Sophie Schönberger über NS-Raubkunst

Restitution von Kunstwerken : Wie Kunstwerke heilen können

Die Rückgabe von NS-Raubkunst bietet viele Chancen der Verständigung, aber auch die Gefahr von neuem Antisemitismus droht.

Es vergeht kaum ein Monat, in dem nicht über die Rückgabe eines Kunstwerks groß die Rede ist. Sogenannte Raubkunst, Bilder also, die Nazis den jüdischen Besitzern entrissen hatten.  Solche Restitutionen sind stets mehr als bloß juristische „Altlasten“, die gut 70 Jahre nach der Shoa, dem Massenmord an der europäischen Juden, geklärt werden. Eine solche Sicht verkennt zudem die Tragweite der Korrekturen von Unrecht. Denn inzwischen wird die geraubte Kunst nicht mehr nur den Besitzern zurückgegeben, sondern durch den großen zeitlichen Abstand zum Völkermord weit häufiger den Erben.

Dann wird Wiedergutmachung auch zu einem symbolischen, gelegentlich umstrittenen Akt: Es wird darüber diskutiert, ob die Rückgabe überhaupt nötig sei oder gar rechtens. Und solche Vorbehalte münden in einen offen bekundeten Unmut, wenn hochpreisige Kunstwerke kurz nach der Restitution gleich wieder verkauft werden.

Ist das etwa „unerhört“? Allenfalls aus einem falschen Verständnis echter Wiedergutmachung heraus. Denn wenn es wirklich darum gehe, sich zu begangenem Unrecht zu bekennen, könne man nach den Worten der Düsseldorfer Rechtsprofessorin Sophie Schönberger keine Anforderungen an die Gegenseite stellen. „Damit dementiere ich nur meine Geste. Der andere muss überhaupt nichts“, sagt sie. Für die 40-jährige Juristin – die über die späte Rückgabe von NS-Raubkunst das Buch „Was heilt Kunst?“ geschrieben hat – ist diese merkwürdige Anspruchshaltung und der Unmut das große Problem: „Plötzlich müssen sich die Erben rechtfertigen. Aber: Sie haben jedes Recht, frei über über das zurückgegebene Kunstwerk zu verfügen. Kritik daran widerspricht dem Gedanken der Wiedergutmachung. Es geht nicht darum, dass wir uns dabei wohlfühlen.“

Und es kommt in diesem fragilen Akt und seiner historischen Dimensionen noch etwas anderes hinzu: Wer Schuld anerkennt mit der Rückgabe – seine eigene, aber auch die seines Landes – brauche jemanden, der sie auch annimmt. Und das ist eben nicht immer der Fall. Die Seite der Täter hat keinerlei Anspruch darauf, von der Seite der Opfer akzeptiert zu werden.

Restitution läuft mitunter sogar Gefahr, sich ins Gegenteil zu verkehren und neuen Antisemitismus zu produzieren. Das hat nach Ansicht Schönbergers auch mit dem heiß gelaufenen Kunstmarkt zu tun. Dort nämlich erwächst das immense Interesse daran, dass Kunstwerke, die plötzlich aus Museen wieder in private Hände gelangen, möglichst schnell in den Verkauf kommen. Schon das erzeuge nach Einschätzung der Juristin bei vielen ein ungutes Gefühl. „Zum anderen bedient es genau die übelsten antisemitischen Klischees.“

Die ganze Debatte über NS-Raubkunst, die hierzulande überdies erschreckend spät geführt und dann lange Zeit eher am Rande behandelt wurde, hat inzwischen unsere Kunstrezeption gewandelt. Museen gelten als Orte, an denen sich die Bürgergesellschaft vorbehaltlos ihrer Kultur und ihrer Geschichte vergewissern konnte. Diese Unschuld aber haben die beeindruckenden Monumente verloren. Auch das sei eine Sache, die für viele Akteure nur schwer zu verkraften ist. „Wir entdecken jetzt verstärkt, dass Objekte eine Geschichte haben. Sie sind nie unschuldig, bloß weil sie im Museum zu sehen sind. Erst langsam wird der Kontext jedoch zum Gegenstand der musealen Aufarbeitung“, so Schönberger. Zwar seien die ethnologischen Sammlungen vor dem kolonialen Hintergrund in diesem Sinne nie unschuldig gewesen – und die aktuellen Debatten ums Berliner Humboldt-Forum sind ein Beispiel dafür. Doch jetzt muss sich die Gesellschaft eingestehen, dass es bei der NS-Raubkunst im Grunde dasselbe ist.

Die Restitutionsdebatte setzte in Deutschland nur verzögert ein, und dennoch bietet sie immer noch eine große Chance: Sie könnte nämlich einen neuen Zugang zur Vergangenheit bereiten, nachdem die sogenannte Erlebnisgeneration nicht mehr Auskunft geben kann. Das gelingt auch schon, manchmal jedenfalls, sagt Schönberger, wenn es nicht gleich um teure Gemälde geht. „Je weniger wertvoll und bedeutsam die Gegenstände sind, desto besser funktioniert eine Rückgabe.“

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