Steinmeier würdigt Bauhaus in Krefeld

Bauhaus : Steinmeier würdigt Bauhaus in Krefeld

Der Bundespräsident besucht die Häuser Lange und Esters als herausragende Bauhaus-Werke.

Politische und architekturgeschichtliche Motive sind eng verschwistert, wenn Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am 2. Februar Krefeld besucht. Zum einen eröffnet er  seine deutschlandweit angelegte Initiative „Demokratie ganz nah – Ideen für ein gelebtes Grundgesetz“, zum anderen besucht er eine Stadt, die herausragende Beispiele aus der Anfangszeit des Bauhauses beherbergt. Sie ist mit dem Namen Mies van der Rohe verbunden, der von Krefeld aus Architekturgeschichte geschrieben hat.

In Krefeld fand sich in den 1920er Jahren eine einmalige Gemengelage: Wohlhabende, dabei kunstsinnige, ein bisschen architekturverrückte, für alles Neue aufgeschlossene Industrielle ließen einem Architekten freie Hand, der etwas unerhört Neues schaffen wollte: kubisch verschachtelte Gebäude von einem formalen Purismus, der so ganz anders war als der verschnörkelte Jugendstil, der zitatbesessene Klasszismus oder der verspielte Backstein-Expressionismus jener Tage.

So ließen sich die Freunde Hermann Lange (1874-1942) und Josef Esters (1884-1966) – reich geworden mit der „Vereinigten Seidenwebereien AG“ – in den Jahren 1928 bis ’31 von Mies van der Rohe nebeneinander zwei Gebäude bauen, die ein Statement waren. Für Mies begann eine Weltkarriere:  1929 schuf er den sogenannten Barcelona-Pavillon als deutschen Beitrag für die Weltausstellung in Barcelona. 1930 erfolgte die Berufung zum Direktor des Bauhauses in Dessau. Es wurde eine kurze, aber geschichtsträchtige Periode, denn das Bauhaus   wurde schon 1932 von den Nationalsozialisten geschlossen. Das Bauhaus aber hatte die Moderne der Architektur eingeläutet; die Geschichte ging über die Nazis hinweg – das Bauhaus blieb.

Gerade dieser Punkt hat für Steinmeier ganz offensichtlich auch politische Bedeutung. Als er Mitte Januar das Bauhaus-Gedenkjahr eröffnete, würdigte er den architektonischen Aufbruch auch als Durchbruch zu einem neuen Bewusstsein der Freiheit: „Das Bauhaus“, sagte er in seiner Rede, „brauchte die Freiheit der Weimarer Republik und schenkte ihr zugleich eine Ausdrucksform.“ Die Bauhaus-Künstler hätten zudem den Austausch mit der internationalen Moderne gesucht und sich von Entwicklungen auch jenseits der Grenzen beeinflussen lassen. Die Intention ist deutlich: Das Bauhaus war auch implizite politische Prophetie  – gedanklicher Vorgriff auf eine Welt der Freiheit, der Demokratie und entspannter Internationalität ohne rassistische oder nationalistische Schranken.

Es ist ein Glücksfall, dass es in Krefeld Industrielle gab, die offen waren für diese Art Avantgarde. Neben den Häusern Lange und Esters, die heute Museen sind und zurzeit umfassend saniert werden, baute Mies auch Industriebauten. Erhalten und saniert sind ein Färberei- und ein HE-Gebäude (HE steht für Herrenfutterstoffe), die Mies vor seiner Emigration in die USA für die  Verseidag entwarf.

Bekanntlich beendeten die Nazis diesen Aufbruch in die Moderne. Viele deutsche Industrielle haben nicht begriffen, dass Feindschaft gegen diese Moderne abgrundtief böse und selbstzerstörerisch war. Krefelds Bauhaus-Tradition steht so auch für eine Industrie, die Moderne nicht nur technisch versteht.

Mehr von RP ONLINE