Geschichten aus Taizé (3) Die Kraft der Stille

Taizé ist ein riesiges Jugendcamp – und doch ein Ort der Ruhe. Während der Gebete werden Schweige-Phasen eingehalten, und es gibt Orte der Besinnung: den Garten der Stille zum Beispiel.

Im Garten der Stille von Taizé
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Taizé ist ein riesiges Jugendcamp — und doch ein Ort der Ruhe. Während der Gebete werden Schweige-Phasen eingehalten, und es gibt Orte der Besinnung: den Garten der Stille zum Beispiel.

Drei Mal am Tag wird es in Taizé ganz still. Es geschieht während der Gebete in der zentralen Kirche des französischen Pilgerorts, in den jedes Jahr Zehntausende junger Christen reisen. Gerade haben die Brüder der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé noch in mehreren Sprachen aus dem Evangelium nach Lukas vorgelesen, dann noch ein Lied angestimmt, eine der sanften Weisen, die so weit schwingen und schon hinüberleiten zu dem, was folgt: innehalten. Still werden. Sprachlos beisammensein. Minutenlang.

Die Jugendlichen sitzen auf dem Betonboden der Versöhnungskirche, sprechen nicht, kichern nicht, schauen nicht umher. Manche beugen sich nach vorn, bedecken ihr Gesicht mit den Händen, unterbrechen auch sichtbar den Kontakt zum Außen.

Wie ein tauber Nebel

Und so steigt die Stille aus der Gemeinde auf. Sie senkt sich nicht wie ein tauber Nebel über die Gläubigen. Die Ruhe ist ihr eigenes Werk. Ein Zustand lichten Ernstes, unverkrampfter Intensität, hundertfacher Innerlichkeit. Man kann das spüren.

Die Brüder der Gemeinschaft von Taizé
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Für viele sind diese Minuten des Rückzugs, der Sammlung und Besinnung die kostbarste Zeit ihrer Woche in Taizé. "Stille fühlt sich in Gemeinschaft intensiver an", sagt Britta (20), Studentin aus Tübingen. "Hier macht Schweigen nicht einsam, weil man es ja gemeinsam mit anderen tut — und die Leute sind ganz bei der Sache."

Clemens (16) aus Cottbus ist zum zweiten Mal in Taizé und begeistert von allem, was er in diesem christlichen Jugendcamp erlebt: Übernachten in Baracken, mit Gleichaltrigen aus anderen Ländern über die Bibel sprechen und Klos schrubben, abends draußen zur Gitarre singen, tanzen, Fremdsprachen ausprobieren. Ein Riesenspaß das alles. Wirklich ergriffen aber hat auch ihn die Stille, das plötzliche Auf-sich-selbst-Geworfensein. "Ich versuche auch, das mit nach Hause zu nehmen. Wenn ich mich total überfordert fühle, zünde ich auch daheim ein paar Kerzen an, lege mich still aufs Bett, denke nach, rede mal gar nicht", sagt er.

"Ich will wissen, was man dann denkt"

Manche Jugendliche müssen das erst lernen. Man sieht in der Kirche, wie sie nicht zur Ruhe kommen, wenn die Stille einsetzt, wie sie dann im Liederbuch blättern, auf dem Boden rutschen, keine Haltung finden, weder für den Körper noch für den Geist. Doch nach wenigen Tagen richten sich die meisten ein im Schweigen. "Ich spüre dann, wie mein Akku auflädt", sagt Clemens. "Das reicht ungefähr ein Jahr, dann bin ich wieder reif für Taizé."

Manche können plötzlich auch gar nicht genug bekommen von der Stille. Roger und Luca zum Beispiel. Die beiden Schweizer sind 17, machen daheim eine Kochlehre. Während ihrer ersten Woche in Taizé haben sie in der Gemeinschaftsküche geholfen. Zwei Profis, die Feinschmecker-Süppchen aufschäumen können, sollten plötzlich für 800 Jugendliche Eintopf kochen. Ihnen hat das Spaß gemacht. Doch am Abend werden sie ihre Tasche packen, in das Haus der Schweigegäste umziehen, für eine weitere Woche. "Wir wollen ausprobieren, wie es ist, so lange nicht zu sprechen", sagt Luca. "Ich will wissen, was man dann denkt", sagt Roger.

Die Stille lässt sich beobachten

Die Ordensleute in Taizé, die Woche um Woche junge Menschen in die Stille begleiten, berichten davon, wie sehr das Schweigen Jugendliche verändert, die sonst über die sozialen Netzwerke immer auf Sendung sind. "In der Stille entdecken viele einen inneren Raum, in dem sie ich sein können", sagt Schwester Koi, die zur belgischen Ordensgemeinschaft der Schwestern von Saint André gehört und in Taizé junge Frauen begleitet, die länger als zwei Wochen bleiben. "Die Jugendlichen lernen diesen Raum schätzen", sagt Schwester Koi, "und manche begegnen darin Gott."

Als Frère Roger, der Gründer von Taizé, 1941 die Regeln der Bruderschaft entwarf, schrieb er: "Wahre in allem die innere Stille, um in Christus zu bleiben." Die seinem Weg heute folgen, beginnen in Taizé mit äußerer Ruhe, dem Schweigen. Manche bekommen dann eine Ahnung, welche Kraft die innere entfalten könnte.

Die Stille ist in Taizé auch zu beobachten. Man muss nur ein wenig zu früh zum Gebet in die Kirche gehen. Dann erlebt man, wie die Brüder der Gemeinschaft einzeln das Gotteshaus betreten, in ihren weißen Gewändern den Mittelgang hinauf laufen, jeder in seinem Tempo. Man hört das Rascheln ihrer Kutten.

Es geschieht mühelos

Dann hocken sich die Brüder auf ihre Meditationsbank, richten ihr Gewand, suchen den Ruhepunkt ihres Körpers, senken den Kopf, machen sich bereit zum Gebet. Man kann dann manchmal sehen, wie Alltag von ihnen abfällt, wie sie Halt finden in ihrem Inneren — wie sich Stille einstellt. Oft tut es schon gut, dabei nur zuzuschauen.

Es gibt auch Orte der Stille in Taizé. Einen riesigen Garten etwa, am Rande des Geländes, den die Besucher durch ein Gatter betreten. Auf einem Schild wird um absolute Ruhe gebeten. Von dort führt ein Weg in Serpentinen einen steilen Hang hinab zu einem See, der von einer Quelle gespeist wird. Eine Kapelle aus dunklem Holz mit orthodoxem Zwiebelturm steht dort, sie ist offen gebaut wie ein Stall oder eine Wanderhütte. Vor einer Ikone brennt eine Kerze.

In diesem Garten betritt der Besucher eine Stille, die von der Natur geschaffen ist. Der Wind in den Bäumen ist zu hören, Geraschel im Laub, auch das Rauschen von der nächsten Schnellstraße. Es ist eine erfüllte, eine lebendige Stille. Man wandert in sie hinein, versenkt sich in ihr mit jedem Schritt die Serpentinen hinunter. Es ist eine mühelose Art des Ruhigwerdens. Der Wanderer ist nicht allein auf sich geworfen, er wird Teil eines Größeren. Und kann getrost schweigen.

Der Freund der Stille ist die Musik

Wenn viel los ist in Taizé, in den Ferien oder an den Feiertagen, tragen Jugendliche Schilder durch den Garten der Stille, auf denen in diversen Sprachen "Ruhe" geschrieben steht. Meist ist die Ermahnung nicht nötig. Menschen suchen sich einzeln ihren Fleck im Park, legen sich auf eine Wiese, hocken sich an den Rand des Sees, lassen die Beine von einer kleinen Brücke baumeln und saugen die Stille auf. Nur selten sieht man dort Leute lesen. Den meisten scheint die Zeit zu kostbar in diesem Wald, der einfach nur ist. Und Stille hervorbringt. Sauerstoff für die Seele.

Und noch einen Helfer hat die Stille in Taizé: die Musik. Sie bereitet dem Schweigen den Weg, mit ihren schlichten Melodien, den sanften Rhythmen, den reduzierten Texten. Oft umspielen diese Lieder nur eine Zeile, die von Vertrauen handelt, von Geborgenheit, Liebe, vom Wachen und Beten und Bleiben im Angesicht Gottes. Die Musik trägt diese Sätze in die Gedanken der Menschen, die sonst so viel mehr aufnehmen müssen. Mit den Liedern beginnt die Reduktion. "Musik erschafft die Stille", sagt Frère Jean-Marie, der seit vielen Jahren zu den Vorsängern der Bruderschaft gehört. "Man kann das in Konzerten erleben: Der Moment nach dem Schlussakkord ist vollkommen ruhig und zugleich ungeheuer angefüllt. Stille ist nie leer."

Die Dorfkirche - Ort an dem alles begann

Und dann die alte Dorfkirche. Ein geduckter, romanischer Bau aus dem 11. Jahrhundert, umgeben von einem kleinen Friedhof und einer grauen Mauer, an der die Zeit nagt. In dieser Kirche hat Frère Roger, der Gründer der Gemeinschaft von Taizé, mit seinen ersten Brüdern gebetet. Dorthin luden sie auch die frühen Pilger ein, die für eine Zeit bei ihnen leben wollten. Doch bald wurden es so viele, dass die Brüder ein größeres Gotteshaus bauen mussten.

Die Dorfkirche ist geblieben — und zum Ort für die einsame Stille geworden. Darin ist es dunkel, es riecht modrig. Nur vor einer Ikone leuchten Kerzen, und an einer Wand ist ein Kreuz behutsam angestrahlt. In dieser Kirche scheint alle Zerstreuung fern. Als hätten die Gebete, die dort über die Jahrhunderte gesprochen wurden, einen geschützten Raum geschaffen. Man trägt die Stille in sich, wenn man ihn wieder verlässt.

Draußen hat sich inzwischen die Nacht über Taizé gesenkt. Die Laternen im Dorf verbreiten in runden Kegeln gelbes Licht. Es nieselt, der Regen ist fein wie Staub. Plötzlich steht Roger am Törchen zum Friedhof, einer der beiden Schweizer Köche, die inzwischen in der Stille leben. Er hat die Kapuze seines Shirts ins Gesicht gezogen, geht hinüber zu einem Grab an der Kirchenmauer. Frère Roger, steht auf dem hellen Holzkreuz. Der junge Pilger setzt sich davor auf eine kurze Bank, zieht die Schultern leicht hoch, verharrt so. Vor dem Grab glimmen Lichter in roten Gläsern, die Flammen scheinen fast reglos. Als Roger zurück auf die Dorfstraße tritt, nickt er hinüber, lächelt kurz. Dann geht er weiter auf seinem Weg.

(gre)
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