Schauspielhaus-Premiere: "Fanny und Alexander"

Theater : Flucht in magische Traumwelten

Das Schauspielhaus bringt „Fanny und Alexander“ nach der Vorlage von Ingmar Bergmans Film auf die Bühne.

Die neue Inszenierung am Schauspielhaus ist ein abendfüllendes, großes Ensemblestück. Für „Fanny und Alexander“, nach Ingmar Bergmans Film von 1982, bringt Regisseur Stephan Kimmig dreizehn Schauspieler auf die Bühne. Dazu Puppen, Geister und Gespenster. Vor allem aber holt er das Theater aus dem Film zurück ins Theater. Zwei Welten ringen in der Handlung des Stücks miteinander, und man ist am Schluss erleichtert, wenn die richtige siegt. Die andere ist nämlich ein Unterdrückungskosmos , für Erwachsene und mehr noch für Kinder.

Erzählt wird ein Ausschnitt aus dem Leben der Familie Ekdahl im Schweden des frühen 20. Jahrhunderts. Großmutter Helena ist Prinzipalin eines Theaters, das ihr Sohn Oskar leitet. Nach dessen Tod während einer Probe zu Shakespeares „Hamlet“ findet seine junge Frau Emilie Trost bei Bischof Vergérus, den sie schließlich heiratet. Ihre Kinder Fanny und Alexander müssen mit umziehen in die Strenge und Askese der Bischofsresidenz. Ihrem Leid können sie sich nur entziehen durch Träume von Parallelwelten mit Geistern und Gespenstern.

Gleich die erste Szene des Abends setzt Maßstäbe für eine Bedrückung, die sich mit Unterbrechungen bis zur Pause hinzieht. Der Bischof zwingt Alexander, den zehnjährigen Sohn seiner neuen Frau, auf einen Schulstuhl. Die Inquisition beginnt. „Warum lügt man, Alexander?“, lautet die bohrende Frage des Stiefvaters, der die Kinder in sein moralisches Konzept zwingen will. Da hilft kein Anflug von Frechheit, keine kesse Gegenrede, Nachgeben ist die einzige Ausflucht. Auf der großen Bühne treffen hier die zwei wichtigsten Darsteller aufeinander. Christian Erdmann ist der Bischof. Im Ton leise, in der Haltung eher zurückgenommen, vom kirchlichen Auftrag überzeugt, tritt er seiner Welt gegenüber. Es wird quälend lange dauern, bis sich die unter diesem Pfaffenrock lauernde Bigotterie entlarvt. „Ich möchte, dass du wie neugeboren in mein Haus kommst“, so hat er seine Ehefrau begrüßt. Abschwören sollen sie und ihre Kinder dem Theaterleben. Denn: „Die Wirklichkeit ist eine Hölle.“ Erdmann tritt auf mit einer Sanftheit, die Angst macht. Dem jungen Alexander will er als Erzieher seine Wahrheit eröffnen. Hinter Alexander steht die Schauspielerin Lea Ruckpaul. Allein ihrem faszinierenden Spiel zu folgen, lohnt schon den Besuch der Düsseldorfer Inszenierung. Ruckpaul verkörpert die von inneren Dämonen verfolgte, äußerlich noch sehr kindliche Figur geradezu vollkommen. Unbekümmert erlebt man den Jungen praktisch nie, wohl aber mutig und keck, dann wieder verschlossen und abweisend, immer aber hilfesuchend: bei der Mutter, die ihm diesen schrecklichen Stiefvater beschert hat, und bei dem Geist des toten Vaters. Wie in „Hamlet“ kommentiert der die Vorfälle. Da ist sie wieder, die Theaterwelt, an die sich die Mitglieder der Familie Ekdahl klammert, wo alle glücklich sind: „Wir spielen, wir spielen, wir spielen – weil es uns Spaß macht.“ Das ist das Credo der Schauspieler, der Regisseur will mehr. In Stephan Kimmigs Inszenierung scheint auch Ingmar Bergmans Leidenschaft für metaphysische und religiöse Sinnfragen durch.

Derweil nähert sich der Abend in der Bischofsresidenz seinem furchtbaren Höhepunkt. Alexander hat behauptet, die erste Frau des Bischofs und deren Kinder seien bei der Flucht vor ihm ums Leben gekommen. Zehn Hiebe mit dem Rohrstock, als Autodafé verabreicht durch den Bischof, weil der Junge den Unterschied zwischen Lüge und Wahrheit immer noch nicht verstanden hat. Im Schauspielhaus  knallt jetzt eine entrüstete Saaltür.

Das Ensemble ist gut aufgestellt. Minna Wündrich als Emilie eine an sich selbst verzweifelnde Mutter. Katrin Pfammatter spielt eine souveräne Theaterchefin, und Andreas Grothgar und Thiemo Schwarz agieren als Vertreter  intellektueller Askese und praller Lebenslust. Und es gibt manch Skurriles. Im Bischofshaus, das vor allem ein Gebetshaus ist, trifft man sich zum Essen. Angerichtet ist das Ganze wie eine Karikatur des Letzten Abendmahls. Links Vergus‘ Schwester und das Dienstmädchen. Sie strecken dürre Hälse und gefaltete Hände aus schwarzen Kleidern. Rechts die Mutter und die Tante. Der müssen die Hände gewaltsam zum Frommsein gebogen werden. Als die Kinder schlafen gehen sollen, bringt man ihnen ein aufgeblasenes Wasserspielzeug, einen riesigen Schwan ins Zimmer, der kaum Wirkung erzielt, aber irgendwie hilflos und komisch wirkt. Dann die vielen wunderbaren Szenen mit Tanz und Gesang, Hochzeit- und Weihnachtsfeiern.

Langer Applaus nach der Premiere, vor allem für die wunderbare Lea Ruckpaul.