Serdar Somuncu: „Ich hasse den Karneval in Köln“

Kabarettist Serdar Somuncu : „Ich hasse den Karneval in Köln“

Erdogan, deutsche Comedians und der Kölner Karneval – der in Neuss aufgewachsene Kabarettist und Autor Serdar Somuncu sprach beim Redaktionsbesuch Klartext.

Serdar Somuncu ist ein Mann mit vielen Identitäten. Geboren in Istanbul, aufgewachsen in Neuss, wohnhaft in Köln, Fan von Borussia Mönchengladbach. Außerdem: Kabarettist, Schauspieler, Autor, Musiker und einstiger Kanzlerkandidat von „Die Partei“. Der 50-Jährige bekommt das alles unter einen Hut, wie er bei seinem Besuch in unserer Redaktion bewies. Ob es um Fußball ging oder die politische Lage in der Türkei: Somuncu hatte zu allem etwas zu sagen – vor allem Substantielles.

Herr Somuncu, sollte man mit Rechten reden?

Somuncu Meine Auseinandersetzung mit Rechtsradikalismus begann in der Zeit, als ich Lesungen aus „Mein Kampf“ gemacht habe. Seitdem hat sich meine Perspektive auf das Thema immer wieder verändert. Ein Scheitelpunkt in der Betrachtung war die Flüchtlingsdebatte. In einer aufgeheizten Lage hat die Politik die Fragen, die man an sie gestellt hat, nur oberflächlich beantwortet, während Kanzlerin Merkel per Dekret verordnet hat: „Wir schaffen das.“ Das hat viele Menschen überfordert und Vorurteile geschürt. Chemnitz war eine fast logische Folge. Als ich das mal kritisch in einer Talkshow angesprochen habe, geriet ich in einen Shitstorm und wurde als Neurechter beschimpft. Haben diese Leute meinen Werdegang verpasst? Ich bin sechs Jahre in kugelsicherer Weste mit aufklärenden Lesungen gegen Rechtsradikalismus durch Deutschland getourt und habe jeden Tag Morddrohungen erhalten. Warum sollte ich plötzlich ein Nazi sein?

Reisen Sie noch in die Türkei?

Somuncu Ich reise seit drei Jahren nicht mehr in die Türkei und habe das auch nicht mehr vor, solange Erdogan an der Macht ist. Das Land hat sich zu einer versteckten Diktatur entwickelt, Erdogan hält sämtliche Fäden in der Hand. Wer anderer Meinung ist, wird verfolgt und eingeschüchtert. Ich aber sage, was ich denke, und das ist in der Türkei momentan nicht möglich, ohne Sanktionen fürchten zu müssen. Die Türken in Deutschland sind allerdings noch schlimmer. Sobald man etwas gegen ihren Präsidenten sagt, hagelt es Morddrohungen. Ich habe schon Erdogan-Sketche in der Heute-Show abgelehnt, weil es mir zu viel wurde.

Haben Sie die Hoffnung, dass hinter den Morddrohungen auch mal bloß Bots stecken?

Somuncu Wenn Sie jemand umbringen will, gehen sie nicht davon aus, dass Bots dahinterstecken. Die Bedrohung ist real. Es ist nicht so schwer herauszufinden, wo ich wohne. Da erhalte ich schon mal Anrufe wie „Ihre Frau liegt tot im Flur“. Und muss von den Dreharbeiten erst mal schnell nach Hause fahren. Zum Glück habe ich einen sehr engen Kontakt zur Polizei. Der Staatsschutz ruft regelmäßig an und sagt: Bleiben Sie heute besser mal zuhause.

Haben Sie Verständnis für Mesut Özil, der sich im Sommer mit dem türkischen Präsidenten fotografieren ließ?

Somuncu Nein, überhaupt nicht. Das war ein gefundenes Fressen für die Öffentlichkeit so kurz vor der WM. Von ihm war es aber auch sehr dumm und nicht besonders durchdacht. Wenn ich für die deutsche Nationalmannschaft spiele, treffe ich mich nicht kurz vorher mit Erdogan und sage, das ist mein Präsident. Ich sehe diese Zerrissenheit, die Mesut Özil für mich verkörpert, sehr kritisch. Ich bin 1992 eingebürgert worden und habe meinen türkischen Pass abgegeben. Die doppelte Staatsbürgerschaft ist verlockend, man kann sich, je nachdem, wie es gerade besser passt, aussuchen, wo man hingehört. Und eigentlich bleibt man so immer zwischen den Stühlen. Ich habe mich deshalb für die deutsche Staatsbürgerschaft entschieden und kann mich seitdem auch besser damit identifizieren.

Gehört es zur deutschen Identität, sich die Hand zu geben?

Somuncu und Michael Bröcker, Chefredakteur der Rheinischen Post. Foto: Krebs, Andreas (kan)

Somuncu Ich glaube, dieses Nicht-Hände-Schütteln ist eine Erfindung radikaler Muslime, um Leute wie Sie zu irritieren. Ich glaube nicht, dass so etwas im Koran steht. Und es ist mir auch egal, selbst, wenn das nach AfD klingt. Wir leben hier in Deutschland und nicht in Saudi-Arabien. Die Türkei war mal auf dem Weg Richtung Westen. Frauen haben bewusst keine Kopftücher getragen. Danach kam diese Islam-Welle, und die Fronten haben sich verhärtet. Dabei haben beide Seiten Fehler gemacht, auch die Deutschen. Helmut Kohl zum Beispiel, der nach den Anschlägen in Solingen und Mölln seinen Besuch verweigert hat. Oder die Terrortaten der NSU. Bevor man auf den NSU kam, hat man die Täter erst mal unter den Migranten gesucht. Das hat viele türkische Menschen gekränkt und sie in die Isolation getrieben. Erdogan nutzt diese Situation geschickt aus.

Inwiefern?

Somuncu Er hat insbesondere in den vergangenen zwei Jahren vieles falsch gemacht, was man nur falsch machen konnte, indem er die Türken hier immer als Teil der Türkei betrachtet hat, anstatt ihnen klarzumachen, dass sie in Deutschland leben und sich als einen Teil der deutschen Gesellschaft zu verstehen haben. Er hat dabei den Glauben als identitätsstiftendes Element für seine Zwecke missbraucht und dabei ein ur-türkisches Dogma gebrochen. Die dritte und vierte Generation der türkischen Einwanderer kennt keinen Laizismus mehr, dabei ist die Trennung von Staat und Religion das Fundament der modernen Türkei im 20. Jahrhundert. Wer aber seiner Tochter im Jahre 2019 verbietet, am Schwimmunterricht teilzunehmen, hat seinen Platz in dieser aufgeschlossenen Gesellschaft verspielt.

Ist Assimilation für Sie ein Schimpfwort wie für Erdogan?

Somuncu Assimilation heißt für mich, sich in etwas aufzulösen und sich dabei zu verlieren. Integration hingegen bedeutet, dass man Teil einer Sache wird, ohne sich dabei aufzugeben. Um herauszufinden, was das Gemeinsame sein kann, müssten wir aber erst mal den Begriff des Deutschseins definieren. Obwohl es darüber immer wieder viele leidvolle Debatten gibt, sind wir trotzdem noch nicht auf einen gemeinsamen Nenner gekommen. Wir wissen also noch nicht, was Deutschsein bedeutet. Was ich gut finde. Denn die Frage danach, was deutsch sein bedeutet, ist kein Ergebnis, sondern ein Prozess, der nicht zu Ende geht. Die deutsche Gesellschaft verändert sich ständig und deshalb steht am Ende auch keine feste Form, sondern eine veränderbare Idee des Deutschseins.

Wie beurteilen Sie die Comedy-Szene in Deutschland?

Somuncu stellte sich den Fragen der Redaktion. Foto: Krebs, Andreas (kan)

Somuncu Die ist mir viel zu gefällig. Gute Kunst sollte eigentlich immer auch ein Korrektiv zur Politik sein, aber die meisten Künstler denken nur daran stattzufinden und gehen aus Angst Kompromisse ein. Das führt zwar zu guten Quoten, aber es trägt auch dazu bei, dass die Inhalte verflachen. Kein anderes europäisches Land hat eine so karge und belanglose Comedylandschaft wie wir in Deutschland. Da erzählt jemand wie Markus Krebs einen Witz nach dem anderen, Kalauer, die man in der Kneipe erzählt, und füllt damit große Hallen. Das gleiche hat Fips Asmussen bereits vor 30 Jahren gemacht. Und es war nicht besonders lustig. Das ist ein Armutszeugnis. Wir sollten die Menschen nicht nur unterhalten, sondern auch etwas in ihnen bewegen. Ich missbrauche mein Publikum, wenn ich ihm nur belanglosen Schrott erzähle.

Was ist für Sie Heimat?

Somuncu Heimat ist, woher man kommt, wo man lebt, und was man tut. Bei mir ist das eine Mischung aus Türkei, Rheinland und Kunst.

Ist der Karneval für Sie auch Heimat?

Serdar Somuncu blätter durch die „Rheinische Post“. Foto: Krebs, Andreas (kan)

Somuncu Ich hasse Karneval, an sich und besonders hasse ich Karneval in Köln.

Was schätzen Sie an Neuss, der Stadt, in der Sie aufgewachsen sind?

Somuncu Neuss wirkt immer ein wenig beschränkt, weil es weder Großstadt ist, noch ist es Dorf. Neuss ist für mich wie die kleine, behinderte Schwester von Köln. Man ist stolz darauf, kultivierter Linksrheinischer zu sein, aber mehr auch nicht. Während Köln aber nur den Karneval hat, hat Neuss auch noch sein Schützenfest. Und nicht nur eines, sondern 35. Und nicht am selben Wochenende, sondern an 35 unterschiedlichen. Die eine Hälfte des Jahres ist also in Neuss Karneval, die andere Hälfte Schützenfest. Eigentlich gibt es in Neuss das ganze Jahr Anlass, sich zu besaufen. Viele Leute glauben mir nicht, wenn ich ihnen das erzähle: Trotzdem liebe ich Neuss. Denn diese Verschrobenheit der Neusser ist auch irgendwie sympathisch.

Sie sind Fan von Borussia Mönchengladbach, aber wohnen in Köln.

Somuncu Ja, seitdem ich denken kann, liebe ich die Borussia und staune über die realitätsferne Selbstverliebtheit des FC Köln. Beispiel: Es gibt nur eine Mannschaft, die die Meisterschaft in der Zweiten Liga feiert, und das ist der FC. Das ist so, als würde ein Kind sagen: „Ich hab ne Eins in Mathe“, obwohl es bereits dreimal sitzengeblieben ist. Lächerlich. Das beste am FC ist immer noch seine Hymne. Die ist zwar geklaut, aber trotzdem schön. Und weil die randalierenden Fans des FC genauso asozial sind wie ihre Stadt, bleibt die Südtribune auch gerne schon mal leer. Dann summen wir Gladbachfans einfach mit und freuen uns über den Auswärtssieg.

Serdar Somuncu im Interview. Foto: Krebs, Andreas (kan)

Sebastian Dalkowski fasste das Gespräch zusammen.

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