"Salafismus – Einstieg in die Gewalt"

"Salafismus – Einstieg in die Gewalt"

Interview Professor Werner Schiffauer über die strenggläubige islamistischen Gruppierung der Salafisten

Frankfurt/Oder Wenige nur hatten bisher von der islamistischen Bewegung der Salafisten Notiz genommen. Zu klein war die Gruppe, kaum präsent in der Öffentlichkeit. Einer der wenigen Experten, die sich in Deutschland mit dem Salafismus auseinandergesetzt haben, ist Professor Werner Schiffauer (58), der an der Europa-Universität in Frankfurt/Oder Kultur- und Sozialanthropologie lehrt.

Was steht im Kern dieser Bewegung?

Schiffauer Die Salafisten sind gewissermaßen die Altvorderen, also die Weggefährten Mohammeds. Das ist eine religiöse Bewegung zurück zu den Ursprüngen des Islams; eine Reinigungsbewegung, mit der man sich wieder frei machen will von all den Einflüssen, die in der Geschichte über den Glauben gekommen sind. Es geht ihnen darum, die Urgemeinde zu beleben und den Islam authentisch zu leben.

Und ein Ziel ist dann die Herstellung des reinen Gottesstaates.

Schiffauer Nicht unbedingt. Es gibt eine quietistische Form des Salafismus, die sich von der Gesellschaft zurückziehen möchte, um dort die Religion in ihrer ganzen Reinheit zu verwirklichen. Es gibt auch die aktivistische Variante, die auf die Herstellung des Gottesstaates setzt.

Gibt es in diesem Zweig der Bewegung Muslime, die zur Gewalt bereit sind?

Schiffauer Ja. Eine Teilgruppierung im aktivistischen Zweig hat eine Tendenz zum gewaltsamen Islam. Aber das ist eine Minderheit innerhalb der salafistischen Bewegung.

Gibt es in dieser Grauzone auch Kontakte zur Terrorszene?

Schiffauer Es ist umstritten, ob es aus der Bewegung heraus zu Radikalisierungen kommt. Ein Szenario besagt: Die Anhänger werden in Distanz zur Gegenwartsgesellschaft hineinsozialisiert. Von dort aus ist es nur ein Schritt zum gewaltsamen Islam. Ein anderes Szenario besagt: Die Träger von Gewalt sind kleine, wenig organisierte Zellen, die sich aus allen möglichen – auch säkularen – Kreisen rekrutieren. Konservative Moscheegemeinden binden die Gläubigen dagegen ein und wirken der Gewalt entgegen. Wenn man die Biographien von islamistischen Terroristen ansieht, spricht viel für die letztere These.

Haben die Salafisten Zulauf?

Schiffauer Der nimmt in den vergangenen Jahren erkennbar zu. Es gibt auch eine deutliche Unterstützung aus Saudi-Arabien. Das ist nicht überraschend, zumal sich die Salafiten eher an die strenggläubigen saudi-arabischen Autoritäten orientieren. Also nicht an Ankara, die das Recht eher liberal auslegen; oder an Kairo, die zwischen Saudi-Arabien und Ankara stehen.

Wie legen die Salafisten den Koran aus?

Schiffauer Das ist bei allen muslismischen Gruppierungen ja immer die große Frage, wie diese wörtliche Offenbarung Mohammeds hier und heute zu verstehen ist.

Und was sagen die Salafisten dazu?

Schiffauer Wie alle sagen sie, dass die Offenbarung wörtlich zu nehmen ist. Aber sie müssen überlegen, was sie tatsächlich beherzigen, weil alles gar nicht ins tägliche Leben zu übertragen ist. Es gibt – grob gesprochen – zwei Grundhaltungen: Die einen sagen, erlaubt ist, was nicht verboten ist, wenn nicht sachliche Gründe dagegen sprechen. Und die Salafisten meinen: Was nicht ausdrücklich erlaubt ist, ist tendenziell verboten. Das sind unterschiedliche Formen, den Koran zu lesen.

Welche Bedürfnisse können die Salafisten in der islamischen Gemeinschaft in Deutschland befriedigen?

Schiffauer Es gibt in der Religionsgeschichte immer Gruppen, die die Reinheit der Urgemeinde herstellen wollen. Das spricht in der Regel dann vor allem religiöse Virtuosen an, die in der Welt eine gewisse Askese suchen und darin eine Erlösung zu finden hoffen. Diese Bedürfnisse nach einer besonders strikt ausgelegten Religiösität können die Salafisten befriedigen. Es gibt auch viele Konvertiten, die sich zum Salafismus hingezogen fühlen – und die dann, wenn sie der Bewegung angehören, die Fotos ihrer Kinder verbrennen, wegen des strengen Bilderverbots. Ein anderes großes Thema ist die Musik, die für strenggläubige Salafisten ebenfalls verboten ist.

Woher stammen die Mitglieder?

Schiffauer Angesprochen werden zunächst vor allem arabische Zuwanderer – mit nur geringer Ausstrahlung in die türkischen Gemeinde hierzulande. Ich habe eher den Eindruck, dass die Salafisten Zuspruch wegen der repressiven Toleranz genießen, mit der man bei uns dem Islam größtenteils begegnet. Und der dann zu der Einstellung führt: Integration führt sowieso zu nichts.

Sollte man die Salafisten verbieten?

Schiffauer Solange die Salafisten nicht mit dem Strafgesetzbuch in Konflikt kommen und von ihnen keine Gewalt ausgeht, muss eine liberale Gesellschaft das aushalten. Man muss allerdings auch sehen, dass man mit einem Verbot manche Gemeinden in den Salafismus treibt, die dann die ausgestreckte Hand Saudi-Arabiens ergreifen. Meiner Meinung nach sollte man eher das Signal aussenden, dass auch ein konservativer Islam in unserer Gesellschaft seinen Platz hat. Zumal es meine Erfahrung ist, dass sich religiöse Extremismen wieder von selbst auflösen.

Mehr zu Salafisten und der geplanten Koranschule in Mönchengladbach unter: www.rp-online.de/moenchengladbach

Mehr von RP ONLINE