Köln: Stefan Bachmann – der Neue in Köln

Köln : Stefan Bachmann – der Neue in Köln

Nach der erfolgreichen Intendanz von Karin Beier am Kölner Schauspiel setzt ihr Nachfolger, der Schweizer Stefan Bachmann, auf ein fest an die Stadt gebundenes Ensemble. Gespielt wird in einem neuen Ausweichquartier..

Er träumt von blühenden Landschaft, Stefan Bachmann, der neue Mann am Schauspiel Köln. Zu Beginn seiner Intendanz im Sommer will er den Kölnern einen Garten pflanzen, eine Brachfläche im Stadtteil Köln-Mülheim in einen idyllischen Ort verwandeln, in ein urbanes Paradies. Das Theater in der Innenstadt wird noch weiter saniert, also hat der gebürtige Schweizer seine neue Heimat nicht nur aus Neugier erkundet, sondern auch, um eine gute Ausweichspielstätte zu finden. Auf der Schäl Sick, der von den Kölnern wenig geliebten rechten Rheinseite, entdeckte er die Hallen eines ehemaligen Kabelwerks. Dort wird das Schauspiel Köln nun für die nächsten zwei Jahre residieren, eine große Bühne vor 600 Zuschauern und eine kleine vor 250 Gästen bespielen — und das künftige Publikum ist eingeladen, vor dem Carlswerk Blumen und Gemüse zu pflanzen. "Keim gegen Kölsch" heißt die Aktion. Wer dem Garten Selbstgezogenes spendiert, wird mit einem Kölsch belohnt. Ende Mai ist Saat- und Pflanztag.

"Es wird Inseln mit Beeten geben und die Dächer der alten Container werden wir begrünen", sagt Bachmann und fährt mit dem Finger über die winzigen Pappcontainer auf einem Modell des neuen Theatergeländes, das er in seinem Büro hat aufstellen lassen. Bachmann brennt für diese Idee. Er spricht mit einer Begeisterung, die etwas Kindliches hat, aber nichts Naives. Dieser Theatermann will Spuren hinterlassen in seiner neuen Stadt, und er will den Bürgern signalisieren, dass er für sie gekommen ist, antritt, um ihnen zu zeigen, was Theater alles kann. Brachen verwandeln zum Beispiel. Und Geschichten erzählen, die wirklich packen.

"Wir haben in der Zeit des postmodernen Theaters alle Formen durchbuchstabiert", sagt Bachmann, "doch diese Phase ist vorbei, heute ist nichts altmodischer als die Dekonstruktion." Modern ist für ihn die Fabel, "die archaische Verabredung, dass Menschen auf der Bühne Menschen im Publikum etwas erzählen", sagt Bachmann.

Mit welchen Stücken er das versuchen will, gibt er erst im Mai bekannt. Nur dass ein gewaltiger Text darunter sein wird, hat er schon verraten: die Genesis, das erste Buch der Bibel. In Zürich hat er diesen Text schon einmal inszeniert. Wortwörtlich. Mit all den Namen des Stammbaum-Exkurses in der Völkertafel, die neben anschaulichen Geschichten wie der von Adam und Eva auch darin enthalten ist. "Die Bibel ist die Gärzelle der großen Konflikte, die bis heute die Welt bestimmen", sagt Bachmann, "zugleich ist sie ein Urtext, wenn man sich mit ihr beschäftigt, hat man wirklich das aufregende Gefühl, an der Urquelle des Erzählens zu graben." In Köln wird er eine überarbeitete Fassung zeigen und Darsteller aus seinem neuen Ensemble auf die Bühne holen.

Auch das ist Teil seines Konzepts: Bachmann möchte nur mit eigenen Schauspielern arbeiten, keinen Gästezirkus veranstalten, kein "Air-Berlin-Theater", das Stars ein- und ausfliegt. "Ich habe das bei der Auswahl meiner Darsteller zur Bedingung gemacht", sagt Bachmann, "wer bei mir spielt, spielt nur in Köln und muss auch hierher ziehen, nur dann kann ein Theater lokale Qualität entwickeln, das ist meine Ideologie." Seine Stimme wird da sehr energisch, er hat Grundsätze, an denen lässt er nicht rütteln.

Bachmann gehört zu den Regisseuren, die sehr früh, sehr schnell Karriere gemacht haben. Ähnlich wie seine Vorgängerin Karin Beier. Er war 25, als er anfing, mit Theatermachen Geld zu verdienen, wurde bald zum Nachwuchsregisseur des Jahres gewählt, mit 32 übernahm er das Theater Basel, machte es sofort zum Theater des Jahres, wurde zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Nach vier Jahren war der erste Energieschub verbraucht. Bachmann, während der Intendanz zum ersten Mal Vater geworden, nahm sich ein Jahr Auszeit, ging mit seiner jungen Familie auf Weltreise. "Ich musste erst mal lernen, dass ich kein Einzelmensch mehr war", sagt er heute, "und ich wollte keinen Tunnelblick auf das Theater bekommen, sondern wieder raus ins Leben." Drei Kinder hat Bachmann inzwischen und die schnelle Karriere gedanklich eingeholt. Nach dem Ausstieg arbeitete er zunächst als freier Regisseur, unter anderem in Düsseldorf. Nun sei es wieder an der Zeit für ein eigenes Theater, sagt er. "Theater ist für mich: eine Truppe gründen, mit der kontinuierlich arbeiten, dann werden Schauspieler gut."

Vier Hausregisseure werden bei Bachmann arbeiten — mit sehr unterschiedlichen Handschriften. Der neue Intendant weiß, dass er das Theater in einer Großstadt nur mit Vielfalt füllen kann. Trotzdem gebe es eine Verabredung, ein inneres Konzept für die Arbeit unter seiner Leitung, doch darüber redet Bachmann nicht öffentlich. "Theater hat wenig mit Architektur zu tun, ein neuer Intendant stellt einer Stadt kein fertiges Gebäude hin", sagt er, "eher pflanzt er etwas, das sich dann entwickelt." Wie der Garten in Mülheim, den Bachmann im Modell schon hat erblühen lassen. Ab Mai beginnt die Wirklichkeit.

(RP)