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Serienkritik "Epstein - Stinkreich" bei Netflix

„Filthy Rich“ : Doku-Serie über den Fall Epstein

Bei Netflix kommen Opfer zu Wort, die als junge Menschen missbraucht wurden. In vier Folgen wird der Aufbau eines Prostitutionsrings durch den Multimillionär Jeffrey Epstein beleuchtet.

In Palm Beach an der Küste Floridas zeigt sich die soziale Kluft der amerikanischen Gesellschaft besonders plakativ. Die vorgelagerte Insel gehört zu den teuersten Lagen des US-Immobilienmarktes. Die Villen der Superreichen verstecken sich hier hinter meterhohen, sorgfältig geschnittenen Hecken und massiven Gitterzäunen. Über eine vierspurige Brücke ist das Millionärs-Ghetto mit dem Festland verbunden, wo sich in West Palm Beach die unteren Einkommensschichten in Bungalows und Trailer-Parks angesiedelt haben. Für die Machenschaften des Multimillionärs Jeffrey Epstein war Palm Beach ein idealer Standort.

Das abgeschirmte Anwesen auf der Insel bot die notwendige Diskretion und die ärmlichen Gegenden auf der anderen Seite ein weitläufiges Jagdrevier, in dem Epstein gezielt minderjährige Mädchen für sexuelle Dienstleistungen rekrutierte. 200 Dollar für eine Massage – das ist für eine 14-Jährige aus West Palm Beach eine Menge Geld. Aber spätestens, wenn sich der gut zahlende Klient auf der Liege herumdrehte, wurde den Mädchen mit grausamer Gewissheit klar, dass es hier nicht bei einer Rückenmassage

blieb.

Über viele Jahre hinweg, so berichten die Betroffenen in der Netflix Doku-Serie „Epstein - Stinkreich“, habe der Investmentbanker ein Netzwerk aufgebaut, in dem er unzählige Minderjährige und junge Frauen sexuell missbraucht und in die Prostitution hineingezwungen habe. Die erste einschlägige Anzeige gegen Epstein, die vom FBI nicht verfolgt wurde, geht auf das Jahr 1996 zurück. Aber erst am 6. Juli 2019 wurde Epstein verhaftet und sollte von der New Yorker Staatsanwaltschaft vor Gericht gestellt werden. Fünf Wochen später wurde er tot in seiner Zelle aufgefunden. Auch wenn die Gerichtsmediziner Selbstmord attestierten, ranken sich um die Todesursache einige Verschwörungstheorien. Schließlich hatte Epstein, der mit seiner Lebensgefährtin Ghislaine Maxwell einen Prostitutionsring betrieben haben soll, prominente Freunde, darunter Adlige und Würdenträger.

Regisseurin Lisa Bryant tut gut daran, sich in ihrer Dokumentation nicht an weiteren Spekulationen zu beteiligen. Nicht nur aus juristischen Gründen, sondern auch weil sich ihr Vierteiler nicht an der Mythenbildung um den Fall Epstein beteiligen will. Stattdessen gibt Bryant denjenigen Gehör, deren Ruf nach Gerechtigkeit über Jahrzehnte ignoriert wurde: den Frauen, die als junge Mädchen von Epstein sexuell missbraucht und zur Prostitution gezwungen wurden. Die Interviews mit den Zeuginnen werden mit großer Umsicht und Sensibilität geführt und sind dennoch schwer auszuhalten. Erschreckend sind neben den verstörenden Einzelschicksalen vor allem das Ausmaß und die Systematik, mit der hier der sexuelle Missbrauch organisiert wurde.

Später veranstaltete Epstein seine pädophilen Orgien auf der eigenen Privatinsel Little Saint James in der Karibik. Die traumatischen Erlebnisse haben die Betroffenen stark geprägt. Mit ihren Aussagen vor Gericht an die Öffentlichkeit zu gehen, ist für sie ein wichtiger Schritt, auch wenn ihnen die Genugtuung einer Verurteilung Epsteins durch dessen Selbstmord verwehrt bleibt.

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