Spielzeitauftakt am Jungen Schauspiel in Düsseldorf

Theater zeigt Geschichte von Martin Baltscheit : Der „Kleine Prinz“ auf der Suche nach sich selbst

Das Junge Schauspiel eröffnet die Spielzeit mit Martin Baltscheits Fortschreibung des „Kleinen Prinzen“ – und setzt alles daran, kitschige Klischees zu umgehen.

Er fällt schnurstracks aus dem Himmel, der Kleine Prinz mit dem großen Ernst und den philosophischen Fragen. Er ist zurückgekommen auf die Erde, weil er seinen Freund sucht, den Piloten. Der hat ihm einst ein Schaf gemalt – vorsichtshalber das Tier in einer Kiste, so viel Achtung hatte er vor der Fantasie. Doch während das Theater noch mit Pfeif­ge­räuschen den freien Fall des Kleinen Prinzen inszeniert, steht der schon auf der Bühne. Und trägt rote Stiefel statt des bekannten roten Schals und hat schwarze Locken statt des blonden Knabenschopfes. In dieser Inszenierung, mit der das Junge Schauspiel an der Münsterstraße die neue Spielzeit eröffnet, wird mit großer Lust manche Bebilderung verweigert und mit klugem Witz Kleine-Prinz-Klischees gebrochen. Schließlich geht es in Martin Baltscheits neuer Geschichte des Jungen vom anderen Stern um die Befreiung einer Figur, die in Sentimentalität gefangen ist und von der Konsumindustrie als niedliches Bübchen vermarktet wird. Der Kleine Prinz muss also ein anderer werden, um wieder ganz er selbst zu sein.

In seiner Fortschreibung des Saint-Exupéry-Klassikers, die im vergangenen Jahr als Buch erschienen ist, erzählt Baltscheit, wie der sensible Außerirdische kurz vor Weihnachten ein zweites Mal auf die Erde kommt. Er hat einen Fehler begangen und das Schaf, das seinen Heimat-Asteoriden vor Überwucherung beschützt, ins All geschleudert. Nun ist der Kleine Prinz wieder auf der Suche nach dem Piloten, der ihm schon einmal mit einer Zeichnung aus der Klemme geholfen hat. Doch inzwischen ist viel Zeit vergangen. Auf den Meeren schwimmt der Plastikmüll, die Menschen leben nur noch für Konsum, und der Pilot ist vor langer Zeit in den Krieg geflogen und kam nicht mehr zurück. Der Kleine Prinz ist also in der falschen Zeit auf der Erde gestrandet, doch findet er einen neuen Freund, eine hungrige, kratzbürstige Krähe, die dem Baltscheit-Kosmos entflogen ist.

Der Düsseldorfer Autor und Illustrator hat mit „Der Kleine Prinz feiert Weihnachten“ also keine Fortsetzung des französischen Klassikers versucht, sondern eine eigenständige Erzählung geschaffen, in die er die Rezeptionsgeschichte des berühmten Stoffes geschickt hineinerzählt. Der Kleine Prinz entdeckt, dass sein Freund, der Pilot Antoine, ein Buch über ihre Begegnung geschrieben hat und dass dieses Buch ein Bestseller geworden ist. Und mit der entlarvenden Naivität, mit der schon Saint-Exupéry seinem Kleinen Prinzen zu einem sanftmütigen Rebellen machte, lässt Baltscheit den Prinzen fragen, wie es sein könne, dass Geschichten inzwischen verkauft werden, Geschichten würden doch erzählt.

Am Jungen Schauspiel greift Regisseur Frank Hörner Baltscheits Konsumkritik auf. Gespielt wird vor einem riesigen Plastiktütenberg, der Weihnachtsmann ist eine Werbefigur, die von echten Wünschen nichts versteht, und Müllmänner bekommen einen grandiosen Auftritt als die wahren Popstars der Gegenwart. Das ist frei von Sentimentalität und Man-sieht-nur-mit-dem-Herzen-Kitsch und macht den weihnachtlichen Stoff schon im Spätsommer verdaulich. Jonathan Gyles als Kleiner Prinz und Noemi Krausz, Natalie Hanslik, Selin Dörtkardes und Eduard Lind in diversen Rollen sprühen vor Spielwitz und erobern sich bald den direkten Kontakt zum jungen Publikum. Allerdings scheut die Inszenierung jeden Anflug von Poesie und gönnt sich kaum versponnen-zärtliche Momente. Saint-Exupéry-Fans dürften das stille Philosophische des Originals vermissen.

Doch ist dies ja auch eine Baltscheit-Adaption. Es geht darum, wie aus Revierverteidigern Freunde werden. Und warum einer, der das in Luftpolster-Folie gewickelte Konsum-Christkind beschädigt, bei Polizei und Psychiater landet. Am Jungen Schauspiel ist das mit viel Tempo und Humor zu erleben. Im fantastischen Finale entscheidet sich der Junge mit den roten Schuhen, seinen eigenen Weg zu gehen. Der Kleine Prinz ist auf der Bühne ein anderer geworden und lebt in der alten Geschichte fort.

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