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Bochum: Seelenstriptease: "Draußen vor der Tür" in Bochum

Bochum : Seelenstriptease: "Draußen vor der Tür" in Bochum

Über diese Welt hat Gott keine Macht mehr. In David Böschs Inszenierung von "Draußen vor der Tür" in den Bochumer Kammerspielen gehört ihm der erste Auftritt. Raiko Küster lässt Gott erscheinen wie einen Heimat- und Obdachlosen, unsicher und wirr. Ungläubig liest er aus der Bibel vor, bis er von Beckmann, dem einstigen Kriegsgefangenen auf Heimreise, in ein Erdloch gestopft wird. Karg ist die Bühnen-Landschaft. Verbrannte Erde, ein armseliger Tümpel. Alles Leben scheint verdorrt, ertrunken, im Krieg gefallen. Beckmann, die Hauptfigur aus Wolfgang Borcherts Kriegsheimkehrer-Drama, verbleibt auf diesem Schlachtfeld, an Heimkehr ist nicht zu denken.

Ein Schlachtfeld ist auch seine Seele, sein Text ein beständiges Klagelied über die eigene Schuld, die er gern abtreten würde, über eine Umwelt, die keinen Platz mehr für ihn hat, über Gott, an den anscheinend niemand mehr glaubt. Eine weitere Facette seiner selbst ist "Der Andere", bei Regisseur David Bösch kein Optimist und Lebensbejaher. Er lässt seine Schauspieler tun, was sie am besten können: Florian Lange drückt als Beckmann die innere Zerrissenheit, die Erfahrung von Leid und Schrecken mit jeder Faser seine Körpers aus. Nicola Mastroberardino sitzt ihm wie ein sarkastischer Schalk im Nacken. Als böser Clown, mehr dem Tod als dem Leben zugewandt, versucht er Beckmann gleich am Anfang im Tümpel zu ertränken, noch bevor dieser sich den Selbstmord in der Elbe wünschen kann. David Bösch hat den Text, den Borchert in acht Tagen niedergeschrieben hat, gestrafft und das Figurenpotenzial reduziert. Fünf Personen machen aus dem Stationen-Drama in den Kammerspielen einen Seelenstriptease. Wie kurze Traumbilder ziehen Begegnungen an ihm vorbei: der Einbeinige (Henrik Schubert), der ihm die Absolution für seine Kriegstaten verweigert, Kristina-Maria Peters als naiv liebendes Mädchen, das ab und an prustend aus dem Wasserloch auftaucht, in dem in dieser Inszenierung schon Gott begraben wurde.

Nächste Aufführungen: 23. Mai und 6. Juni; Kartentelefon: 0234 33335555

(RP)