1. Kultur

Schauspielhaus Düsseldorf zeigt "In den Gärten der Lysistrata Teil 2"

„In den Gärten der Lysistrata Teil 2“ : Allein unter Frauen

Die Männer im Museum als Relikte vergangener Epochen, die Frauen als sich selbst reproduzierende Wesen einer ausschließlich weiblichen Zukunft. Beim Stück „In den Gärten oder Lysistrata 2“ reisen die Zuschauer in Vergangenheit und Zukunft zugleich.

Auch wenn der Bühnenhintergrund aussieht wie eine Kulisse für „Jurassic Parc“: So weit will man nicht zurückblicken im neuen Stück von Sibylle Berg, das am Wochenende im Schauspielhaus seine Premiere feierte. Aber tatsächlich geht es „In den Gärten oder Lysistrata Teil 2“ um eine Besichtigung der Vergangenheit. „Ein wunderbarer Tag für einen Museumsbesuch“, lautet einer der ersten Sätze. Prächtiges Wetter sei es, „um in die Vergangenheit zu stromern“ und „mit angenehmem Schauer vergangene Lebensformen, ausgestorbene Tiere und Menschen“ zu besichtigen, verkünden die sechs Schauspielerinnen und Schauspieler. Und laden aus einer fiktiven Zukunft zur Museumstour ins 21. Jahrhundert ein.

Immerhin: Mit dem Namen der Titelheldin einer Komödie von Aristophanes nimmt sich die Autorin eine Anleihe aus dem ersten Jahrtausend vor Christus. Damals ging es um den Kampf der Frauen gegen die Männer als Verursacher von Krieg und Leid. Indem sie sich ihren Gatten sexuell verweigerten, schufen sie eine friedlichere Gesellschaft. Und dies zu einer Zeit, als die Hellenen allerorts dem Phallus-Kult huldigten.

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In dem neuen Stück sind die Männer indes so gut wie ausgestorben. Frauen lenken die Geschicke der Welt. Die letzten noch lebenden männlichen Exemplare führen das Publikum durch ein Museum, in dem sich sieben Gärten befinden. Ob Zahlensymbolik oder nicht: Eine Welt, die in sieben Tagen erschaffen wurde, kann auch genauso schnell wieder vergehen. Auch wenn das zunächst etwas abseitig klingt: Hieronymus Bosch und sein berühmtes Gemälde „Garten der Lüste“ mit dem Triptychon aus fidelem Treiben in der Mitte, eingerahmt von Paradies und Hölle, dürfen hier mitgedacht werden.

Wie traurig sie aussehen, die virilen Exponate. In schmutziges Grau getaucht, ausstaffiert mit wahrhaft lächerlichen Accessoires. Der eine (Florian Lange) muss mal ein echter Macho gewesen sein. Jetzt hängt ihm ein Kleinkind wie ein Brustpanzer am Hals. Der andere (Jonas Friedrich Leonhardi) lugt melancholisch aus seinem Cowboyhut. Und der dritte gar (Florian Mania) hat sich irgendwann selbst mit einem Brautkleid verstümmelt. Alle drei heißen Bernd. Vier weiche Konsonanten und ein heller Vokal. Schlimmer geht’s nimmer in der Männerwelt.

Im ersten Raum, dem „Vorspielgarten“, hört man dann, wie schrecklich einfach alles einmal war. Erlebt werden kann der Beginn einer Liebe zwischen Bernd und Lysistrata, als „Er“ noch das Geschehen bestimmte. Als die Frauen aufs Schön- und Stillsein konditioniert und fortdauernd damit beschäftigt waren, ihre Körperteile im „Zustand optimaler Begattbarkeit“ zu drapieren. Während die Männer als genital-getriebene Alphatiere ihre eigenen Komplexe durch Rudelbildung kompensierten.

Und die Frauen? Friederike Wagner als eine der drei Lysistratas beschreibt ihren Vermehrungsauftrag. Sie und ihre Geschlechtsgenossinnen (Cennet Rüya Voß und Hanna Werth) sind ständig mit neuen Unterlegenheitsposen beschäftigt. Im „Präsexgarten“ wird noch einmal alles durchgeübt, bevor die Zuschauer im „Missionarsgarten“ Zeuge werden, wie den Lysistratas und den Bernds die Lust aufeinander vergeht. Dabei hat man sich medialer Unterstützung versichert. Kopuliert wird ausschließlich mit Selfies. Was bedeutet, dass egal was um die Beine herum passiert: Ein Arm bleibt stets frei. Immer musealer wirkt dennoch der Sex, bis sich die Frauen schließlich im „Friedgarten“ selbst fortpflanzen, mit technologischer Hilfe, denn jede hat zuhause einen „Ken“ im Boxspring-Doppelbett, selbstverständlich mit E-Antrieb.

In der Inszenierung von Christina Tscharyiski kommt das eigentlich sehr kurzweilige  Stück etwas textlastig herüber. Sybille Bergs kunstvolle Mischung aus ironischem Soziologen-Sprech, Lehrtheater mit Brechtscher Verfremdung und Loriot-Versen hätte man gern mit mehr Bühnenspiel erlebt. Szenische Anlässe gab es in der Tat genügend. So ebbte das meist weibliche Lachen im Zuschauerraum nach einiger Zeit merklich ab, und erst für den gelungenen Aufschrei von Cennet Rüya Voß gab es einen befreienden Zwischenapplaus.

Mit jedem weiteren der sieben Gärten wird deutlicher, wie die Frau zunehmend in die Rolle des Mannes drängt. Dass ein Baby als Rettung der Beziehung nicht funktioniert, zeigt die Führung durch den „Kindergarten“. Schließlich kippt die klassische Geschlechtstümelei um in eine neue Gender-Welt: Die Machos werden zu Hausmännern und ihrer Existenz sehr bald überdrüssig. „Wir haben die Welt gebaut, wir haben die Welt ruiniert.“ Man(n) fasst den Entschluss: „Lasst uns keinen Sex mehr haben mit Menschen, die uns verachten.“  So wird die Komödie des Aristophanes auf den Kopf gestellt.

Das ist der Anfang vom Ende. In ihrem jetzt ach so perfekten Leben machen sich die Lysistratas Gedanken über eine rein weibliche Zukunft. Wie soll das gehen? „Wenn keiner mehr da ist, der schuld sein könnte – außer uns?“