Theater in Düsseldorf: Sozialer Brennpunkt Abiball

Theater in Düsseldorf: Sozialer Brennpunkt Abiball

Für viele ist das eine Zäsur: der Ball zum Schulabschluss. Sarah Nemitz und Lutz Hübner bringen das Fest in Düsseldorf auf die Bühne.

Jonas hat alles organisiert. Die Halle, den Türsteher, die Technik. Er ist der Streber, den keiner mag, und der ganze Stolz seines Vaters. Als Personalchef kennt der sich aus mit Erfolgsbiografien, hat den Sohn in Begabtenprogramme und Scientific-English-Kurse gemanaged, nur die sozialen Kompetenzen des Kindes machen ihm Sorgen.

Lucy ist Jahrgangsbeste und sitzt mit zwei Vätern am Tisch, dem leiblichen und dem sozialen, natürlich geht das nicht lange gut. Und Malina sollte eigentlich gar nicht da sein. Sie ist vor zwei Jahren von der Schule geflogen, Kiffen auf dem Schulhof, und hat danach eine harte Zeit durchgemacht. Jetzt will sie noch mal sehen, mit wem sie da eigentlich ihre Jugend geteilt hat, ehe sie aus allem herausfiel.

Natürlich ist ein Abiball keine harmlose Party. Zum Ende der Schulzeit erleben Familien ein mit Erwartungen überfrachtetes Schaulaufen, bei dem Jugendliche tun, als seien sie 30, und Erwachsene, als seien sie 18. So heißt es im neuen Stück „Abiball“ von Sarah Nemitz und Lutz Hübner. Jedenfalls bietet diese pompös eingekleidete Feier an der Schwelle zum Erwachsenwerden den beiden Gegenwartsautoren beste Gelegenheit, in die deutsche Gesellschaft zu blenden, von den Träumen und Überforderungen junger Leute zu erzählen und den Loslass-, Selbstfindungs- und Abstiegsängsten ihrer Eltern, von Durchstartern und Spätzündern, und von sozialen Differenzen.

Nemitz und Hübner tun das auf gewohnt unterhaltsame Art. Sie haben ja einen geübten Blick für soziale Phänomene, entwickeln daraus Figuren, die so typisch sind, dass man über sie lachen kann, auch wenn man sich selbst darin erkennt. Das hat schon in Erfolgsstücken wie „Frau Müller muss weg“ oder „Willkommen“ funktioniert und ist auch ihr Rezept für „Abiball“. Nemetz und Hübner spielen mit Klischees, sie überzeichnen und parodieren, aber sie denunzieren ihre Figuren nie. Im Kern sind ihre Stücke versöhnlich: Seht her, so sind wir und können nicht anders. Das ist Gesellschaftskritik light – ohne Überheblichkeit. Aber auch ohne den Zorn, der auf Veränderung dringt.

Für die Uraufführung von „Abiball“ am Düsseldorfer Schauspielhaus hat Regisseur und Videokünstler Robert Lehniger auf der großen Bühne im Stammhaus des Theaters am Gründgens-Platz einen Festsaal herrichten lassen. Ein Teil des Publikums sitzt an runden Tischen, es gibt eine Bar und ein DJ-Pult. So ist der Zuschauer gleich Teil des Geschehens, die Schauspieler sind ihm ganz nah. Allerdings muss er das Geschehen an vielen Orten verfolgen, die Handys laufen, viele Szenen werden in den Raum projiziert. Ständig muss das reale Spiel mit dem Video konkurrieren. Und weil das Stück mit schnellen Schnitten arbeitet wie im Film, wirkt das anfangs alles hektisch.

Doch sind die Figuren und ihre Konflikte ja eindeutig angelegt. Die Rektorin ist die biedere Karrierefrau, die den Spott der Schüler auf sich zieht. So muss Meike Fuhrmeister in einer Kracherszene „Flashdance“ ins Mikro hauchen, dazu Ausdruckstanz der peinlichsten Sorte, Lacher garantiert. Sebastian Tessenow ist bis in die Spitzen seines trendigen Vollbarts der verbissene Vater, der dem Sohn erklärt, wie Leben geht. Cathleen Baumann und Minna Wündrich verkörpern in amüsanter Überzeichnung gegensätzliche Muttertypen. Bei den Männern bilden Serkan Kaya und Jan Maak das Kontrastpaar aus kindischem und spießigem Daddy. Und Manuela Alphons blamiert sich mit Wonne als renitente Oma, die gleich an den schönsten Tisch strebt und Sektchen ordert.

Dazu diverse Schülertypen: Vincent Sauer etwa als kläglicher Anpasser Jonas, Genet Zegay als erfolgsverwöhnte Lucy oder Naima Laube als Fast-Abiturientin Malina, der man jede Eskalation bei dieser Feier zutraut. Das ist alles gut gespielt, aber wenig überraschend. Man kennt das Personal und ahnt, wie es sich entwickelt.

Es sind eher die Randfiguren, die ein wenig Irritation ins Spiel bringen. Rudi Grieser etwa, der mit langen Haaren und Stöckelschuhen wie ein queerer Engel zur Party hinabsteigt und das hohe Fest der Konformität allein durch seinen Körper stört. Oder Andrei Viorel Tacu, der zwar so alt ist wie die Abiturienten, aber als rumänischer Einwanderer im Fitnessstudio arbeitet und an Tagen wie diesen den Sicherheitsmann spielt. Da scheint kurz auf, dass das Partyvolk eine geschlossene Gesellschaft ist, die mit einiger Selbstgefälligkeit den Aufbruch ihrer Kinder in die gehobenen Karrieren feiert.

Auf die zunehmende Kommerzialisierung des Abifestes haben es Nemitz und Hübner weniger abgesehen. Dass Abiturienten inzwischen in teurer Abendgarderobe und Luxusautos zur Abschlussfeier rauschen – wie ihre Vorbilder in den USA –, spielt bei ihnen keine Rolle.

Es geht ums Loslassen und ums Erwachsenwerden, um Charakterzüge, die sich schon bei Schulabgängern ablesen lassen, und um Segen und Fluch der ungeheuren Freiheit, die sich am Schulende plötzlich auftut. Am Ende werden zwei Lehrer die Arme recken wie müde Boxer, die auch diesen Kampf hinter sich gebracht haben – auf in die nächste Runde.

Doch das Theater kapituliert, als der Partymorgen graut. Die letzten Schritte der Figuren in die Freiheit erlebt der Zuschauer nur noch als Film-Einspieler. Das Video ist da nicht mehr ein Mittel auf der Bühne, es übernimmt das Erzählen ganz und soll den Blick weiten für die Wirklichkeit da draußen. Früher, als Abiturienten noch Parkas trugen und steife Partys mit den Eltern sich verbaten, hätte man das noch pixelfrei hinbekommen.