Fotoausstellung der Bochumer Situation Kunst Atelier im Stahlwerk

Bochum · Der Fotograf Dirk Reinartz hat Entstehungsprozess und Gestalt zahlreicher Skulpturen von Richard Serra dokumentiert. Zum 85. Geburtstag des Bildhauers sind die Aufnahmen im Kubus der Stiftung Situation Kunst zu sehen.

 Einen Mann bei der Arbeit im Stahlwerk fotografierte Dirk Reinartz (1947–2004).

Einen Mann bei der Arbeit im Stahlwerk fotografierte Dirk Reinartz (1947–2004).

Foto: Dirk Reinartz

Kürzlich feierte Richard Serra seinen 85. Geburtstag. Wer angesichts der Bekanntheit des US-Bildhauers gemutmaßt hatte, der Kunstbetrieb würde sich anlässlich dieses Datums mit Jubiläumsausstellungen überschlagen, der irrt. Geht man auf die Website von Serras Stammgalerie Gagosian, so taucht dort in der Rubrik „Museum Exhibitions“ keine einzige aktuelle Show des Meisters auf. Und das, obwohl Serra mit seinen abstrakten Kolossalskulpturen aus Stahl in den vergangenen Jahrzehnten sowohl im Museum als auch im öffentlichen Raum weltweit markante Akzente gesetzt hat.

Gut, dass es Alexander von Berswordt-Wallrabe gibt. Der Serra-Vertraute, der Arbeiten des Künstlers früh in seiner Bochumer Galerie m gezeigt hat, präsentiert in der von ihm gegründeten Situation Kunst eine Ausstellung, die den Bildhauer ehrt. Und nicht nur das: Die Schau im Bochumer Kubus (2010 auferstanden aus den Ruinen des kriegszerstören Haus Weitmar) schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe. Zum einen vergegenwärtigt sie die massiven, gleichwohl Leichtigkeit und Eleganz verkörpernden Skulpturen, von denen sich eine Reihe im Ruhrgebiet befindet; zum anderen lenkt sie das Augenmerk auf den famosen, leider zu früh verstorbenen Fotografen Dirk Reinartz (1947–2004).

Über viele Jahre hielt er Entstehung und Aufbau der Skulpturen mit der Kamera fest. Die Henrichshütte in Hattingen oder die Dillinger Hütte, sie waren die Geburtsorte der über den Globus verstreuten Großplastiken – internationale Kunst Made in Germany.

Die „Bramme für das Ruhrgebiet“ ist eine minimalistische Skulptur des amerikanischen Künstlers Richard Serra.

Die „Bramme für das Ruhrgebiet“ ist eine minimalistische Skulptur des amerikanischen Künstlers Richard Serra.

Foto: Dirk Reinartz

In den Walzwerken ging Reinartz ein und aus. Doch war der in Aachen geborene Fotograf, in den 1970er-Jahren als Fotoreporte beim „Stern“ bekanntgeworden, mehr als ein autorisierter Dokumentarist. Ihn und Serra verband eine freundschaftliche Verbindung; deren sinnfälliger Ausdruck ist die Skulptur „Dirk’s Pod“, die der Bildhauer 2004 für den Novartis-Campus in Basel schuf.

Was bei der Ausstellung im Kubus von Situation Kunst verblüfft: Während Richard Serra tonnenschwere Stahlzylinder und Stahlblöcke in den Raum wuchtet, wo sie als Variationen über Schwerkraft und Gleichgewicht, Versperren und Öffnen die Wahrnehmung fordern, sind die werkbegleitenden Fotos geradezu winzig. Anders als manch ein Fotokünstler, der sein Heil im Blow-up sucht, begrenzte Dirk Reinartz seine analogen Schwarz-Weiß-Fotografien auf ein intimes Format. Effekthascherei war ihm ein Gräuel.

So muss man dicht herantreten an die Aufnahmen, die den Herstellungsprozess im Walzwerk, in der Schmiede und in der industriellen Weiterverarbeitung festhalten – am Ende des Rundgangs erwartet den Besucher eine Auswahl von vollendeten Serra-Skulpturen. Die Umformung von Stahlplatten, das Walzen der Grobbleche, das Schmieden von Stahlblöcken, solche brachialen Malocher-Vorgänge hat Reinartz mit einem Nuancenreichtum der Schwarz- und Grautöne eingefangen, der jedem gemalten Stillleben zur Ehre gereichte.

„Die Fabriken und Stahlwerke sind mein erweitertes Atelier“, hat Richard Serra gesagt. Einen besseren Ateliergenossen als Dirk Reinartz hätte sich der Bildhauer nicht wünschen können.

Info „work comes out of work. Fotografien von Dirk Reinartz zur Entstehung von Skulpturen von Richard Serra“. Ein Projekt der Stiftung Situation Kunst, Ausstellung im Kubus von Situation Kunst (für Max Imdahl), Bochum, bis 12. Mai 2024.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort