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Berlin: Sofortbilder von Helmut Newton

Berlin : Sofortbilder von Helmut Newton

Ob er die Frauen am Strand, in Hotel-Suiten oder vor Industrie-Ruinen ablichtete: Immer blickten seine androgynen, muskulösen Schönheiten mit kühler Arroganz in die Kamera. Oft waren ihre lasziven Körper nur mit dem Nötigsten bekleidet. Manchmal trugen sie nichts als hochhackige Schuhe. Helmut Newton, 1920 in Berlin geboren und 2004 in Los Angeles gestorben, war nicht nur einer der bekanntesten Fotokünstler des vergangenen Jahrhunderts. Er war auch der Meister des fotografischen Soft-Pornos. Seine erotischen Arrangements waren stets ein nicht eingelöstes Versprechen, weckten sexuelle Fantasien, die weit entfernt von jeder Realisierung waren. Denn die vermeintliche Spontaneität dieser nackten Schönen war immer inszeniert, die Körper perfekt ausgeleuchtet. Dem Zufall hat Newton nie eine Chance gegeben.

Wer jetzt gehofft haben mag, die Helmut Newton Foundation würde uns mit der Ausstellung von über 300 Polaroids im Berliner Museum für Fotografie einen neuen, unbekannten Künstler zeigen, dürfte enttäuscht sein. Denn die kleinen Palaroids, im Museum zu großen Formaten aufgeplustert, dienten Newton nicht dazu, fotografische Experimente auszuloten, neue Motive und Möglichkeiten zu erkunden. Im Gegenteil: Die Sofortbildkamera, die Newton stets im Gepäck hatte und oft benutzte, war nur Hilfsmittel, um einen ersten Eindruck von der Lichtsituation und Bildkomposition zu bekommen, die er bei seinen für Hochglanzmagazine und Modehäuser arrangierten Foto-Shootings ins Visier genommen hatte.

Die Polaroids, aufgenommen in Monte Carlo und Nizza, Paris und Mailand, sind Vorstudien und wirken wie Skizzen zu den perfekt abgelichteten Szenen, wie sie dann in langen Fotostrecken im "Stern" oder im "Playboy", in "Vanity Fair" oder in der "Vogue" zu sehen waren. Auf den Polaroids ist alles schon vorhanden, nur eben noch im Stadium des Ungefähren, das zum Perfekten strebt: die nackt auf zerwühlte Betten drapierten Schönen, die mit zerzausten Haaren im Wind stehenden Modepuppen, die wie erotische Aliens in eine zerstörte Industriebrache gefallenen Sexobjekte. Beim Betrachten spürt man förmlich, wie Newton die auf den Polaroids festgehaltenen Arrangements überprüft und für seine hoch dotierten Foto-Sessions in die endgültige Form bringt. Die von Helmut Newtons Witwe June eröffnete Ausstellung behauptet zwar, die Polaroids hätten dem Meister "besonders am Herzen" gelegen. Zu sehen, zu spüren ist davon aber wenig. Wenn man durch die riesigen Räume schlendert, ist es ein bisschen so wie bei einem Dia-Abend, bei dem ein euphorischer Gastgeber hunderte Fotos seines letzten Urlaubs präsentiert: Der Gast kann die Begeisterung nicht recht teilen und fragt sich, ob nicht ein paar wenige wirklich gute Bilder besser gewesen wären.

Info Die Ausstellung ist noch bis zum 20. November im Berliner Museum für Fotografie zu sehen, Jebensstraße 2, Telefon: 030 /266424242

(RP)