeiten im Jugendcamp und genießen es, Teil einer starken Gemeinschaft zu sein. So wurde Taizé zum größten christlichen Jugendtreff Europas.

Ein wundersamer Ort ist Taizé, dieses graue Bauerndorf in der französischen Provinz, das so gar nichts bietet, um für Teenager attraktiv zu sein — keine Sporthalle, kein Café, keine Disco, nicht mal einen Laden. Und doch pilgern jedes Jahr 100.000 Jugendliche zu diesem Hügel in Burgund mit der riesigen Betonkirche, den abgenutzten Übernachtungsbaracken, den Bänken unter freiem Himmel, die immer im Dreieck stehen. Nie sitzt einer am Rand.

Taizé ist ein Ort der Gemeinschaft, der aufrichtigen Begegnung, das macht ihn für Jugendliche so anziehend. Sie stecken gerade in dieser Phase, da sie die Kindheit mit ihren sicheren Bindungen, der warmen Vertrautheit abstreifen, sich behaupten müssen gegen Eltern, Lehrer — gegen einander. Man kann sich einsam fühlen in dieser Zeit, ungeliebt, auch ein bisschen hilflos. Und zugleich ist da diese Energie, diese Ungeduld, dieses Brennen darauf, jetzt endlich die ersten Schritte zu tun, die den Lebensweg ergeben.

Eine leidenschaftliche Bewegung

Dann stellt sich die Frage nach dem Sinn des Seins. Und Teenager stellen sie unerbittlich, haben noch nicht die Milde, die das Scheitern mit sich bringt. In dieser ungestümen, ungesicherten Lebensphase tut es gut, Teil einer starken Gruppe zu werden, in der sich über Existenzielles reden lässt. In Taizé ist das nicht peinlich. Und abends holt einer die Gitarre heraus, spielt die Toten Hosen und alle grölen mit. Das ist dann pure Gegenwart, fröhlich lärmende Selbstvergewisserung, es befreit.

In Taizé rollen Jugendliche ihren Schlafsack aus neben Gleichaltrigen aus Irland, Spanien, Südamerika und erleben plötzlich, dass es nicht seltsam ist, nach Gott zu fragen. In ihren Heimatgemeinden sind sie oft die wenigen Konfirmanden, die paar Firmlinge, die sich in eine Bank drängen und ab und zu den Jugendgottesdienst gestalten. In Taizé sind sie viele. Sie treffen auf junge Christen aus aller Welt, sie spüren, wie Kirche sein sollte: universell, verbindend, eine leidenschaftliche Bewegung, die ihre Hoffnung auf Jesus setzt, den radikalen Menschenfreund und Vertreter der Schwachen.

Ein Kraftzentrum

In Taizé ist Glaube Praxis: Die Jugendlichen kochen, putzen, diskutieren miteinander und drei Mal am Tag versammeln sie sich im gewaltigen Rumpf der Versöhnungskirche, sitzen auf dem Boden wie sie mögen, ziehen die Schuhe aus, werden heimisch in einem Gotteshaus. Und dann bleiben sie nach dem Abendgebet, feiern in der Kirche weiter ihr Beisammensein, singen bis tief in die Nacht die Lieder von Taizé, die den Geist weiten und zugleich zum Selbst führen, an die inneren Quellen des Friedens und der Stille. Es herrscht kein Zwang in Taizé, Jugendlichen wird dort nichts verordnet. In der Freiheit aber lassen sie aufblühen, was an Begeisterung, Freude, Hoffnung in ihnen ist.

Darum ist Taizé ein spirituelles Kraftzentrum. Darum fahren auch Erwachsene in diesen Pilgerort der Jugend, nicht nur als Begleiter von Gruppen. Viele berührt dieses Gefühl der Geborgenheit, wenn sie in der dunklen Versöhnungskirche sitzen, auf das warme Licht der Kerzen im Altarraum blicken, das Evangelium hören und darin Worte stark werden, die von Vertrauen handeln, vom Mutschöpfen, vom Geliebtsein ohne Bedingungen. In Taizé entdecken sie die Frohe Botschaft.

Drei Leitbegriffe

Und dann ist es egal, dass das Leben auf dem Hügel unbequem ist, dass das Essen einfach, die Schlafräume stickig, die Duschen überfüllt sind. Auch die Kargheit schenkt Freiheit. Sie entlastet von all den Sorgen um Aussehen, Ausstattung, sozialen Status. Kein Fernsehen, kein Facebook, keine Gedanken an Haushalt, Verpflegung, Ausgehprogramm — in Taizé konzentriert sich alles auf die Begegnung zwischen Menschen. Und plötzlich ermöglicht das die Begegnung mit Gott.

Aber Taizé ist nicht nur ein Ort des puristischen christlichen Miteinanders. Dieser Jugendtreff hat über die Jahrzehnte hinweg nicht an Anziehungskraft verloren, weil er getragen wird von den Brüdern einer Ordensgemeinschaft. Sie haben sich auf Dauer für ein Leben in Einfachheit, Freude und Barmherzigkeit entschieden. Das sind die drei Leitbegriffe aus der Bergpredigt, an denen Frère Roger, der Gründer von Taizé, sein Leben und das der Bruderschaft ausgerichtet hat. Noch während des Zweiten Weltkriegs ging der junge evangelische Theologe mit einigen Gefährten aus der Schweiz nach Frankreich, um im gewöhnlichen Alltag, im einfachen Leben auf dem Land, Christus zu folgen. Die ersten Brüder von Taizé betrieben Landwirtschaft, sie kümmerten sich um Flüchtlinge, um Kriegsgefangene, nahmen Waisenkinder auf. Einer barbarischen Zeit setzten sie so Zeichen der Versöhnung entgegen.

Eine lebendige Idee

Ihre Unerschütterlichkeit, ihr Mut und ihre Geradlinigkeit haben früh Christen aus ganz Europa angelockt. Sie wollten zumindest eine Zeit lang mitwirken an der neuen ökumenischen Gemeinschaft in Taizé, denn diese Kommunität lebte eine Utopie: die Hoffnung, dass Jesu Vorbild auch in der Gegenwart den Weg zu einem wahren Miteinander, zu einem reicheren Leben für alle, weisen könnte. Als immer mehr Menschen nach Taizé kamen, baute die Bruderschaft unter anderem mit Hilfe deutscher Freiwilliger von der "Aktion Sühnezeichen" die Versöhnungskirche. Seither ist Taizé das wichtigste Pilgerziel für jugendliche Christen in Europa.

Auch als Frère Roger 2005 von einer geistig verwirrten Frau in seiner Kirche erstochen wurde, gab es keinen Bruch. Gläubige reisen weiter zum "heiligen Hügel", weil dieser Ort nicht das Werk seines charismatischen Gründers ist, sondern jedes einzelnen, der sich nach Burgund aufmacht, einstimmt ins Gebet und in die Lieder, mithilft in der Spülküche und beim Duschenschrubben — und die Idee vom Miteinander unter Christen mit Leben füllt.

Taizé als Teil der Kirche

Natürlich ist Taizé auch Ausnahmezustand, Auszeit für die Pilger, ein Event. Die meisten kommen für eine Woche, lassen sich auf absehbare Zeit auf den Gebetsrhythmus, die vielen Begegnungen, das karge Leben ein, ziehen Kraft aus all der Anstrengung. Doch vielen fällt es schwer, den Geist von Taizé in die Welt daheim zu retten. Zwar treffen sich auch in vielen deutschen Gemeinden Menschen zu Taizégebeten, singen und schweigen miteinander. Doch für viele ist das eher wehmütiges Erinnern, zu sehr sind sie verstrickt in die Aufgaben und Zerstreuungen des Alltags. Dann wird Taizé zum Sehnsuchtsort.

Frère Roger aber wollte Taizé nicht zum Ausnahmeort machen; er sollte Teil der Kirche sein. Stets hat er sich dagegen gewehrt, aus seinen Bemühungen um die Ökumene eine eigenständige Bewegung werden zu lassen. Taizé sollte in die Kirche hineinwirken, den Gemeinden vor Ort als Quelle der spirituellen Erneuerung und der ökumenischen Versöhnung dienen. Darum hat Frère Roger auch den Kontakt zu Rom gesucht und wurde in den 60er Jahren zu einer wichtigen Figur des Zweiten Vatikanischen Konzils. Darum schwärmen seine Brüder bis heute hinaus in die ganze Welt, unterstützen Taizégruppen vor Ort, organisieren stets zum Jahreswechsel in einer anderen Großstadt "Europäische Jugendtreffen".

In Straßburg werden in wenigen Wochen wieder mehrere Zehntausend Pilger zum nächsten Jugendtreffen erwartet. Sie wohnen in Gastfamilien, nehmen am Leben in den Gemeinden teil und versammeln sich in der Sylvesternacht zum großen Taizégebet. Dann wird in Straßburg der Geist der Gemeinschaft, die Kraft des Gebets, das Feuer der Frohen Botschaft spürbar. Dann entsteht Taizé an einem neuen Ort.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Taizé - Pilgerort voller Leben

(RP)
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