Schöne Klassik

Die Pianistin Yuja Wang, die Sängerin Joyce DiDonato, die Trompeterin Alison Balsom und die Geigerin Anne-Sophie Mutter sind Frauen, die auf dem Podium Eleganz und Attraktivität offensiv vereinen.

Es fegte ein Sturm der Entrüstung durch die getäfelte, sehr bedächtige Welt der Klassik-Branche, als vor 17 Jahren eine gewisse Vanessa Mae den Nachweis erbrachte, dass prominente Klassikkünstler öffentlich ein Nichts an Kleidchen anziehen können. Die Reaktion der Branche war verheerend: Wenn auch am Outfit niemand Anstoß nahm (weil er nicht als prüde gelten wollte), so mäkelten doch alle am Geigenspiel der Dame herum. Es konnte nicht sein, dass jemand sensationell aussah und auch als Musikerin eine Kanone war. Nur Anne-Sophie Mutter durfte das, aber die wird auf ewige Zeiten das deutsche Fräuleinwunder sein – mit einer Green Card für jede Tiefe des Dekolletés.

Zwischenzeitlich hat sich die altbackene Haltung der Musikwelt radikal geändert. Das liegt zum einen daran, dass die von Damen und Herren regierte Branche, die selbst allesamt auf heißen Schleuderstühlen sitzen, immer mehr ihren Werbeabteilungen vertraut, die auf Optik. Optik, Optik setzen. Und da ist das Rebellische, Unerhörte, Offenherzige, Abständige, Verruchte oder gar Billige nicht unerwünscht, sondern zulässig. Zulässig? Ach was: sehr gewollt.

Die Damen selbst, zu ihren mondänen oder gar aufreizenden Garderoben befragt, äußern sich jugendlich offensiv und sportlich. Sie hätten kein Problem damit, dass die Höhe ihrer Pfennigabsätze über zehn Zentimeter betrage – wenn andere darauf nicht laufen könnten: deren Problem! Zum Ausgleich rennt Anne-Sophie Mutter mit Turnschuhen durch die Münchner Isar-Auen und trägt ansonsten gern Jeans und ein kurzes Lederjäckchen. Natürlich Designer-Jeans!

Auch Yuja Wang wird man in ihrer Freizeit nicht wiedererkennen. Auf der Bühne ist die zierliche Chinesin gewissermaßen die fernöstliche Emma Peel des modernen Klavierspiels, nur trägt sie keine Lackanzüge, sondern ultrakurze Kleidchen, in welchen sie auf anderem abendlichen Pflaster leicht unter die Räder käme. Diese Kleidchen hätten, hat sie neulich erzählt, den gewaltigen Vorteil, dass sie mehrere in einen kleinen Koffer bekomme. Sie hasst nämlich das Warten an Gepäckbändern, weil sie nach langen Flügen erst mal eine Zigarette braucht.

Diese kurzen Röckchen von Frau Wang – oder, als Alternative, ihre langen Kleider aus dünnstem Stoff und mit tiefem Ausschnitt – hinterlassen in jedem Konzertsaal der Welt tiefe Wunden, und zwar leider bei vielen Paaren im Publikum. Während die Herren mit sehr entspannt fallendem Unterkiefer den direkten Appeal auf atavistische Reaktionsmuster begrüßen, reagieren ihre Begleitungen nicht selten mokant: "Glotz nicht so! Du sabberst ja!" Dabei sind bekanntlich Frauen die schärfsten Kritiker und zugleich Bewunderer weiblicher Attraktivität. Wie wir hören, ist es Ausdruck gigantischen Selbstbewusstseins, wenn eine Frau einer anderen zubilligt, sie sehe sexy aus und sei sehr intelligent.

Natürlich hat all dies eine Geschichte – und die begann mit Männern. Das waren einsame Helden mit Moral: der legendäre Pianist Friedrich Gulda und der Geiger Nigel Kennedy. Gulda hat ja immer im Rolli gespielt, was Puritaner des Fracks hassten, doch Joachim Kaiser, den Münchner Großkritiker, nicht störte, als er Gulda als Beethoven-Pianist Jahrhundertrang zusprach. Nigel Kennedy vertrat später auf der Bühne den Typ des Prolls, der gar kein Künstlerzimmer benötigte, weil er immer direkt aus dem Nachtasyl zu kommen schien. Irrtum: Seine Lumpen waren und sind stets Designer-Lumpen.

Gulda und Kennedy waren gewiss die Prototypen für die Löschung des Kanons, wie eine Kleiderordnung im Konzertsaal auszusehen habe. Doch auch im Parkett war vielerorts längst der Alltag angekommen. In der Royal Festival Hall in London sind seit je mehr Jeans als Krawatten zu sehen, und es war nur eine Frage der Zeit, bis auch die Künstler selbst die rigiden Regeln lockerten. Zwar wünscht es kein Mensch, dass eine Royal Albert Hall, eine Berliner Philharmonie, ein Wiener Musikvereinssaal oder eine Düsseldorfer Tonhalle zu Vulgärtempeln verkommen. Aber die Ansicht, dass zum Vortrag, zum Anhören und zur Würdigung erhebender Musik eine einengende, gebügelte und preislich erhöhte Uniform vonnöten sei, vermochte nie einzuleuchten.

Für manchen dürfte es beruhigend sein, dass einige der schönen Damen trotzdem immer noch sie selbst bleiben. Alison Balsom, die famose englische Trompeterin, verabscheut die laszive Pose. Auf Bildern präsentiert sie sich aristokratisch oder kumpelhaft, als typische Lady, die von sich sagt, mit ihr könne man Pferde stehlen. Balsom ist die feinste unter den mondänen Damen; auf der EMI-Homepage gibt es sie mit Locken, denen man den Elektrostab leider ansieht. Auch ihre deutlich jüngere norwegische Kollegin Tine Tingh Helseth hat sich noch nicht zu drastischer optischer Ansprache durchringen können. Vermutlich glaubt sie, ihr Trompetenklang sei durchdringend genug und bedürfe, was die Wirkung betrifft, keiner weiteren Bajonette.

Balsom und Helseth haben es vergleichsweise einfach, weil Trompeterinnen ohnedies Unikate sind. Bei den Sängerinnen ist das anders. Deren Welt ist gefährlich variabel, veränderlich, den Gesetzen des Marktes grausam gehorchend. Wenn wir uns vorstellen, wie viele Sängerinnen in den vergangenen Jahren auf den Markt gepumpt oder dort mit Brutalität gehalten wurden – Diana Damrau, Annette Dasch, Anna Prohaska, Christiane Karg, Mojca Erdmann, Genia Kühmeier, Kate Royal, Mandy Fredrich, Chen Reiss, Nino Machaidze und viele andere –, bedarf es rigoroser Besinnung auf die kardinalen Kriterien Stimme und Aussehen, damit die Erinnerung des Publikums zuverlässig angesprochen und abgerufen werden kann. Bei solchen Erwägungen ist etwa der Taillenumfang nicht der unwichtigste Aspekt.

Andere Künstlerinnen, die schon länger im Geschäft sind, nicht unter die Model-Rubrik fallen, fraglos Persönlichkeiten darstellen und trotzdem dem Hype der Schminke zusprechen, sind beispielsweise Simone Kermes, Vivica Genaux oder sogar die reifere Angela Gheorghiu. Gut im Geschäft ist jede von ihnen. Blendend verkauft sich etwa die US-amerikanische Mezzosopranistin Joyce DiDonato. Sie ist aber auch eine wunderbare Sängerin, die nie blufft, nie unter Niveau singt, stets intelligente Programme ersinnt.

Leserinnen werden einwenden, diese Debatte und Argumentation sei typisch chauvinistisch, plump männlich. Sie ist es mitnichten, sie spiegelt den täglichen Dialog in den PR-Etagen der Schallplatten-Labels, wo zwei Fragen gestellt werden: Wie viel Glamour verträgt eine ansonsten graue Maus? Wie viel Sex darf ich rüberbringen, ohne dass wir als Company gegenüber den Kunden unseriös wirken? Sagen wir es offen: Kann eine Frau, die diesseits der Handgelenke überaus profan, ja verdächtig aussieht, zeitgleich einen hinreißenden Chopin spielen? Unsere Meinung: Ja, diese Qualität können auch Blinde hören. Es ist nur die Frage, ob manches untrainierte Auge die doppelte Beglückung aushält.

Bei manchen Sternchen soll die Dekoration gewiss vom Inhalt ablenken, aber solche Anpreisung von Vorzügen jenseits der musischen Kompetenz fliegt immer auf. Auch Vanessa Mae blieb auf Dauer keine Große, sondern wurde durchgereicht, weil sie als Geigerin mit Anne-Sophie Mutter oder anderen einfach nicht stabil genug konkurrieren konnte. Yuja Wang – die Normale, die sich allerdings auf der Bühne gern erkältet – ist dagegen auch den meisten Männern am Klavier überlegen, das macht dieses nette Persönchen vielen Hörern unheimlich. Ihr Rachmaninow, ihr Liszt ist virtuos bis zum Anschlag und trotzdem hochmusikalisch bis ans Herz. Auf der Straße erkennt sie natürlich keiner, da ist sie bescheiden, durchschnittlich und verwechselbar wie wir alle. Nur auf der Bühne – da erwacht in Yuja Wang das Model im Mädchen. Sei es so, die Welt ist fad genug!

(RP)