1. Kultur

Salzburg besingt Kleopatra

Salzburg besingt Kleopatra

Salzburg Sie soll eher unscheinbar gewesen sein, alles andere als eine Schönheit – sagen die Historiker. Sie war die Göttin der Sinnlichkeit, eine ägyptische Aphrodite – sagen die Komponisten. An sie durften wir uns nun halten bei den Salzburger Pfingstfestspielen, welche die große, geheimnisvolle ägyptische Königin Kleopatra in den Mittelpunkt stellten. Es ging quer durch die Zeiten, von Händels Oper "Giulio Cesare in Egitto" bis zu einer Uraufführung, von Filmen mit Taylor und Bellucci bis zum ägyptischen Menü zu ägyptischer Musik.

Konzipiert hat dieses geistreich-pädagogische Spektakel die Mezzosopranistin Cecilia Bartoli. Bestückt hat diese Ägyptenexkursion – deren Etappenziele mit Cleopatra raffinata (Händel), Cleopatra sensuale (Massenet) oder Cleopatra culinaria (ägyptisches Gelage mit Musik) beschriftet sind – vermutlich ein Dramaturgen-Tross, doch Bartoli vertritt die Reise, bewirbt sie, und zwar mit nobler Attitüde: Seht her, das Programm ist der Star!

Signora Bartoli hat einen Knochenjob in diesen Tagen, zwei Mal "Giulio Cesare", dazu ein in jeder Hinsicht barocker Arienabend mit Raritäten von Sartorio, Castrovillari, Hasse und Graun – das ist im erfrischenden Wechsel von frivoler (mit Julius Caesar) und tragischer Variante (mit Marcus Antonius) ein gigantisches Pensum für die Stimme. Zum Glück besitzt Bartoli zwei davon. Wie bitte? Ja, sie hat einen wunderbar körperreichen, warmen, schier in Eselsmilch eingelegten Mezzosopran, und sie hat eine Spezialgurgel für die Koloraturen, die sie aus dünn gestellter Kehle kichert, lispelt, schlängelt, zwitschert und zuckt. So kann sie immer eine Stimme schonen, was als technische Leistung sogar den genialen Gymnastikern des Orchesters Il Giardino Armonico Beifall abnötigt.

Die fegen manches Presto-Fugato so gewissenhaft virtuos aus, dass kein Stäubchen liegen bleibt. Ebenso feinsinnig sind Giovanni Antoninis Musiker, wenn kaum ein Wind haucht und sie der einsamen Seelenspiegelei einer Adagio-Arie assistieren. Wie schön, dass das Regie-Duo Moshe Leiser und Patrice Caurier in seiner "Giulio Cesare"-Inszenierung hochmusikalisch die Klappe halten und Händel den Chef sein lassen kann; ansonsten bietet es uns eine brisante, ironische, bildersatte Operation Liebessturm. Die greift mal zu realistisch getarnter Komik (wenn der Imperator alle erreichbaren Gazetten nach Berichten über seine Kriegskunst abgrast), mal zu surrealer Erotik (wenn Kleopatra nach einem veritablen Schleiertanz auf einer putzigen Cruise-Missile-Rakete gen Schnürboden abrauscht), mal zu bohrender Bildkraft: Sesto, noch ein halbes Kind, will die Ermordung seines Vaters rächen und rennt einen Akt lang mit dem Zündsatz des Selbstmord-Attentäters am Bauch herum, bevor Caesar ihn mit weniger suizidalen Mordwerkzeugen bekanntmacht, dem Bajonett etwa.

Dass der Abend abgeht wie eine Granate, liegt an einer Besetzung, wie sie selbst bei Festspielen nur alle Jubeljahre zusammenkommt. Andreas Scholl singt die Titelpartie mit gleichsam kaiserlicher Dezenz, was zur komödiantischen Betulichkeit seines Spiels gut passt. Philippe Jarrousky als zornig-ungelenker Sesto macht mit hinreißender Attacke auf die Schwierigkeit aufmerksam, in fünf Stunden vom Kind zum Manne zu reifen. Den Schakal vom Dienst gibt Christophe Dumaux als Tolomeo, der alle niederen Instinkte in sich vereint, sogar kannibalische, und nach dem Finalapplaus in die Zwangsjacke gesteckt gehört.

Maßloser Jubel für die Sänger.

(RP)