Queer-Beauftragter der Bischofskonferenz „Der Vatikan darf sich nicht hinter seinen alten Regeln verstecken“

Interview | Essen · Die katholische Kirche muss sich viel offener als bisher der Sexualität zuwenden – fordert der Essener Weihbischof Ludger Schepers. Er ist gleichzeitig Queer-Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz. Wir haben mit ihm kurz vor dem Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie am 17. Mai gesprochen.

Eine Regenbogenfahne weht an der katholischen Pfarrkirche in Essen Dahlhausen. (Symbolbild)

Eine Regenbogenfahne weht an der katholischen Pfarrkirche in Essen Dahlhausen. (Symbolbild)

Foto: IMAGO/Funke Foto Services/IMAGO/Kerstin Kokoska

Die katholische Kirche folgte bislang alten gesellschaftlichen Rollenbildern. Ist Ihre Berufung zum Beauftragten für queere Pastorale bei der Deutschen Bischofskonferenz ein Zeichen dafür, dass sich etwas ändert? Etwa zur Haltung gegenüber Homosexuellen?

Schepers Ich denke schon, zumal das in der Bevölkerung – so wie ich es erlebe – weniger ein Problem ist, sondern eher eins auf der Leitungsebene der Kirche. Dadurch aber, dass ich zum Queer-Beauftragen offiziell ernannt worden bin, haben wir dieses wichtige Zeichen der Sensibilisierung. Ich kümmere mich um dieses Thema sozusagen inoffiziell schon seit sechs Jahren, mit Zustimmung der Pastoralkommission.

Angesichts weiterhin sehr gegensätzlicher Meinungen darüber, wie man sich pastoral gegenüber homosexuellen und queeren Menschen verhält, werden Sie innerhalb der Bischofskonferenz zwischen den Stühlen sitzen…

Schepers Die erste Problematik ist die, dass wir überhaupt eine gemeinsame Sprache finden, darüber miteinander zu reden. Das ist in den Vollversammlungen des Synodalen Wegs erstmals in einer größeren Runde geschehen. Und dabei sind einige Bischöfe dann aus der Diskussion ausgestiegen. Es liegt letzten Endes an der Frage der Bipolarität. Ob ich also die Auffassung vertrete, dass es nur zwei Kerne gibt, männlich und weiblich – und dann auch nichts anderes. Oder ob ich jetzt das Modell eines Ovals nehme, das ebenfalls zwei Kerne hat, aber bei dem es sehr wohl dazwischen etwas gibt. Dabei brauche ich noch nicht einmal die Vorstellung einer Polarität aufzugeben; aber ich würde doch wenigstens anerkennen, dass es auch etwas dazwischen gibt. Niemand kann genau sagen, was ganz männlich und was ganz weiblich ist. Jeder von uns trägt Anteile des anderen Geschlechts in sich. Queeren Menschen das Menschsein abzusprechen, geht meines Erachtens gar nicht. Die kirchliche Lehre geht aber nach wie vor davon aus, dass es nur Mann und nur Frau gibt, in der Sprache des Alten Testaments: nur männlich und nur weiblich.

 Der Essener Weihbischof Ludger Schepers.

Der Essener Weihbischof Ludger Schepers.

Foto: Oliver Müller

Wie verstehen Sie sich mit der Beauftragung: als Mediator, als Anwalt oder als Ankläger?

Schepers Ich sehe mich eher als Anwalt, als einer, der jene Menschen miteinander vernetzt, die mit diesem Anliegen unterwegs sind. Je mehr Wissen ich über den anderen und über seine Sexualität und Identität habe, desto besser kann ich ihn verstehen. Das setzt natürlich auch voraus, dass man sich mit seiner eigenen Sexualität auseinandersetzt – und dabei ehrlich ist.

Muss sich die Kirche nicht grundsätzlich und intensiver der Sexualität zuwenden, und zwar viel stärker, als sie es bisher getan hat? Auch in einer viel offeneren Art und Weise?

Schepers Das ist ganz sicher so. In der Frage der Sexualmoral muss sich insgesamt in der katholischen Kirche etwas ändern. Und das bedeutet natürlich auch, dass im Katechismus andere Dinge stehen müssen, als sie jetzt stehen. Auf der einen Seite ist darin von irregulären Verhältnissen die Rede, andererseits heißt es, dass die Menschen nicht diskriminiert werden sollen. Das wäre doch schon ein erster Schritt, wenn sich die Leute wenigstens daran halten würden, Menschen nicht zu diskriminieren.

Können Sie denn den Erwartungen der Menschen hierzulande überhaupt gerecht werden, die sich bislang durch die katholische Kirche ausgegrenzt, verletzt oder diskriminiert fühlen?

Schepers Ich kann nur durch meine Arbeit dazu beitragen, dass Wunden, die da sind und vielleicht auch nicht mehr zu heilen sind, künftig nicht mehr entstehen. Dass also in unserer Kirche, aber auch in unserer Gesellschaft, eine andere Kultur des Miteinanders herrscht.

Sie sprechen von irregulären Verhältnissen und Partnerschaften. Homosexualität bleibt nach katholischem Verständnis weiterhin sündhaft. Oder ist es jetzt keine Sünde mehr?

Schepers Laut Katechismus ist es eine Sünde.

Und sehen Sie das als gerechtfertigt an? Muss es geändert werden?

Schepers Es kann dann geändert werden, wenn die Kirche ein anderes Verständnis von Sexualität gewinnt. Dass Sexualität nämlich nicht nur dazu da ist, Nachkommenschaft zu zeugen. Und dass eine Liebesbeziehung nicht nur auf den Sexualakt beschränkt sein muss und darf, sondern eben auch viel mehr beinhaltet wie Zärtlichkeit und gegenseitige Verantwortung.

Sie sagten: Es kann geändert werden. Aber muss es sich nicht auch ändern?

Schepers Keine Frage: Das Vertrauen ihrer Gläubigen hat die Kirche in diesem Punkt bereits verloren.

Hinkt die Kirche der gesellschaftlichen Entwicklung somit wieder um viele Jahre hinterher?

Schepers Das muss man so eindeutig sagen: Diese Position der Kirche führt zwangsläufig zu Distanz und Abwehr, weil sie den Menschen einfach nicht mehr verständlich zu machen ist. Dabei geht es nicht um eine Liberalität, die alles und jedes erlaubt. Sondern immer auch darum, ob es eine Verantwortung der Partner füreinander gibt. Dazu gehört die Frage nach der Verantwortung für die wiederverheiratet Geschiedenen, die nach kirchlichem Verständnis ebenfalls in irregulären Beziehungen leben. Dass die Sexualität die Identität eines Menschen ausmacht, ist doch unstrittig, sodass wir damit als Seelsorger auch ganz persönlich umgehen müssen.

Ruhrbischof Overbeck hat den Seelsorgern seines Bistums freigestellt, besondere Segensfeiern für homosexuelle Paare zu ermöglichen. Führen Sie selbst auch diese Segensfeiern durch?

Schepers Ich habe noch keine Segensfeier durchgeführt. Ich habe wohl daran teilgenommen.

Segnungen sind auch seitens des Papstes möglich. Haben Sie Verständnis dafür, dass Betroffene sagen, dass dies nur ein erster Schritt sein kann, aber immer noch eine Form der Diskriminierung sei?

Schepers Ich sehe das wirklich nur als einen ersten Schritt. Ich denke, dass die Frage jetzt weltweit diskutiert wird. Das ist, glaube ich, das Wichtigste, was durch die vom Papst gebilligte Erklärung „Fiducia supplicans“ auf den Weg gebracht worden ist. Die Frage bleibt, wie andere Bischofskonferenzen sich dazu verhalten werden? Bei meinen Besuchen in Afrika bekam ich zu hören, solche Gespräche gibt es bei uns nicht. Von jungen Leuten in den Gemeinden dort wurde ich aber sehr wohl nach meiner Meinung dazu befragt.

Wie kommt man aus diesem Dilemma einer Weltkirche heraus? Eine einheitliche Haltung dürfte es zu Fragen der Sexualität und Sexualmoral auf absehbare Zeit jedenfalls kaum geben. Wird man dann den einzelnen Ortskirchen mehr Entscheidungsgewalt in solchen Fragen übertragen müssen?

Schepers Ich denke ja. Es gibt eine so große Ungleichzeitigkeit in den Bewegungen der jeweiligen Kulturen, die ausschließen, dass man zu einer Position kommt. Wir müssen aber Verantwortung übernehmen für diese Menschen. Dass sie von uns eben nicht bloß hören, dass sie von Gott geliebt und geschaffen sind, sondern dass es auch gut und richtig ist, wie sie von Gott geschaffen wurden. Und dass sie genau das in der Kirche auch erfahren dürfen.

Welche Stimmungen nehmen Sie dazu in den Gemeinden wahr? Wird über Fragen der Sexualität auch dort kontrovers diskutiert?

Schepers Es gibt die Realität, dass die Regenbogenfahne an Kirchen aufgehängt wird, es gibt aber auch die Realität, dass sie wieder abgerissen wird. Und leider ist es so, dass es in den meisten Fällen anonym geschieht und man so zu keinem Gespräch kommt.

Werden queere Menschen in allen Gremien und auf allen Ebenen der Kirche auf Akzeptanz hoffen dürfen?

Schepers Nein.

Aber Sie würden sich das wünschen?

Schepers Ja, das wünsche ich mir. In der Bewegung Out In Church sind ja eine ganze Menge Leute, die sich geoutet haben. Es gibt aber auch viele, die sich noch nicht trauen, weil es immer noch die Befürchtung gibt, dass Nachteile oder Diskriminierung erfolgen. Die kirchliche Gesetzgebung hat es Gott sei Dank jetzt geregelt. Aber die Tat muss noch folgen, dass man das auch umsetzt.

Was ist das Minimalziel, das Sie erreichen möchten, erreichen können?

Schepers Dass wenigstens eine Offenheit für den anderen, für die andere da ist. Das Mindeste ist also, dass man diese Person nicht diskriminiert oder benachteiligt, ihr nicht wehtut, weder physisch noch psychisch. Das wäre das absolute Minimum.

Würden Sie gern an der Synode in Rom teilnehmen, um Ihre Standpunkte zu vertreten? Was würden Sie Papst Franziskus sagen?

Schepers Es wäre mir ein Anliegen, den Betroffenen kirchlicher Ausgrenzung eine Stimme zu geben. Dem Papst würde ich raten, noch mehr Offenheit zu zeigen, sich nicht entmutigen zu lassen in seinem Streben nach Seelsorge für alle. Die Kirche muss das Gespräch suchen, die gesellschaftlichen Veränderungen anerkennen. Der Vatikan darf sich nicht hinter seinen alten Regeln verstecken.

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