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Sammelband über die Sängerin Nico (Velvet Underground)

Sängerin bei Velvet Underground : Niemandsland-Folklore: das Phänomen Nico

Supermodel und Warhol-Muse: Ein anregender Sammelband nähert sich der 1988 gestorbenen Sängerin (Velvet Underground) und ihrem düsteren Werk.

Manche Popstars sind so faszinierend, dass man einfach nicht über sie hinwegkommt. Selbst wenn sie gestorben sind, schafft man es nicht, sich einen Reim auf sie zu machen. Im Gegenteil: Man hat sogar noch mehr Fragen. Warum war sie so? Wie hat sie das gemacht? Was hat sie sich dabei gedacht? Was war da los?

Nico war so eine Persönlichkeit, die 1988 mit 49 Jahren auf Ibiza gestorbene Sängerin, die ihren prominentesten Auftritt auf der Debüt-LP von Velvet Underground hatte – das ist die mit der Banane. Wer kann und mag, lege sie jetzt doch bitte mal auf – auf drei Liedern ist Nico zu hören: „Femme Fatale“, „All Tomorrow’s Parties“ und „I’ll be Your Mirror“. Unheimlich schöne Lieder sind das, schreckliche zugleich, sehr verwirrende, total düstere.

Diese Stücke liefern den passenden Soundtrack zu dem großartigen Buch, das Manfred Rothenberger und Thomas Weber herausgegeben haben und Materialien zum Werk und zum Wesen Nicos versammelt. Es trägt den schönen Titel „Wie kann die Luft so schwer sein an einem Tag an dem der Himmel so blau ist“, und dass Komma und Fragezeichen fehlen, liegt daran, dass er einem Gedicht von Juliane Liebert über Nico entlehnt ist. Der massive Band will keine Biografie sein, zum Glück, er schreibt nicht vor und plappert nicht nach. Er liefert historische Texte von Lester Bangs, Julian Cope und Jutta Koether, und daneben stellt er Gedanken aus der Gegenwart von Ann Cotten und Dietmar Dath. Er funktioniert wie eine Recherche-Reise: unterschiedliche Stimmen und Dokumente, die der Leser für sich auslegen kann, um zu seinem eigenen Urteil vorzudringen.

Nico hieß eigentlich Christa Päffgen, ihre Wurzeln liegen in Köln, aber sie zog schon früh mit der Mutter nach Berlin. Nico wurde Model, sie ging nach Paris, sie war die Claudia Schiffer der späten 1950er Jahre, ein Weltstar, und Fellini schrieb ihr eine kleine Rolle in seinen Film „La dolce vita“. Nico liebte die Rocker, Jim Morrison, Hendrix und Leonard Cohen, und Dylan machte sie schließlich mit Andy Warhol bekannt. Sie wurde seine Muse, er setzte sie als Sängerin von Velvet Unterground ein, das war 1967.

Zwischen 1968 und 1974 veröffentlichte sie drei tiefschwarze Alben, die stilbildend wirkten, aber nicht glamourös waren, sondern dornig und wüst. Das war ihr Hauptwerk. Sprechgesang mit deutschem Akzent, „Niemandsland-Folklore“ heißt es darüber im Buch. Nico war eine selbstzerstörerische Persönlichkeit. Heroin, Abstieg, Schmerz. „Bei ihr sang die Seele aus dem Leib“, schreibt Thomas Gruber in dem Buch, das trifft es gut, und Morrissey sagte über ihre Stücke, sie hörten sich an wie der Klang eines Körpers, der aus dem Fenster falle: „Ganz ohne Hoffnung.“

Viele der historischen Texte in dem Band erscheinen erstmals auf Deutsch. Es gibt ein schönes Stück von Nico selbst, in dem sie von einer Begegnung mit Patti Smith erzählt. Da sind außerdem Fotos aus dem 50er bis 80er Jahren und neue Bilder von Jonathan Meese, Tal R und Cornelia Schleime, die auf Motive aus Nicos Biografie reflektieren. Man liest Analysen ihrer Soloalben, etwas über ihre Verbindung zu Iggy Pop und auch über Nicos Sohn Ari, dessen Vater Alain Delon sein soll, von Delon aber nicht anerkannt wurde.

Man kann gar nicht aufhören, und ganz automatisch hört man auch wieder ihre Lieder. Auf diese Weise kommt man ihr näher, aber ohne ihr Geheimnis zu ergründen. Mehr kann solch ein Buch kaum erreichen.

Info Manfred Rothenberger, Thomas Weber: „Wie kann die Luft so schwer sein…“, Starfruit, 625 S., 35 Euro.