Serie Kulturlexikon: Hexameter

Kulturlexikon : Wie schön, dass es die Versform gibt

Jetzt wird’s in unserer Reihe prekärer Kulturbegriffe sehr klassisch, und manche glauben darum: auch ein bisschen unnütz. Denn wozu muss man wissen, was genau ein Hexameter ist? Diese Frage sollte man nicht voreilig beantworten, weil sich blasphemische Anwürfe dieser Art spielend leicht auf einen Großteil von Fachbegriffen anwenden ließe.

Schließlich braucht man in der Regel keinen Hexameter, um ein Liebesgedicht zu reimen oder einen Geburtsgruß in Versform zu fabrizieren – etwa im Stile von: „Kaum zu glauben aber wahr, Philipp wird heut’ 20 Jahr’.

So ist schon einiges über den Hexameter verraten. Zwar ist er tatsächlich ein Versmaß, doch das ist so lang, dass es beinahe erzählende Ausmaße hat. Man könnte es jetzt kompliziert machen und brav memorieren, dass ein Hexameter aus sechs Daktylen besteht. Das hilft keinem so richtig weiter. Aber es gibt – wie in vielen anderen Disziplinen auch – Merksprüche, die zumeist von ziemlich eigenartigem Inhalt sind, aber vielleicht deshalb viel einprägsamer erscheinen. So lautet jedenfalls die komische Gedächtnisstütze für das Versmaß: „Im Hexameter steigt des Spingquells flüssige Säule.“ Wer die sechshebige Zeile mit diesem Spruch zur rhythmischen Grundlage macht, weiß in etwa, was ein Hexameter ist. Und wer sich den Satz ein paar Mal laut vorsagt, wird ihn in der Regel nicht mehr vergessen, so skurril ist er.

Dass der Hexameter leider doch nicht ganz sauber definiert ist, liegt vielleicht an seiner Länge. Unter den deutschen Dichtern des 18. und 19. Jahrhunderts gab es durchaus Dispute, wo genau die Untergliederungen in den langen Zeilen zu setzen sind. Das sind Fragen, die einem vielleicht an zu langen Winterabenden in den Sinn kommen. Dabei ist der Hexameter ein freundliches Versmaß, das zwischen Lyrik und Erzählung vermittelt. Während in strengen Gedichten normalerweise alles sehr komprimiert ist und verschlüsselt erscheint, geht es im Hexameter viel weitschweifiger zu. Das erkennt man recht banal schon am Druckbild einer Buchseite: In den meisten Fällen gibt es um Verse herum jede Menge Weißraum; beim Hexameter dagegen ist die Seite ausgiebig bedruckt.

Der Hexameter ist langatmiger, erklärender und darum selbst über längere Strecken gut lesbar. Die großen antiken Epen – die „Ilias“ und die „Odyssee“ – hat Homer in Hexametern verfasst. Und die sind in deutschen Übersetzungen auch heute noch ein Genuss. In dieser Versform scheint jedenfalls etwas Altes und Ursprüngliches zu schlummern. So ist die Frage doch nicht ganz so leicht zu beantworten, wofür diese ellenlange Versform heute eigentlich nützlich ist. Beantworten wir die Frage lieber nur als Leser: Wie schön, dass es den Hexameter gibt.

Mehr von RP ONLINE