Geschichten aus Taizé (6) Leben in radikaler Einfachheit

Der Alltag im französischen Pilgerort Taizé ist karg: Die Besucher übernachten in Holzbaracken, bekommen simple Mahlzeiten, verzichten auf Bequemlichkeit – und empfinden das als Befreiung. Auch die Liturgie ist schlicht und ermöglicht so Ökumene.

Das Leben in Taizé ist radikal einfach
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Der Alltag im französischen Pilgerort Taizé ist karg: Die Besucher übernachten in Holzbaracken, bekommen simple Mahlzeiten, verzichten auf Bequemlichkeit — und empfinden das als Befreiung. Auch die Liturgie ist schlicht und ermöglicht so Ökumene.

Auf diese Minuten haben sich viele die ganze Woche gefreut: Die Brüder von Taizé stimmen ein getragenes Lied an: "Behüte mich Gott", singen die Menschen in der Kirche, da bahnt sich das Licht schon seinen Weg. Die ersten Kerzen hat der Prior der Bruderschaft in dem französischen Pilgerort an der Osterkerze entzündet, jetzt geben die Gläubigen die Flamme weiter. Schnell breitet sich Glanz über die Gemeinde. Menschen beugen sich zueinander, halten ihre dünnen Kerzen Docht an Docht, bis die Flamme erstarkt und sich teilen lässt. Jetzt sieht man mehr und mehr Gesichter im Kerzenschein. Manche schauen versonnen in das Züngeln der Flammen, andere legen behutsam die Hand um das Wachs, damit das Leuchten nur ja nicht vor der Zeit endet.

Es ist Samstagabend. In Erinnerung an die Auferstehung Jesu feiern die Pilger in Taizé die "Nacht der Lichter". Wie sonst in der Osternacht geben sie die Flammen weiter, vermehren das Licht, als Zeichen für das Leben, das den Tod besiegt. Ein einfaches Symbol aus dem Urgedächtnis der Menschheit — es berührt die meisten tief.

Taizé ist ein Ort der Einfachheit. Jedes Jahr pilgern Tausende vor allem junger Christen aus der ganzen Welt in das Dorf in Burgund. In der Kirche der ökumenischen Bruderschaft von Taizé beten, singen und feiern sie — über kulturelle und über konfessionelle Grenzen hinweg. So hat sich im Laufe der Jahrzehnte eine verständliche liturgische Sprache entwickelt, die sich auf das Gemeinsame der Konfessionen stützt. Rituale wie das Lichterteilen oder das Gebet am Kreuz gehören dazu. Der französische Philosoph Paul Ricœur hat es so beschrieben: "Die Sprache, die einem in Taizé vorgesetzt wird, ist nicht die der Philosophie, nicht einmal die der Theologie, sondern die der Liturgie." Taizé ist ein Ort der Zeichen, nicht der Dispute.

Es ist kurz nach acht. Im offenen Holzturm am Eingang des Pilgergeländes schwingen die Glocken. Die Menschen strömen aus den Unterkünften zum Morgengebet. Sie werden dort Brot und Wein empfangen — nach katholischem Verständnis gewandelt zu Leib und Blut Christi. Gleichzeitig gibt es für evangelische Christen an anderer Stelle in der Kirche das Abendmahl. Die Gegensätze werden nicht verwischt, doch im Zentrum der Gebete stehen das Evangelium, der Gesang, eine Atmosphäre der Geborgenheit und des Trostes für alle Christen. Wer an der Liturgie seiner konfessionellen Herkunft hängt, muss sich an die Einfachheit in Taizé gewöhnen. Doch es ist eine Einfachheit, die auf Versöhnung zielt.

Beim ersten Lied an diesem Morgen klingt manche Stimme noch rau, doch bald erfüllt die Kirche der satte, warm grundierte Gesang, der die Musik aus Taizé berühmt gemacht hat. "Dass wir hier mehrstimmig singen, ist von tiefer Bedeutung", sagt Frère Jean-Marie. Er gehört seit Jahrzehnten zu den Vorsängern der Bruderschaft, hat manches Lied komponiert. "Wenn fremde Menschen gemeinsam etwas Harmonisches, Erhabenes schaffen, stiftet das Gemeinschaft", sagt er. Für Frère Jean-Marie ist die Musik Teil des Gebets. "Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf die Worte und bringt in uns etwas in Fluss", sagt er. Außerdem lehre Singen das Hören. "So hilft uns die Musik, auf Gott zu hören, vor Gott zu ruhen — vor Ihm zu sein", sagt der Bruder.

Die bekanntesten Taizé-Lieder stammen von dem französischen Komponisten Jacques Berthier, der 1994 gestorben ist. Heute schreiben einige Brüder der Gemeinschaft gemeinsam neue Lieder. Ihr Musikzimmer ist eine Klause gleich neben ihrem Wohnhaus. Auf den vielleicht 15 Quadratmetern dieses Zimmers stehen ein Flügel und eine Orgel, in den Regalen liegen Partituren und ein paar Blasinstrumente. Frère Jean-Marie greift in die Tasten, stellt einen Akkord in den Raum. "Am Anfang jedes Liedes steht der Text", sagt er, "die Melodie entwerfen wir für die Worte." Die Brüder testen ein neues Stück lange, bevor sie es mit zu den Gläubigen in die Kirche nehmen. Wenn die Lieder reif sind, sind sie einfach — geläutert von allem, was nicht wesentlich ist. Darum klingt die Musik aus Taizé klar, selbstverständlich. Darum bekommt man sie nur schwer wieder aus dem Kopf.

Für Frère Roger, den Gründer der Gemeinschaft von Taizé, war Einfachheit auch im Alltag der Schlüssel zu einem erfüllten Leben. Wer in die ökumenische Gemeinschaft eintritt, gelobt bis heute, zölibatär zu leben und auf privaten Besitz zu verzichten. Dabei ging es Frère Roger nicht um Entsagung. Das Wort Armut scheure die Lippen wund, hat er mal gesagt. Es ging ihm um die Freiheit, die darin liegt, sich von Besitz zu lösen.

Und so führen auch die Pilger in Taizé ein einfaches Leben. Sieben Uhr: An den Holzbaracken im oberen Teil des Pilgergeländes öffnen sich die ersten Türen. Menschen mit zerknautschten Gesichtern treten ins Freie. Köstlich riecht der Morgen nach einer Nacht im Zwölf-Mann-Saal. Man kriecht aus dem Schlafsack, streift alles ab, die stickige Wärme, die Schlafgeräusche der anderen, die Erinnerung an mürbes Wachsein zwischendurch, und tritt hinaus in den neuen Tag. In den Gemeinschaftsduschen rauschen schon die Föne, fruchtige Düfte steigen aus den Kabinen auf. Gleich werden sich an den Waschbecken die Pilger drängen, werden zum Zähneputzen in die zweite Reihe treten, werden beschließen, dass das Licht zum Schminken zu spärlich ist. So reduzieren auch Jugendliche, die sich daheim Stunden im Badezimmer verschanzen, ihr Zurechtmachen auf das Nötigste.

Und in den Reflexionsrunden am Ende ihrer Woche im christlichen Jugendcamp erzählen sie, dass es gut tut zu wissen, wie wenig man braucht. Oder dass es toll ist, zum Frühstück immer nur ein Stück Brot und zwei Riegel Schokolade zu bekommen. "Daheim muss ich mich zwischen 1000 Sorten Biomüsli entscheiden", sagt ein Junge, "morgens nicht denken, einfach Schokolade nehmen, das gefällt mir besser."

Die äußerliche Einfachheit wirkt auch auf das Miteinander der Jugendlichen. In Taizé erfinden sie Spiele wie "Snake": Sie laufen hinter Leuten her, die in Gedanken vertieft über das Gelände laufen, bilden Schlangen hinter den Ahnungslosen, bis die sich umdrehen, bemerken, welcher Lindwurm sich hinter ihnen gebildet hat. Dann zählen die Jugendlichen laut ab, auf wie viele Verfolger sie es gebracht haben. Der Rekord liegt bei 82. Es gibt ein ähnliches Spiel für den Computer. In Taizé erwacht "Snake" zum Leben.

Auch am Oyak, dem einzigen Kiosk in Taizé, lässt sich Einfachheit besichtigen. Der Laden sieht aus wie die Kulisse für einen DDR-Film. Neonbeleuchtung. In den Regalen stehen wenige Produkte, Wasser, Schokolade, Zahnbürsten, ein paar Tüten Chips. Außerdem gibt es Wein in Mini-Pappbechern, Cidre oder Bier — für jeden nur eine Ration am Abend. Alles gibt es zum Selbstkostenpreis, ein Becher heißer Kakao zum Beispiel kostet 40 Cent. An der Theke bedienen Jugendliche, und wenn die halbe Stunde Öffnungszeit um ist, sperren sie den Oyak zu, egal wie viele Menschen noch draußen in der Schlange stehen. Unter den Jugendlichen ist der Laden Kult.

Auch die tägliche Arbeit ist für manche Pilger eine Schule der Einfachheit. Da schrubben dann Maria (19) aus Pforzheim und Anne (24) aus Glasgow die Toiletten an der Kirche und finden, dass das ein guter Ausgleich ist. "Hier hilft jeder mit", sagt Anne, "Lob Gottes kann auch heißen, dass man Klos schrubbt." Oder man begegnet der Niederländerin Anne (19) aus Zwolle, die in der Kirche den Teppichboden saugt. "Ich mag hier ja selbst nicht auf dreckigem Boden hocken", sagt sie, "zu Hause hätte ich sicher keine Lust zum Staubsaugen, aber das hier ist ja ein Gotteshaus."

Als junger Theologe hat Frère Roger die Schriften der Kirchenväter über das Mönchtum studiert. Das ist die Quelle der Einfachheit in Taizé. Die Brüder üben sich in schlichter Hingabe und verkünden das Evangelium in so einfachen Worten, wie sie nur tief inspirierte Menschen finden. Bis heute nehmen sie keine Spenden an, arbeiten für ihren Lebensunterhalt in einer Keramik- und einer Emaillewerkstatt. Diese Geradlinigkeit berührt. Auf einem unscheinbaren Hügel in Burgund erleben Pilger, wie Einfachheit im Leben und im Glauben befreit und beflügelt. Das ist die frohe, die radikale Botschaft von Taizé.

Ende der Serie

(gre)
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