<strong>Franzens Angst vor dem Anfang

<strong>Franzens Angst vor dem Anfang

Interview Jonathan Franzen (51) hat in "Freiheit" einen großen Familienroman geschrieben. Warum die Arbeit daran fast zehn Jahre dauerte, warum er Berlin so sehr mag und nach China reiste, um dort die Zerstörung der Natur zu erkunden, sagte er uns auf der Frankfurter Buchmesse.

Frankfurt/M Um den neuen Roman des 51-jährigen US-Stars Jonathan Franzen, "Freiheit", ranken sich mittlerweile etliche kleine Legenden. Eine davon: Im Hause des britischen Bestsellerautors Ian McEwan soll es in der Familie erbitterten Streit darüber gegeben haben, wer das erste Vorabexemplar des Romans lesen dürfe. Wobei der Ausgang dieses innerfamiliären Disputs über einen Roman, der die schleichende Zerstörung einer Familie beschreibt, nicht überliefert ist. Kaum weniger begehrt ist das Buch bei deutschen Lesern. Der 730 Seite starke Roman – der auch wegen seines großen epischen Atems oft mit den "Buddenbrooks" von Thomas Mann verglichen wird – steht auf unseren Bestsellerlisten weit oben.

Sie haben 2008 China bereist und im "New Yorker" darüber berichtet. Was haben Sie dort erlebt?

Franzen Nun, in China habe ich viele Leute getroffen, die sich große Sorgen machten, wie die Natur ihres Landes Stück für Stück zerstört wird. Ich habe diese jungen, engagierten Leute sehr gemocht. Und ich habe eine ungefähre Ahnung von den Zuständen in diesem Land mit seinen fürchterlichen demographischen Problemen bekommen. Ich glaube, dass die übrige Welt nicht ahnt, wie verbittert viele Chinesen eigentlich sind.

Sie selbst aber waren auch enttäuscht, dass ihre kritischen Artikel kaum wahrgenommen wurden.

Franzen Es war schon bitter, dass mich danach niemand um ein Interview bat; ich habe nicht eine Mail dazu bekommen. Die Antwort der Leute war einfach nur Schweigen. Und dabei habe ich sechs Monate intensiv daran gearbeitet. Gut, habe ich mir gesagt, wenn ich auf diesem Wege keine Resonanz bekomme, dann schreibe ich wohl besser wieder Romane.

Warum sind Sie denn überhaupt nach China gereist?

Franzen Weil ich mir gesagt habe, dass man nicht einfach zusehen kann, wie sich unsere Welt permanent verschlechtert. Das Desinteresse der Leser aber hat mir ironischerweise gezeigt, was offenbar meine wirkliche Aufgabe ist: über mich selbst zu schreiben.

Was dachten Sie, als die Osloer Nobelpreis-Jury dieser Tage den chinesischen Regimekritiker Liu Xiaobo zum neuen Friedensnobelpreisträger machte?

Franzen Wer?

Liu Xiaobo.

Franzen Sorry, das habe ich total verschlafen; ich habe absolut nichts davon mitbekommen. Aber das hat auch seinen Grund: Seit dem vergangenen Jahr nämlich habe ich mir vorgenommen, keinerlei Aufmerksamkeit diesem Friedensnobelpreis mehr zu schenken – seit Barack Obama ihn völlig unverdient bekommen hat. Unglaublich, Obama den Preis zu geben. Es war eine fürchterliche Entscheidung.

"Freiheit" ist ein großer Familienroman. Ist die Familie der Berglunds aus dem Mittleren Westen eine Art Mikrokosmos der amerikanischen Gesellschaft?

Franzen An so etwas denke ich nie. Ich versuche nie, in meinen Geschichten Größeres zu spiegeln. Familien sind ein emotionales Gebilde von Beziehungen; Familien sind emotionale Experimente. Ich habe an Familien auch keine Art soziologisches Interesse. Mein Interesse gilt der emotionalen Seite, weil ich die Seiten meines Buches mit Leben erfüllen möchte. Mein Roman sollte mehr gefühlt als gedacht werden. Es geht mir wirklich nicht um Amerika, sondern um all die ungelösten Probleme, all die unbeantworteten Fragen in unserem Leben – also auch in mir selbst.

Viel Aufsehen sorgte Ihr Bild auf der Titelseite des berühmten Time Magazine. Seit zehn Jahren – seit Stephen King – war dort kein Autor mehr gezeigt worden. Und zuvor hatten es auch nur Schriftsteller wie Hemingway, Joyce und Salinger geschafft. Ihr Vater, ein begeisterter Leser des Time Magazine, hat das nicht mehr erlebt. Was hätte er dazu denn gesagt?

Franzen Ich schätze, er hätte eine Woche lang nur gegrinst und wäre danach ein ganzes Jahr sehr stolz gewesen. Natürlich war auch ich riesig glücklich, zumal die Redaktion mein Buch sehr gemocht hat.

Trotzdem schauen Sie nicht so ganz glücklich auf dem Bild aus?

Franzen Finden Sie? Vielleicht liegt es ja auch daran, dass das Foto in meiner Garage aufgenommen wurde.

In der Garage?

Franzen Ja wirklich. Denn es war der einzige Raum bei mir zuhause, der groß genug war für diese enorme technische Ausstattung des Time-Magazine-Fotografen. Aber ich finde auch gar nicht, dass ich so unglücklich aussehe. Ich liebe es nämlich, weil ich darauf ungeheuer seriös wirke.

Natürlich braucht ein so umfangreicher Roman wie "Freiheit" seine Zeit. Seit Ihrem letzten Roman, "Die Korrekturen", sind aber zehn Jahre vergangen. . .

Franzen . . . wobei ich gleich nach den "Korrekturen" mir zunächst ein Jahr gestattet habe, in dem ich bloß glücklich sein wollte. Das eigentliche Schreiben am Roman hat dann nur ein Jahr gedauert.

Und die acht Jahre dazwischen?

Franzen In dieser Zeit habe ich vergeblich versucht, mit dem Roman zu beginnen: acht lange Jahre mit immer wieder neuen Anläufen. In meinem Büro lag dann irgendwann ein riesiger Stapel mit vielen misslungenen Anfängen.

Sie haben einen Teil der "Freiheit" in Berlin geschrieben. Sie haben auch in Berlin studiert und sind in diesem Jahr dort sogar zum Mitglied der Akademie der Künste gewählt worden. Was bedeutet Ihnen die Stadt?

Franzen Ich mag Berlin sehr. Ich mag den Wind und das Wetter. Noch in der Stadt kann man manchmal die weite Landschaft Brandenburgs riechen. Ich mag das immer noch Unfertige, das Offene der Stadt, auch eine gewisse Leere. Und ich schätze es, dass Berlin nicht wie so viele andere Metropolen dieser Welt mit einer glorreichen Vergangenheit prahlt.

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