Sandra Hüller und Hauschka bei den Ruhrfestspielen

Ruhrfestspiele : Musik-Lesung mit Hüller und Hauschka

Die Schauspielerin las, der Pianist improvisierte dazu. Eine Weltpremiere in Recklinghausen.

Sandra Hüller gibt sich bescheiden, als sie im Recklinghäuser Ruhrfestspielhauses erzählt, wie die Zusammenarbeit mit dem Düsseldorfer Musiker Volker Bertelmann alias Hauschka zustande kam: „Nachdem wir uns im Umfeld der Ruhrtriennale kennengelernt hatten, gab es viele Begegnungen rund um die Welt bei berühmten Preisverleihungen.“ Damit wird sie unter anderem die Oscar-Verleihung 2017 meinen, bei der sowohl der Film „Toni Erdmann“ mit ihr in einer Hauptrolle als auch „Lion – Der lange Weg nach Hause“, für den Hauschka die Filmmusik geschrieben hat, nominiert waren. So versprüht der Abend „Hüller trifft Hauschka“ den Hollywood-Glanz, für den das Festival unter anderem berühmt ist. Die Weltpremiere des außergewöhnlichen Konzert-Lesungs-Hybriden ist auch ein visuelles Ereignis.

Sandra Hüller sitzt an einem Tisch hinter einem Stapel Bücher, liest erste Kapitel teils noch unveröffentlichter Romane. Hauschka hat an einem offenen Flügel Platz genommen, den er nicht nur präpariert, sondern auch mit Effektgeräten verkabelt hat. Er spielt keine fertigen Kompositionen, sondern reagiert mit improvisierten Stücken auf das Gelesene. Schon der erste Text scheint ganz von selbst die Verbindung zur Musik zu suchen: „John Cage in Halberstadt“ aus Thomas Girsts Band „Alle Zeit der Welt“ beschreibt einen Besuch der Kirchenorgel, auf der eine John-Cage-Komposition mit der Tempovorschrift „so langsam wie möglich“ aufgeführt wird. Dauer: 639 Jahre.

Hauschka lässt seine Soundmaschinerie dazu Kirchenglocken imitieren, wiederholt langsam kurze Motive. Generell schafft er für diesen Abend eine Mischung aus Minimal Music und Ambient – und irgendwann verstehen die Zuschauer, dass auch die von der Decke hängenden Bühnenbildelemente aus Metall- und Holz- oder Bambusstäben Mittel zur Klangproduktion sind.

Als Sandra Hüller mit T.C. Boyles „Das Licht“ ins Chemie-Labor führt, in dem die Droge LSD erfunden wird, ist die Bühne (Lichtdesign: Jörg Bittner, Figurendesign: Florence To) endgültig Installation aus Klang und Licht. Nebelwände wandern durch die Weite, durch Licht und Schattenwurf entstehen flüchtige Räume. Dramaturgisch nicht ganz geschickt geschieht nach diesem beeindruckenden Effekt auf der visuellen Ebene nicht mehr viel, und auch Hauschkas Improvisationen wirken mehr und mehr begleitend, als dass sie zum Ereignis würden. So bleiben vor allem literarische Entdeckungen hängen – wie Karen Köhlers Geschichte eines Findelkinds, das in einem Dorf aufwächst: Ihr Roman „Miroloi“ erscheint erst im August, dank Sandra Hüller darf man sich jetzt schon drauf freuen.

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