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Superman in Bonn gesichtet

Superman in Bonn gesichtet

Die Bundeskunsthalle in Bonn zeigt eine große Ausstellung zu "Comics! Mangas! Graphic Novels!". Die Macher wollen die Geschichte des Comics seit den Anfängen erzählen.

Bis heute soll es Menschen geben, die den Comic für Kinderkram halten, dabei war er schon in den Anfängen zunächst einmal Erwachsenen vorbehalten. Denn in den patriarchalen Verhältnissen des 19. Jahrhunderts nahm für gewöhnlich erst der Vater die Sonntagszeitung in die Hand, anschließend gab er die Seiten an die Mutter und schließlich an die Kinder weiter. In diesen Zeitungen - zunächst vornehmlich in Blättern aus New York - erschienen um 1900 erste Comicstrips, es waren kurze, schnelle Bildergeschichten, die bald ein Millionenpublikum in den USA erreichten.

Mit einem Bild aus "Hogan's Alley", einem Comic aus den 1890ern, beginnt die Ausstellung in Bonn, mit einem Jungen, der "The Yellow Kid" hieß und in den abgehängten Vierteln des New Yorks der Jahrhundertwende zu Hause war. Fernsehen und Internet gab es damals logischerweise noch nicht, das Kino war gerade erst dabei, sich zu entwickeln. "Die Comics waren das erste Bildmedium in einer bilderlosen Zeit", sagt Kurator Andreas C. Knigge, "das waren Bildsensationen."

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Rund 300 Exponate haben Knigge und Mitkurator Alexander Braun zusammengetragen, ab morgen öffnet ihre Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle. "Comics! Mangas! Graphic Novels!" haben die Ausstellungsmacher ihr waghalsiges Unterfangen betitelt, die Geschichte des Comics von Beginn an nachzuzeichnen. Originaldrucke aus Sonntagszeitungen gibt es zu sehen, Tuschezeichnungen, und Brillen mit Virtual-Reality-Technik lassen die "Hogan's Alley"und das "Yellow Kid" an einer Station dreidimensional erscheinen. Wer die Brille trägt und auf seine Schuhspitzen blickt, sieht den rissigen Asphalt der New Yorker Ghettos unter seinen Füßen. Die virtuelle Realität ist aber bloß schöner Schnickschnack, eine nette Idee, das Historische mit der Zukunftstechnik erfahrbar zu machen. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht zweifelsohne das Blatt Papier.

Und sie haben nichts ausgelassen. Superman, Batman, Mecki, Fix und Foxi, The Spirit und Astro Boy - sie alle treffen in Bonn aufeinander. Auch einen "Peanuts"-Comic gibt es, und Charlie Brown wird mit einem missmutigen Charlie-Brown-Satz zitiert: "Das Leben ist voller Möglichkeiten, aber du kriegst nie eine."

Liebhaber werden sich in den Ausstellungsräumen kaum satt sehen können, wer sich erst noch ins Genre einfuchst, wird mehrmals herkommen und gut aufpassen müssen, dass er nicht vor lauter Eindrücken ermattet. Wer Comics immer noch und ausschließlich auf "Zisch", "Zack", "Bumm", "Peng" reduziert, dem sei die Schau ebenfalls empfohlen, der kann sich eines Besseren belehren lassen. Die Welt der Comics hier ist so reich, dass sie sogar eine Nische eingerichtet haben, die die Macher unter sich "die Schmuddelecke" nennen. Dort sind Mickey und Minnie Mouse in eindeutigen Posen ausgestellt. Der Comic stammt aus den 70ern, als sich unabhängige US-Zeichner ihre Namen machten. Disney fand das gar nicht lustig und klagte jahrelang. In Frankreich gab es in den 60ern ebenfalls Streit - um "Barbarella", eine Weltraumabenteurerin, die äußerlich an Brigitte Bardot erinnerte und vornehmlich in hautengen Anzügen oder unbekleidet in Szene trat. Nach dem Verbot des Comics und einem Rechtsstreit wurde indes ein für alle Mal festgestellt, dass Comics überhaupt gar nicht nur "pour la jeunesse" seien. Längst gelten Comics in Frankreich als "neuvième art", als neunte Kunst.

Der Bundeskunsthalle zufolge ist die Schau, die bis 10. September läuft, die größte Comic-Ausstellung, die es jemals in Deutschland gab. Comics aus Deutschland findet man dort allerdings nur eine Handvoll. Zunächst waren Deutsche vor allem in den amerikanischen Comic-Heften der 1930er und -40er Jahre präsent, weil neue Superhelden, die Böses vom Guten fernhielten, auch in den Zweiten Weltkrieg eingriffen. Superman etwa lenkt in einer Geschichte einen Torpedo deutscher Soldaten um, das Geschoss kommt postwendend zurück. Einer der Deutschen ruft bloß noch "Auf Wiedersehen!", während Superman schon auf dem Heimflug nach Metropolis ist, einer Stadt, die offensichtlich New York nachempfunden ist.

In Deutschland selbst spielte der Comic erst in der Nachkriegszeit eine Rolle, zuvor waren vor allem klassische Bildergeschichten von zum Beispiel Wilhelm Busch populär. Comics galten als "undeutsch", einen der talentiertesten Zeichner, Erich Ohser, nahm man 1944 fest. Dem Erfinder der "Vater und Sohn"-Reihe sollte vor Roland Freislers Volksgerichtshof der Prozess gemacht werden. 41-jährig entzog sich Erich Ohser der Schein-Verhandlung durch Suizid.

Die Geschichte der europäischen Comics sei darum vor allem eine belgische und französische, sagt Kurator Knigge. An Tim und Struppi, Lucky Luke und Asterix wird in Bonn natürlich auch erinnert, aber gleichberechtigt neben den Helden aus den Manga, der japanischen Version des Comics, die dort drüben ein Megaerfolg sind.

Die Ausstellung schließt mit den neuesten Entwicklungen, die mit Will Eisner begannen. Als der stilbildende Zeichner 1978 seinen neuen Band, "Ein Vertrag mit Gott", fertiggestellt hatte, telefonierte er mit einem Verleger und kündigte etwas Neues an: eine Graphic Novel. Der Verleger wollte in den Bildern Eisners dennoch bloß einen Comic erkennen und lehnte ab. Das Buch erschien schließlich woanders. Als Graphic Novel gelten seitdem nicht-serielle, literarische Bildergeschichten. Trennscharf vom Comic abgrenzen lassen sie sich natürlich nicht.

Manche halten Graphic Novels darum hauptsächlich für einen Marketing-Gag. Zum Beispiel der Erfinder der berühmten "Maus"-Comics, Art Spiegelman, der einmal sagte: "Wer eine Graphic Novel liest, muss sich nicht schämen." Der Comic gilt manchen eben noch als Kinderkram - zu unrecht, wie gesagt. Das war nicht immer so: Als Anfang des 20. Jahrhunderts in amerikanischen Sonntagszeitungen erstmals die Geschichten der "Krazy Kat" erschienen, verlegte man sie bald von den Comic-Seiten in den Kulturteil. Man hatte Angst, dass sie die Leser anderswo überfordern.

(kl)