Kräftiger Küstenrock im Düsseldorfer PSD Dome Santianos Sehnsucht nach Doggerland

Düsseldorf · Die Shanty-Rocker von Santiano besingen im PSD Dome auf ihrer neuen Tour das untergegangene „Doggerland“ – und natürlich die große Liebe zum hohen Norden

 Santiano beim Auftakt ihrer Tour „Auf nach Doggerland!“ in Hannover.

Santiano beim Auftakt ihrer Tour „Auf nach Doggerland!“ in Hannover.

Foto: dpa/Michael Matthey

Es gibt unzählige Lieder, die die Schönheit von Küste und Meer besingen – nicht nur in der Volksmusik. In den vergangenen gut zehn Jahren haben die Shanty-Rocker von Santiano aus Schleswig-Holstein gezeigt, wie man das Leben zur See, Fern- und Heimweh und allerlei Geschichten von der Waterkant zeitgemäß vertont – und damit eine große, sehr bunte Fangemeinde gewinnt. Rund 4000 Zuhörer kamen gestern in den nur mäßig gefüllten PSD Dome, um mit Santiano die Anker zu lichten und zu neuen Ufern aufzubrechen: Feierten die Ärzte noch „Westerland“, den Hauptort auf Sylt, so zieht es Santiano ins „Doggerland“, nach dem auch das neue Album und die aktuelle Tour benannt sind.

Anders als den Sehnsuchtsort der Ärzte kann man „Doggerland“ nicht mehr besuchen, denn es ist versunken wie einst das mythische Atlantis. Tatsächlich besingen die Küstenbarden ein Stück Land, das laut Wissenschaft vor etwa 7500 Jahren samt seiner steinzeitlichen Siedler von den Fluten der Nordsee verschlungen wurde – schmelzende Gletscher lösten gigantische Gerölllawinen und Tsunamis aus. Die einst blühende Landschaft liegt heute auf dem Meeresgrund, zwischen Großbritannien und Dänemark. Womit wir (fast) wieder in Westerland und am Ende unseres geografischen Exkurses wären – und mitten in der aktuellen Debatte um Erwärmung, schmelzende Gletscher und steigende Meeresspiegel.

Ehe Santiano zu Geografen oder Klimaaktivisten werden, ordnet Sänger und Gitarrist Björn Both die etwas dick aufgetragenen Botschaften der eigenen PR-Leute ein. „Wir wollen nicht das Thema Klimawandel strapazieren“, sagt er, doch die Botschaft der Band ist klar: Küste und Meer und alle ihre Bewohner sind schützenswert. Both klagt über Artensterben und Vermüllung der Meere. Nicht zufällig ist Santiano Botschafter des Deutschen Komitees der UN-Ozeandekade bis 2030. Auch die Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger – Sänger und Geiger „Pete“ Sage geriet 2023 beim Segeln in Seenot und musste gerettet werden – unterstützen die Musiker. Das Engagement der Band ist nicht neu, aber „Doggerland“ lädt dazu ein, Herkunft und Identität der Band, die sich laut Ankündigung den „frühen Vorfahren der Schleswig-Holsteiner tief verbunden fühlt“, zu betonen.

Immerhin widmen die sieben Musiker, die fast alle singen und wahlweise richtig gut mit Gitarre, Geige, Akkordeon und Schlagzeug umgehen können, Doggerland und dem Thema Erde, Klima und Umwelt einige der schönsten Lieder des Abends, vor allem das nachdenkliche „Blauer Planet“ vom neuen Album: „Du bist ewig, Blauer Planet, und wir Menschen säumen deinen Weg“, singen Santiano. „Wenn ein Mensch wie ich sein kleines Leben lebt, sag was bleibt von uns? Blauer Planet!“ Es ist einer ihrer besten Texte – nachdenklich, aber kitschfrei, wie die Musik.

Für echte Seebären gibt es in Verbindung mit Meer und Segel vor allem ein Thema: die Freiheit. Mit dem Song „Es klingt nach Freiheit“ steigt die Band ein – einer dieser eingängigen Santiano-Songs, die man schnell mitsingen kann: „Es klingt nach grenzenloser Freiheit, es klingt so wunderbar nach Freiheit“. Bekannt kommt einem auch der Song „Lieder der Freiheit“ vor – ein kühnes, gelungenes Cover von Mike Oldfields „To France“. Im fetzigen „Könnt ihr mich hören“ erinnert der Refrain an Klaus Doldingers Filmmusik aus „Das Boot“. Das finale „Wasser“, das alle mitsingen, ist Santiano-Sound pur: Man wünscht sich einen Santiano-Gig in einer zünftigen Hafenkneipe oder einem urigen Pub mit Raum zum Tanzen und gutem Rum.

Der größte Teil des Programms besteht aus handfester Rockmusik, gewürzt mit Folklore und Witz: Pete Sage an der Geige kann kein Fiddler etwas vormachen. Die temporeiche Mischung aus Rock, Folk, Schlager („Wo schläfst Du heute Nacht, Marie“ könnten auch die Höhner zu Karneval singen) und irisch inspirierten Vollgas-Nummern wird nur selten unterbrochen. Das balladeske „Seine Geschichte“ feiert die Lebenserfahrung und den Wert von Geschichten, die ältere Menschen erzählen. Im Duett „Wenn ich Dich je vergess“ mit der grandiosen Vorband Lina Bo (am 13. September im Gebäude 9 in Köln zu hören) darf Both sogar romantisch werden.

Doch zu gemütlich wird es nie, denn Santiano und die Fans wollen feiern: „Wir sind zu alt, um jung zu sterben, wir feiern dieses Leben, und niemand hält uns auf“, heißt es im neuen Song „Zu alt, um jung zu sterben“. Etliche Zugaben belohnen das Publikum, darunter „Haithabu“, das Lied über ein Mädchen in der gleichnamigen Wikinger-Stadt bei Schleswig, und natürlich der Hit „Santiano“. In dem steckt das Motto der Band, des gelungenen Abends und aller Seefahrer: „Leinen los!“

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