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Signora Brunetti – Donna Leon zum 70.

Signora Brunetti – Donna Leon zum 70.

Die amerikanische Schriftstellerin legt jeden Frühling einen neuen Fall für Commissario Brunetti vor. In diesem Jahr gibt es ein Doppeljubiläum: Brunetti ermittelt in seinem 20. Fall, und am Freitag wird Donna Leon 70. Sie ist eine Bestseller-Autorin, die nicht berühmt sein möchte.

Venedig Vor der Gratulation, vor den freundlichen Worten kommt erst eine Beschwerde: Donna Leon hätte besser auf ihre Romanfigur Commissario Brunetti Acht geben müssen. Die amerikanische Schriftstellerin, die seit 30 Jahren in Venedig lebt, hätte nicht zulassen dürfen, dass in der Verfilmung für das deutsche Fernsehen Joachim Król vier Mal den Commissario gibt. Król, ein großartiger Schauspieler ohne Zweifel, passt nicht zu Brunetti. Der Italiener ist elegant, gewieft, hat einen Sinn fürs Schöne (Frauen, Essen, Literatur) und immer das richtige kriminalistische Gespür.

Es ist tröstlich zu wissen, dass nicht nur der treue Leser mit diesen Filmen fremdelt, in denen außer dem Canal Grande rein gar nichts italienisch wirkt. Die Autorin selbst ist nicht begeistert von der Adaption. "Die Filme sind sehr deutsch, überhaupt nicht italienisch", sagt sie – und das kann man durchaus als Entschuldigung fürs fehlende Aufpassen gelten lassen.

Deshalb nun die Gratulation, denn Donna Leon feiert in diesem Jahr ein doppeltes Jubiläum. Am Freitag wird sie 70 Jahre alt, und Brunetti ermittelt in seinem 20. Fall, "Reiches Erbe". Wie erfolgreich Leon ist, lässt sich in Zahlen nicht konkret ausdrücken. Ihr Verlag, Diogenes in Zürich, veröffentlicht keine Auflage, aber startet bei jedem Brunetti-Fall mit 200 000 Büchern. Jeder Autor, der mehr als eine Million verkaufte Exemplare aufweisen kann, erhält verlagsintern zudem die "Goldene Eule". Donna Leon bekam sie schon 1998 – nur fünf Jahre, nachdem ihr erster Krimi erschienen ist. Jedes Jahr im Frühling folgt ein frischer Band. 2013, das steht schon fest, erscheint der 21. Fall, für den Brunetti in einem Schlachthof ermittelt und sich übers Fleischessen Gedanken macht.

Donna Leon, die an den meisten Tagen eine weiße Bluse trägt, kennt für ihre Bücher kein Oberthema, sie lässt sich leiten von aktuellen Diskussionen. Sie greift die Lebensbedingungen der Illegalen auf, sie setzt sich mit der Macht der Kirche auseinander, mit Müllschiebern, Missbrauch, mit Drogenhandel, menschlichen Dramen.

Vielleicht ist deshalb nicht jeder der bislang 20 Krimis ein spannendes, gutes Buch, die Qualität schwankt wie eine Gondel, wenn ein Wasserbus vorbeifährt. Doch Brunetti ist mittlerweile wie ein alter Bekannter, dem man bei jedem Buch in einer Art Kurzurlaub durch seine Stadt folgt. Man geht mit dem Commissario essen und erfreut sich an den Beschreibungen der venezianischen Küche. Man lauscht angeregt, wenn seine Frau Paola mit ihm über italienische Politik diskutiert. Und man leidet mit ihm, wenn seine Kinder pubertätsbedingt durchdrehen, die Vorgesetzten die Ermittlungen behindern und am Ende die Drahtzieher ungeschoren davonkommen. Das Gesetz gilt in Italien eben nicht für alle. Donna Leon bedient sich vieler Stereotypen über ihre Wahl-Heimat. Aber sie kann es sich leisten. Vielleicht, weil sie dort niemand kennt.

Denn die Amerikanerin, die mit 23 ihre Heimat verließ und vor dem Schreiben als Reiseleiterin in Rom, als Werbetexterin in London und als Lehrerin an amerikanischen Schulen in der Schweiz, im Iran und in Saudi-Arabien arbeitete, entzieht sich konsequent dem italienischen Buchmarkt. Ihre Werke sind in 34 Sprachen übersetzt – Italienisch ist nicht darunter. Nur so, das glaubt die Amerikanerin, könne sie das bleiben, was sie in Venedig ist: nicht berühmt und unbekannt. Während Tausende Touristen in der Lagunenstadt nach Leon Ausschau halten und bei speziellen Führungen an Brunettis Lieblingsorte spazieren, kennen ihre Nachbarn sie nur, weil sie gemeinsam mit ihr auf dem Markt einkaufen oder neben ihr in der Bar Kaffee im Stehen trinken. "Ich glaube, es kann sehr gefährlich sein, berühmt zu werden", sagt Donna Leon. Denn viele Menschen nähmen an, mit wachsender Reputation seien sie etwas Besseres. "Ich möchte nicht besonders behandelt werden. Ich möchte ein normales Leben."

Und wenn es mal etwas mehr vom Alltag einer Bestseller-Autorin sein soll, gibt es schließlich noch eine Welt außerhalb Venedigs.

(RP)